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die Externen unterworſen waren. Wird auf die
S.8formen zu wenig Wert gelegt, wie e8 heute ||
leider oft geſchieht, jo ſchwinden gute Lebenbart
u. Umgangöſormen, Die Überſchäßung der Ver-
ſtandeöbildung hat in der Tat zur Vernachläſſi-
gung der Gemüts» u. Willensbildung geführt u.
eine Auffaſjung vom Lehramte gezeitigt, die man
kaum als angemeſſen bezeichnen kann. Lehrer iſt
noch nicht, wer ſeinen Zöglingen gegenüber keine
andre Verpflichtung ſühlt, als ſie dem Gebildeten
im Umgange ſelbſtverſtändlich zukommt, Zu größe»
rer Objorge wird ſich nur gehalten wiſſen, wer ſich
al3 Erzieher anſieht, beruſen, die Zukunſt der
„Zugend überall, wo e3 die Verhältniſſe bedingen,
geſtalten zu helſen. Dem übeln Eindruck, den eine
zuchtloſe Horde von Kindern macht, die wie die
Wilden aus dem Unterrichtölokal ſtürmen, eut-
jrricht immer jene falſche Auſſaſſung von der
L: Jrerxpflicht, Geht dieſe ſogar ſo weit, daß der
Lehrer ſich nur als Stundenerteiler betrachtet u.
eine Verpflichtung über Schulzeit u. Schullokal
hinaus ablehnt, ſo fehlt da3 wichtigſte Merkmal der
Einwirkung: die Dauer. Demgegenüber iſt ſeſt-
zuſtellen, daß die ſoziale Stellung des Lehrer3 ver»
langt, daß er Recht u. Pflicht zu erzieheriſcher Tätig»
keit gegenüber derihmanvertrauten Jugend überall,
auch in der Kirche, auf der Straße uſw. anerkenne
u. ausübe. Daz3 gilt namentlich im Hinblick auf
die Gefahren der Großſtadt. Seitens der Geſell»
i de3 Lehrer3 in jeder Hinſicht vorgearbeitet werden,
nicht aber da3 Gegenteil geſchehen, indem man
öſſentlich die Grenzen der Macht erörtert. Die
Angelegenheit bedarf no< der geſeßlichen Reg-
lung, indem zurzeit nur einſeitige Beſtimmungen
der Schulverwaltung beſtehen. Im Intereſſe eines
wirkungsvollen S. follten auch die Bodenſtändig-
keit der Lehrer u. die Rückſicht auf Herkommen u.
örtliche Verhältniſſe geſördert werden.
11. Faktoren des S. ſind in erſter Linie Schi»
ler u. Lehrer, in zweiter auch die Geſellſchaft u.
die Kirche. Zwiſchen Schüler u. Lehrer ſoll ſic
ein Band de3 Zuſammengehörens entwickeln, das
über die Schulzeit hinauswirkt. Das iſt ſelbſt»
verſtändlich nicht möglich, wenn der Lehrer ſich
nur al3 Vorgeſehter ſühlt, der jede Gemeinſchaft
mit den Schülern außerhalb des Unterrichts
meidet. Hier darf ſreilich nicht verſchwiegen wer-
den, daß der Glaube an eine ſolche Gemeinſchaft
heute vieljach geſchwunden iſt, da man meint, ſie
ſei gegenüber den Mächten der Straße nuhßlos3.
Statt des ſrühern Verkehrs zwiſchen Haus u.
Schule hat man daher „Sprechſtunden“ (ſ. d.)
angeſekt, die aber nur einen geringen Erſaß bil»
den. Das Gezwungene, das dem heutigen S.
unbeſtreitbar anhaſtet, iſt eine Folge dieſer Auſ-
ſaſſung, die in jeder über das Stundenmaß hin-
ausgehenden Bemühung eine unerträgliche Laſt
erbli>t. Eine ſtrengece Au8swahl der Lehrperſonen
unter dieſem Geſichtöwinkel könnte nicht ſchaden ;
Perjönlichkeiten, die ſich ſür den Schülerverkehr
Schulleben.

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für zu gut halten, gehören nicht in den Erzicher-
tand. Vgl. hierzu die in erſter Linie auf die
höhern Schulen gerichteten treſſlichen Ausführun-
gen in dem Art. Verkehr zwiſchen Lehrer u. Schüs-
ler. =- Nachdem die Schulverwaltung dem S.
jahrzehntelang wenig Beachtung gewidmet hatte,
jängt man gegenwärtig an, den Wert des Ge-
meinſchaſtslebens zu ſchäßen. Das bezeugen die
behördlichen Maßnahmen zur Förderung des
Wanderns u. Neijens, der Pflege der Schulfeſte,
des Verklehr8 mit den Eltern uſw. Auch der
Kirche muß daran gelegen ſein, daß der Lehrer
ſich al8 Erzieher überall ſühlt, haben doh die
Grenzverſchiebungen ſchon zu unangenehmen Vor-
kommniſſen beim Gottes8dienſte geführt. Endlid)
darf als geſellſchaftlicher Faktor der Staat nicht
zuſchen, wie ſich das S. verringert. Denn er hat
ein Intereſſe daran, daß au8 der Schule wohl-
erzogene Menſchen hervorgehen.
111. Geſtaltung. Man wird das tägliche Ge-
meinſchaſtsleben in der Schule al8 den Au8druck
der Lehre zu betrachten haben, die dem Unterrichte
entſpringt. Daher haben die ſog. Haus8ordnungen
(ſ. d.) viel für ſich. Sie regeln das S. nach be-
ſtimmten Geſichtspunkten u. verbürgen eine von
der Laune unabhängige Stetigkeit. Darüber hin»
aus darf erwartet werden, daß der Geiſt licher Lebensweiſe auch in der Schule wohne, u.
daß ſerner ein Mindeſtmaß guten Tons inne-
gehalten werde, Daß daher der Unterricht mit
einer Andacht (ſ. d., Abſchn. IT) beginne, iſt ſelbſt
verſtändlich ; ebenſo daß der Lehrer während der
Pauſen (ſ. d.) ein Augenmerk auf das Tun der
Schüler hat, deren Betragen beim Kommen u.
Gehen überwacht u. entſprechende Verhaltungs-
regeln mitteilt. Bei größern Sculjyſtemen iſi
über diejen Punkt eine Verſtändigung der Lehrer
unerläßlich. Namentlich) ſollten die Turuſtunden
der Volksſchule weit mehr zu ſog. Anſtands8=
übungen benußt werden. Daß dann au die
Schulſeſte (ſ. d.) im Sinne der ziehung u. der Pflege der vaterländiſchen Geſin-
nung benußt werden, verſteht ſic) von ſelbſt, Nur
denke man nicht, daß die vaterländiſche Nede allein
den erſtrebten Einſluß ausübe ; vielmehr muß der
ganze Tag ein patriotiſches Gepräge erhalten.
Endlich ſoll der Geiſt durc) einen vorbildlichen den Kindern vorgelebt werden. -- Als ein wich-
tiges Mittel, ein förderliches S. zu ſchaffen, ſind
mit Recht die Schulwanderungen (ſ. Exkurſionen,
Schulreiſe) empfohlen worden. Bei keiner an=
dern Veranſtaltung iſt die Gelegenheit zu perſön=
licher Annäherung zwiſchen Lehrer u. Schüler ſo
günſtig wie hier. Freilich bedarf e8 dabei des
pädagogiſchen Tafts (ſ. d.), der einerſeits eine Cin»
ſchränkung der gebotenen Freiheit der Schüler
vermeidet u. anderſeit3 auch keine Verminderung
der Autorität zuläßt, Dieſe beiden Klippen zu
umſchiſſen, iſt im Grunde genommen die ſchwie-
rigſte Auſgabe bei der Geſtaltung des S. -- Über

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