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verneinung u. Lebensvernichtung, ſondern zur
Lebenöſteigerung der S. In dieſem Sinne mahnt
Chriſtus: „Wer mir nachfolgen will, verleugne
ſich ſelbſt.“ Ex ſügt aber gleich hinzu : „Wer ſein
Leben verliert um meineiwillen, wird es ſinden,“
Selbſtüberwindung, Abtötung (ſ. A8keſe) iſt der
Anſang jede3 ſittlichen Fortſchrittes, aber nur ein
Teil, u. zwar der mehr negative, der S. Dieſe
reicht weiter n. umfaßt al3 mehr poſitive Aufgabe
auch die Zucht der verſchiedenen Körper- u, Seelen-
fräſte, aljo die Erziehung der Sinne zu Dienern
des Geiſte3, die Läuterung de3 Gedächtniſſes, der
Phantaſie, die Bildung des Verſtandes, die Be-
ſreiung u. Kräſtigung des Willens, u. die Neg»
lung der Leidenſchaſten. Je nachdem mun die S.
die eine od. andre Seite de3 ſittlichen Lebens
ordnet, reden wir von beſondern Tugenden. So
z. B. von der Beſonnenheit, d. h. von der S,. des
praktiſchen Urteils nach den Regeln der Klugheit
(j.d.), von der Sanſimut, d. h. von jener Seelen»
ſtärke, die in der Beherrichung der Leidenſchaft des
Zornes3 (f. d.) durch innere Ruhe u. Geduld ſich
zeigt, von der Demut (f. d.), der Geduld (f. d.),
des Starkmutes (ſ. Mut), des Gehorſams (ſ. d.)
uſw. So ſteht die S. im Mittelpunkte des ge-
ſamten Tugendſtrebens u. iſt weſentlich jeder be»
ſondern ſittlichen Tugend eigen.
11. Erziehung zur S. Die S. muß daher
auch der Hauptzwed der ſittlichen Erziehung ſein, u.
zwar Hauptzwe>l ſowohl der Erziehung durc< andre
wie der Selbſterziehung (ſ. d.). Die Erziehung
zur S. iſt aber auch eine der ſchwierigſten Auf-
gaben der Moralpädagogik, zumal der jugendliche
Organiömu3 ſchon infolge der phyſiologiſchen Ent-
wiclung ein ſtarkes Vordrängen 1. Überſchäumen
der niedern Triebe mit ſich bringt, Die Forderung
der S. erſcheint gerade in dieſem Lebenöſtadinm
als Unterdrückung gejunder Lebenskräſte, ins»
beſondere dann, wenn man ansgeht von der
natürlichen Unverſehrtheit u. das Verderben der
Erbſünde leugnet, wie die3 viele rationaliſtiſche
1". naturaliſtiſche Erzieher nacy dem Vorgange
Rouſſeaus tum. Viele Pädagogen aber erſchweren
ſich noch ihre Auſgabe dadurch, daß ſie die For»
derung der S. einfach abſtrakt als Pflicht auſ»
ſtellen u. ganz vergeſſen, die Forderung konkret
mit den Lebensverhältniſſen u. Kräſten de3 Zög»
lings zu verknüpfen. Zu dieſem Zwecke muß der
Erzieher zunächſt jehen, ob nicht unter den natür-
lichen Neigungen u. Intereſſen des Kindes einige
Kräſte ſind, die ſür die S. verwertet werden kön»
nen, indem ſie gegen die niedern Triebe mobil
gemacht werden. So kann dann die S, konkret
als eine Lebenöſteigerung, als ein Beſreiungsalt
gegen die niedern Triebe dem Kinde zum Bewußt»
ſein gebracht werden. In der Weiſe kann 3. B.
der Wille zur Macht u. Größe, zur Mannhaſtigkeit
ausgenußt werden gegen das brutale Sichgehen»
laſſen u. Genußleben. Auf ſexuellem Gebiete kön»
nen die höhern ſexuellen Kräfte der Ritterlichkeit
(). Roheit), Mütterlichkeit, Hingebung, beſorgter
Selbſibeſchäſtigung --- Selbſtbewußtſein (Selbſigeſüh0).

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Zärtlichkeit gegen die niedern ſexuellen Inſtinkte
u. Triebe zur Hilfe herangezogen werden. So»
dann aber wird der Erzieher ſich bemühen, dem
Kinde an deſſen einzelnen Erlebniſſen die Mög»
lichkeit u, den Wert der S. zu zeigen. Eine gute,
oſt wiederkehrende Gelegenheit bietet die Stellung»
nahme de3 Kindes gegenüber Tätlichkeiten, Be-
ſchimpfungen, Verſpottungen ſeiten3 der Kamera-
den. Da iſt die Neaktion gerade im jugendlichen
Alter ſofort inſtinltiv in Tätigkeit, Der Erzieher
aber kann für derartige Fälle dem Kinde zeigen,
wie die Bändigung des Vergeltungstriebes Selbſt»
behauptung gegenüber den niedern Trieben iſt u.
daher größere Kraft erſordert als die Nache. Aud
bei den kindlichen Spielen durch Geduldſpiele,
durch Bändigung der vorwißigen Zunge (f. Schwei»
gen), beim Turnen durch die Übung der Muzskel»
beherrſchung, bei Ausflügen durch die Ansdauer,
bei Erledigung unangenehmer Schulauſgaben u.
Arbeiten kann die S. gut geübt werden. Ferner
bietet die ſic) ausbreitende Enthaltſamfeits-
bewegung (ſ. d.) gegenüber den geiſtigen Ge-
tränken wertvolle Anknüpſungs8punkte, indem man
die Enthaltung nicht al8 Verbot, ſondern als
Kraſtleiſtung einführt. Endlich kann auch auf
die religiö3=-kir men werden u. ſie dem jungen Menſchen al3 Ge-
legenheit zur Übung in der S. u. Selbſibehaup»-
tung empfohlen werden. Die ſpeziell religiöd3»
kirchliche Erziehung zur S. hat gegenüber der rein
natürlichen Moralpädagogik einen großen Vor=
ſprung de8halb, weil jene den Menſchen nicht nur
auf die natürliche Willenskraſt, ſondern weit mehr
auf die durc) Goltes Gnade übernatürlich ge-
ſtärkte Willenskraſt zur Übung der S. verweijen
kann (ſ. Sakramente). Während daher der natür-
liche Menſch gegenüber der Auſgabe der S. immer
noh die Ausrede hat, daß die niedern Triebkräfte
ſtärker als ſeine ſittliche Kraſt ſeien, kann der
Chriſt ſol Denn die ihm zur Verſügung ſtehende Kraft iſt
immer größer als der niedere Trieb, nach dem
Worte des Apoſtel3: „Getreu iſt Gott, der eu<
nicht über eure Kräfte wird verſucht werden laſſen,
ſondern mit der Verſuchung auch den Aus-
gang ſchafſen wird, damit ihr aushalten könnt"
(1 Kor 10, 13). Deshalb kann die ziehung die S, in viel höherm Maße verlangen
u. durchſühren. Die die „Krone de3 Lebens“.
Literatur. P. E. Lepy, Die natürl. Willens-
bildung (dtſch von Brahn, 1993); IJ. Payot, Die
Erzieh. d. Willens (dtſch von T. Voelkel, *1910);
F. X. Muß, Chriſtl. Aszetik (21913); F. W.
Foerſter, Jugendlehre (65. Tauſ., 1912); W. Lu-
tojtawſfti, Volont6 et Libert6 (Bar. 1913).
[F. Keller.]
Seilbſibeſchäſtigung |. Seibſttätigkeit.
Selbſibewußtſein (Selbſigeſühl). 1. Be-
grifſ, Das S. im ſtreng pſychologiſchen Sinne
iſt unter Bewußtſein (f. d.) behandelt. Das

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