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phyſiſchen u. ſeeliſchen Kräſte die ſchwerſten Hemm-
niſſe bereitet. Da3 gilt nicht nur von dem Groß»
ſtadtleben mit ſeinem Übermaß auſdringlicher
jezueller Anreize, jeinen Wohnungsnöten u. glän»
zenden Vergnügungösſtätten. Die in ſolcher Lebens»
ſphäre genährte Phantaſie iſt zugleich Schöpfer
uy. Abnehmer einer maſſenhaften obſzönen Lite-
ratur geworden, die dann durch gewiſſenloſe Ge»
ſchäſt3betriebe ihren Weg durc< das ganze Land
geſunden un. auch hier die natürlichen Inſtinkte
in erſchre>endem Umfange in den Unterricht raſſi-
nierter Unſittlichkeit hineingezogen hat. Auch in
der nicht»pornographiſchen Literatur bewirkte der
naturaliſtiſche Luſtzug eine ungeſunde, taktloſe
Überbetonung des Geſchlechtlichen, als ſei dies
da3 eigentliche Leben3gebiet. Und ſelbſt mit dem
Prophetentum einer an ſich löblichen Körper-
Hygiene verband ſich vielſach ein Hineinzerren der
geſchlechtlichen Dinge in die breiteſte Oſfentlich-
keit. Da ſehte nun die Gegenwirkung der beſſern
Elemente ein mit der Arbeit der S. Infolge der
loſern kirchlichen Diſziplin, die nicht ſo ſtark die
öſſentliche Meinung innerhalb der kirchlichen Ge-
meinſchaft erfaßt wie in der katholiſchen Kirche,
drang da3 Verſtändnis für ſolc<e Vereine zuerſt
in proteſtantiſchen Kreiſen durch. Bahnbrechend
wirkte der „Weſtdeutſche Verein zur Hebung der
öſſentlichen Sittlichkeit“, 1885 in Mülheim(Nuhr)
gegründet (Organ: „Der Korreſpondent“, Duis»
burg, ſeit 1883), 1887 bildete ſich der „Deutſch-
evangeliſche Verein zur Förderung der Sittlich»
keit“, 1889 „Die allgemeine Konſerenz der deut-
ſchen S.“ mit der Zentrale in Berlin u. ihrem
Organ: „Korreſpondenzblatt zur Bekämpfung der
öffentlichen Sittenloſigkeit“". Geheimerat Roeren
gelang e3 dann, auch katholiſcherſeit8 die Bekämps-
ſung der öſſentlichen Unſittlichkeit zu organiſieren.
Unter ſeiner Führung trat der Kölner Männer-
verein vor die Öffentlichkeit. Andre Städte folgten.
1907 konnte in Köln durc die Vertreter von be-
reit3 15 Vereinen die Gründung eines „Verbandes
zur Bekämpſung der öſſentlichen Unſittlichkeit“ vor
ſich gehen. Die meiſten neugegründeten Vereine
nahmen die Kölner Saßungen an. 1908 erhielt
der Verband in der Monatſchriſt „Der Volls-
wart“ (Köln a. Rh.) ſein Organ. 1913 konnte
ein Generalſekretariat in Köln errichtet werden,
da3 raſch die Zahl der Vereine vermehrte. 1914
hatten ſich bereits 139 Vereine dem Verband an-
geſchloſſen. Neben dieſen mehr konfeſſionellen
Veranſtaltungen ſind hier noh als interkonſeſſio-
nelle zu nennen: „Der Zentralausſchuß der deut»
ſchen Frauenvereine zum Kampf gegen Shmuß
u. Schund in Wort u. Bild" (1911 gegr.) u. der
„Volksbund zur Bekämpfung des Shmußes in
Wort u. Bild“ (1904 gegr. v. O. v. Leixner). Seit
1910gibt der Volk8bund, der bis jeht aber noch kein
ſolcher geworden iſt, die von Profeſſor Dr Brunner
treſſlich redigierte „Hohwacht“ (Berlin) heraus,
111. S,. 11. Erziehung, Die S. ſind nicht in
erſſer Linie eine freiwillige Sittenpolizei zur Be-
Sißenbleiben -- Skeptizi8mus.
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kämpfung der öſſentlichen Unſitilichkeit. Solang
ſie ſich nicht anders betätigten, machte ihre Wirk»
jamkeit nur geringe Fortſchritte. Erſt als ihre
volfserzieheriſche, moralpädagogiſche Seite mehr
betont wurde u. ihrer Arbeit die Nückſicht auf das zu
erziehende heranwachſende Geſchlecht als Leitſtern
diente, machten ſie raſche Fortſchritte u. fanden
auch mehr Verſtändni8. Unter dem Geſichtöpunkte
der Bewahrung de3 heranwachſenden Geſchlechtes
vor ſittlicher Infektion u, Korruption haben die
S. bereits tüchtige Arbeit geleiſtet. Hier iſt zu-
nächſt zu nennen der Kampf gegen unſittliche
(populärwiſſenſchaftliche, hygieniſche, unterhalten
de) Schriſten, dann der Kampf gegen unſittliche
Bildwerke, gegen den gewinnjüchtigen Vertrieb
der Altphotographien, der Poſtkarteninduſtrie,
der Mutoſkopie u. Kinematographie, gegen das
Herauszerren der Darſtellung des naten menſch-
lichen Körpers, des Geſchlechtöleben38 u. ſeiner
Berverſitäten in die Öffentlichkeit, der Kampf
gegen die Schauſtellung de3 lebendigen naten
Körper3 in den ſog. Nacttänzen, im Nactturnen
u. im Nadtſport, weiter der Kampf gegen die
Unſittlichkeit der öffentlichen Bühnen, gegen da3
Schauſpielerinnen» u, da8 Kellnerinnenelend, ge-
gen da3 Dirnenweſen, ſchließlid auch der Kampf
gegen das Wohnungselend („ſturmfreie“ Buden
der Studenten). In all dieſen Nichtungen haben
die S. bereits manche Abhilfe geſchaſſen u, jeden-
ſall3 weitere Kreiſe aufgeklärt über die ſchwere
Verantwortlichkeit, die ſich die Volk8gemeinſchaft
dur die gleichgültige Duldung der öſſentlichen
Unſittlichkeit hinſichtlich des Volk8nachwuchſes
auſlädt. Die Tätigkeit der S. iſt jo zum Aus-
gangs8punkt einer regſamern Moralpädagogik u.
einer einſichtigen Kulturpolitik geworden, =- Vgl.
auch die Art. Nacktkultur, Shmußkunſt, Schund=
literatur u. die dort angegebene Literatur.
Literatur. F. Weigl, Die interkonfeſſ. Män-
nerver. 3. Belämpſ. d. öffentl. Unſittlic<hk. (1910) ;
H. Noeren, Die öſſentl. Unſittlichk. u. ih. Bekämpf.
(1.--11. Tauſ., 1904); EC. Lennarh, Der Köln.
Männerver. 3. Bekämpf. d. öffentl. Unſittlichk.
(1906); F. Paulſen, Moderne Erzieh. u. geſchlechtl.
Sittlichk. (1.--5. Tauſ., 1908); W. Börner, Die
Schundlit. u. ih. Bekämpf. (*1910); E. Schulthe,
Die Sc<undlit. (*?1911); derſ., Die Geſahr. d.
Schundlit, u. ih. Bekämpf. dur< d. Schule (*1911);
A. Heldt, Die Schundlit. In krit. Beleucht. v. er-
zieh. Standpunkt. Weſen, Urſachen, Wirkungen,
Bekämpf. (1.6. Tauſ., 1908); K. Brunner, Unſer
Volk in Gefahr! Kampfruf geg. d. Schundlit.
(1911); IJ. Schneider, Kir<l. Jahrbuch 1912;
T. W. Foerſter, Sexualethik u. Sexualpädag.
(21910); F. Keller, Organiſ. Caritas i. Kampf m.
d. Proſtitut. (Kath. Seelſorger 1904, 366 ff) ; JI.
Maudsbach, Der Kampf geg. d. mod. Sittenloſigt.
(n. A. 1914); Th. Temming, Sturmſreie Buden
(1913). [F. Keller.]
Sitzenbleiben |. Verſeßhung der Schüler;
vgl. auch Schuljahr, Abſchn. 11. !
Skeptizismus, 1. Name u. Begriſſ. Das
dem Namen S. zugrunde liegende griechiſche Zeit=