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wirken, ſo entwiclelte ſich an ihnen doch mehr u.
mehr ein weltlicher Lehrſtand, der ſich ſchließlich
auch zunftmäßig geſtaltete. Die Einwirkung de3
Staate3 auf das Schulweſen zeigt ſich in ſteigendem
Maße erſt in der Zeit de3 Humanismns (ſ. d.).
Die kirchlichen Wirren beſchleunigten dieſe Ent»
wilung, die durch die Einführung de3 römiſchen
Rechtes vorbereitet wurde. Im 16. Jahrh. treten
zuerſt die landesfürſtlichen Schulordnungen (ſ. d.)
auſ, welche die Verſtaatlichung der Schulen ein»
leiten. Straſſeres ſtaatliches Eingreiſen zeigt ſich
bejonder3 in der Zeit der Aufklärung. In Öſter-
reich handelte die Kaiſerin Maria Thereſia nach
ihrem Ausſpruch: Das Schulweſen iſt u. bleibt
allzeit ein politicum. Die Volksſchule von heute
geht in Deutſchland in das 18. Jahrh. zurück.
Ihre Einrichtung beruht allgemein auf dem ſtaat-
lichen Schulregiment, auf der vom Staate an»
geordneten Schulauſjicht, auf der der Gemeinde
od. der Grundherrſchaſt auferlegten Pflicht der
Schulerrichtung u. Schulerhaltung, auf der ſach»
müßigen Ausbildung der angehenden Lehrer u.
der Feſtſtellung von Pflichten u. Rechten ihres
Lehramtes. Der Schulzwang (ſ. Schulbeſuch)
wurde nicht allgemeine Einrichtung, ſondern blieb
auf Preußen u. kleinere proteſtantiſche Gebiete
beſchränkt ; in den katholiſchen Ländern blieb man
bei der Kontrolle der ſchulreiſen Kinder u. der
gütlichen Auſſorderung an die Eltern ſtehen. Das
Privatſchulwejen wurde ebenfalls verſchieden recht»
lich feſtgelegt: bald mit größerer, bald mit ge=
ringerer Strenge. Für die Entwieklung der Fach»
ſchulen war dieſe Zeit beſonders wichtig. Die
Gliederung dieſes Unterrichtöweſen8 bot auch der
Privatſchultätigkeit reiche Möglichkeiten. Jn der
Gegenwart iſt in Deutſchland u. Öſterreich, in
der Schweiz u. in den nordiſchen Staaten das
reichgegliederte Schulweſen gleichwohl einem ſyſte-
matiſchen Bildungsweſen, deſſen Träger der
Staatsgedanke geworden iſt, eingeordnet. Die
Volksſchule bildet ein einheitliches organiſches
Ganzes, an das ſich die höhere Schule reiht, die
zu den Hochſchulen hinüberſührt. Das Lehrer-
bildungsweſen iſt durch den Staat geregelt. Der
hänsliche Unterricht hat an Bedeutung dabei ein-
gebüßt u. ſteht mehr außerhalb Deutſchlands
(3. B. in England) noc< in Geltung. -- Doch
hat die allmähliche Verſtaatlichung des Schul-
weſens die Gründung von P. nicht ganz be?
ſeitigt. Auf katholiſcher Seite haben beſonder3
die Ordenögeſellſchaſten die alte Überlieferung
ihrer Hirche weitergeführt u. in zahlreichen, meiſt
mit Internaten verbundenen Lehranſtalten ſür
Erziehung u. Unterricht gejorgt. Auch einzelne
namhafte Pädagogen haben ſegensvoll wirkende
P. unterhalten: jo Peſtalozzi (Iſerten, Stans),
die Philanthropiſten (j). Philanthropinum), Fel»
lenberg (1). d.; Hoſwyl), Joh. Daniel Falk (f. d.;
Weimar), Stoy (ſ. d.; Jena), Bender (Wein»-
heim a. d. Bergſtraße), Türk (Oldenburg u.
Vevey), Zoller (Stuttgart), =- Es darf auch an
Privatſchulen,

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Herbarts8 (ſ. d.) privaten Verſuch, für ſeine päd»
agogiſchen Vorleſungen eine Art Übungsſchule zu
gewinnen, hier erinnert ſein; ebenſo an Ziller3
(ſ. d.) Seminarübungsſchule in Leipzig u. an
Dinter3 (ſ. d.) mit großen perjönlichen Opfern
unterhaltene3 privates Lehrerſeminar. Cin Gang
durch die Geſchichte der Pädagogik unter dem Ge»
fichtöpunkte der Entwieklung des privaten Schul-
weſens wäre ertragreich, doch iſt er noh nicht
gemacht worden. In der Gegenwart iſt das pri-
vate Schulweſen im allgemeinen auf die Vor»
bereitung der Schüler für die ſtaatlich vor-
geſchriebenen Berechtigungsprüſungen eingeſtellt.
Haben ſrüher die Winkelſchulen (|. d.) dem ge-
diegenen Schulwejen Abtrag an Anſehen getan,
jo iſt die Gefahr nicht ausgeſchloſſen, daß die
modernen P. durch ihre Entwielung zur „Preſſe“
ihre pädagogiſche Bedeutung verlieren u. mehr
Gewerböunternehmungen werden. Neueſtens ver=
dienen die „Verſuchsichulen“ (ſ. Verſuche, päd=
agogiſche), die ſich in den Dienſt der pädagogiſch-
pſychologiſchen Forſchung ſtellen, Beachtung. Die
modernen Landerziehung8heime (ſ. d.) ſind ihrer
Ideenach Weiterentwicklungen der Philanthropine.
Die ſog. ſreien Schulgemeinden (3. B. in Wicker3»
dorſ) ſind eine neuere Art der Familienſchulen,
die im Zuſammenhang ſtehen mit philoſophiſchen
Strömungen der Gegenwart (ſ. Nevolutionierende
Pädagogik). Erwähnt jei in dieſem Zuſammen-
hang auch das Schulunternehmen in Dres8den»-
Hellerau.
111. Die Privatſchulgeſehgebung. Die lezt-
genannten Schulgründungen zeigen, daß auch in
der Gegenwart troß des herrichenden Staatsſchul-
gedanken3 noc< die Möglichkeit beſteht, P. zu be-
gründen. Doh gibt es in den meiſten Kultur-
ſtaaten gewiſſe gleichgeartete Beſchränkungen der
ſreien Schulentwicklung als notwendigen Ausfluß
eben des ſtaatlichen Schulgedankens. So behält
ſich der Staat den Einfluß vor hinſichtlich der
Genehmigung neuer Schulen, die Beauſſichtigung
durch ſeine Organe, das Schließungsrecht bei
Nichteinhaltung gewiſſer Auflagen. Das ſtaatliche
Auſſichtörecht umfaßt die räumliche u. hygieniſche
Ausgeſtaltung der P., die Lehrmittel, den Lehr-
ſtoſſ, Lehrplan u. das Lehrperſonal, für das meiſt
die gleichen Vorausſehungen gelten wie bei den
öſſentlichen Lehranſtalten. Die Verleihung von
Berechtigungen an P. iſt ſtets an ganz beſtimmte
Voranöſehungen gebunden ; ſo wird in Deutſch-
land die Berechtigung zum einjährig=freiwilligen
Militärdienſt nur einer beſchränkten Anzahl von
PB. erteilt u, bloß mit Bewilligung de3 Bunde8-
rates, u. zwar auf Nuf u. Widerruf. In Öſterreich
gibt es P. mit Öſfentlichkeitörecht, welche3 das
Recht vollwertiger ſtaats8gültiger Zeugniſſe in ſich
ſchließt. Vorausſehung hierfür iſt die Unterord-
nung dieſer P. unter die ſtaatlichen Vorſchriſten. ---
Zumeiſt iſt in den Kulturſtaaten die Freiheit de3
Unterricht3 gewahrt im Sinne de3 Nechtes der
Eltern, für ihre Kinder durch entſprechenden häns8-

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