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ſoll didaktiſches Stilbewußtſein erworben werden
u. die theoretiſche Belehrung beim Hörer zum vol»
len Verſtändnis gelangen. Prof. Göttler in Mün»
<hen erweitert den Aufgabenkreis der D. noh um
ein weſentliches. Da unſre pädagogiſchen Uni»
verſitätsſeminare nicht bloß Demonſtration8»- uU.
Übungs:, ſondern auch Forſchungsinſtitute ſein ſol»
len, wünſcht er, daß auch die Seminarſchulen als
pädagogiſche Verjuch8» od. Beobachtungsanſtalten
benußt werden, „welche, bei aller Sicherung für
die leibliche, geiſtige u. ſittlich-religiöje Geſundheit
ihrer Zöglinge, die erforderliche Bewegungsſrei-
heit beſäßen, ſolche Proben [wie ſie theoretiſch in
den Seminaren dargelegt werden] durchzuſühren
u. anzuſtellen“ (Göttler [ſ. Lit.] S. 18). Daß
gerade die Stätten der wiſſenſchaftlichen Forſchung
berufen wären, ſolche Beobachtungöſtationen ein»
zurichten, läßt ſich kaum leugnen, man mag im
übrigen zu der Sache ſelber ſtehen wie man wolle.
Ob dancben die Ü.u an den Univerſitäten auch
den Erſolg haben werden, in größerm Umfange
„alle diejenigen, welche vielleicht zu ihrer eignen
Überraſchung die Entdee>kung machen, daß Jugend»
unterricht ihr Beruf nicht iſt, rechtzeitig zur
Wahl eines andern Beruſe3“ zu bewegen (Andreä,
11, Dtſch. Kongr. |. Jugendbildg u. Jugendk., Leip»
zig 1913, 169), darf bezweifelt werden. Nber auf
alle Fälle hat die 1. an den Hochſchulen unein»
geſchränktes Dajeinörecht zu beanſpruchen ; denn
erſt mit ihr wird das pädagogiſche Seminar ein
wirkliches Ganzes. Man darf daher erwarten, daß
der ſtet3 dringlicher werdende Nuf nach eignen
Pädagogik-Proſeſjuren an unjern Univerſitäten
auch dieſer Art von Ü.n immer mehr den Boden
bereitet ; daß ſie tro oſt geäußerter Bedenken zu
beſchaffen ſind, beweiſen die vieljährigen Erfah»
rungen von Jena u. Leipzig.
Literatur zu Abſchn. B: G. F. Thaulow,
Notwendigkeit u. Bedeutung ein. pädag. Sem.
auf d. Univ. (1845); H. G. Brzoska, Die Not-
wendigk. pädag. Sem. a. d. Univ. u. ihre zwecl-
mäß. Einricht. (?1887, hr8g. von W. Nein); Bar-
tholomäi, Das Pädag. Sem. zu Jena (1858); T.
Ziller, Lehrplan von Leipzigs Ü. ſür Studierende
(1863); A. Weilinger, Tas Pädag. Sem. in Jena
(1878); O. Frick, Das Lem. Praecoptor. an d.
Frandeſchen Stiſt. i. Halle (1863); A. Bliedner,
Stoy u. d. pädag. Univ.-Sem. (1886); W. Nein,
Aus d. Päd. Univ.»Sem. z. Jena 1/XV (1888/1913);
der]., Pädag. 1! (?1911) 313 ff; O. Willmann,
Tas Prager Päd. Univ.-Sem. (1901); derſ., Ter
Anſpruch d. Pädag. auf akad. Bürgerrecht (Akad.
Nundſchau, 1. Jahrg. [1913] 650 ff) ; O. W. Beyer,
Zur Geſc<. d. Zillerſchen Sem. (Pädag. Mag. von
F. Mann, Hſt 85); A. Matthias, Prakt. Pädag.
(*1912); NK. Neſſ, Das pädag. Sem. (1908); J.
Göttler, Organiſ. d. päd. Forſch. u. päd.-wiſſenſch.
Berufsbildung (Pharus, 4. Jahrg. [1913] 1/27);
O. Willmann u. Th. Fritzſch, Herbarts Pädag.
Schrift. 11 (in Vorbereit. ; üb. d. Königsb. Sem.).
[AXA: A. Schiel, B: €. M. Roloff.]
Uhlig, Guſtav. 1. Leben. U. wurde am
9, Juli 1838 in Gleiwiß geboren. Infolge der
Uhlig, Guſtav.
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Verſehung ſeine8 Vater8, eines Regierungs8bau=
rats, nach Stettin wurde ihm auf dem dortigen
Marienſtiſt8-Gymnaſium ſeine tief wurzelnde Liebe
zum klaſſiſchen Altertum eingeflößt, von der er in
A. Grafs „Schülerjahren“ erzählt, Seinem ſpä-
tern Studium der klaſſiſchen Philologie in Bonn
(jeit Herbſt 1855) un. Berlin (ſeit Oſtern 1858)
gaben namentlich F. Ritſchl u. M. Haupt die
eigenartige Nichtung. Nebendieſenbeiden Männern
wirkten auch Boe>h, Gerhard, O. Jahn, Müllen-
hoſſ, Trendelenburg u. Welker nachhaltig auf ihn
ein. 12862 promovierte er u. 1864 habilitierte er
ſich auf Anregung H. Köchly3 an der Züricher
Univerſität. Doch „ungeſucht geſellte ſich ihm nicht
lange nachher zu der akademiſchen die Schultätig-
keit, u. ſie wurde ihm ſo wert, daß er ſie bald als
die Hauptauſgabe ſeines Lebens betrachtete". So
unterrichtete er ſeit Januar 1865 zuerſt am Zü
richer Gymnaſium u. ſeit 1866 an der Kantons»
ſchule in Aarau, ſeßte daneben aber ſeine Vor=
leſungen (ſeit 1869 als ao. Profeſſor) in Zürich
fort. Oſtern 1872 wurde er Direktor de3 Groß>-
herzogl. Lyzeums in Heidelberg u. ao. Profeſſor
an der dortigen Univerſität. Bis zu Köhly3 Tode
(1876) hielt er bloß philologiſche Vorleſungen,
dann aber auc pädagogiſche, u. zwar mit prak=
tiſchen Übungen, denen viele Gymnaſiallehrer
reiche Förderung vervanken. Seit der Mitte der
1880er Jahre widmete er ſich auf ausgedehnten
Neiſen auch dem Studium des höhern Schul-=
weſens in Frankreich u. England (1885), in Däne-
mark, Schweden u. Norwegen (1887 u. 1889),
Öſterreich=Ungarn, der Schweiz, Italien, Grie-
<enland u. Ägypten (1894/95), Die Leitung der
Heidelberger Anſtalt legte er inſolge von Mißhellig-
keiten mit Elternhaus u. Behörde im Herbſt 1899
nieder; doh ſeine akademiſche Lehrtätigkeit behielt
er (ſeit 1878 als o. Honorarprofeſſor) bis zu
ſeinem Tode bei, der am 14. Juni 1914 in
Schmiedeberg (Schleſien) während eine3 Ver-
wandtenbejuchs erfolgte.
II. Bedeutung, U. war einer der bedentendſten:
Kenner de3 in- u. ausländiſchen Schulweſens 1u..
einer der Hauptverſechter des humaniſtiſchen Gym-
naſiums8. Als der Anſturm gegen dieſes immer
wilder u. allgemeiner wurde, veranlaßte er im
Juli 1888 die ſog. „Heidelberger Erklärung"..
die, mit etwa 4000 Unterſchriſten verſehen, in
maßvoller Form ein Feſthalten an den Grund-
zügen de3 gymnaſialen Lehrplans forderte u. ein.
fräſtiger Schußwall gegen die Neſormſlut wurde.
Denſelben Zweden diente die von ihm 1890 be-=
gründete Zeitſchriſt „Das humaniſtiſche Gymna-
ſium“, die ex erſt allein, ſeit 1901 mit Oäkar
Jäger (f. d.) u. nach deſſen Tode (1910) mit
(€. Grünwald (Gymnaſialdirektor in Friedeberg,
Neumark) herausgab. Sie wurde nod im Grün=
dungsjahre Organ des „Deutſchen Gymmnaſial=-
vereins" (f. Schulvereine, Abſchn. V1]), den U.
am 15. Dez. 1890 mit W. Schrader, O. Jäger,.
E. Zeller, Th. Ziegler u. a. in Berlin ins Leben,