Full text: Abendgymnasium bis Kinderfreude (1)

IOI 
Barth, Paul. 
Geb. am 1. VIIL 1858, Gymnagallehrer in 
Breslau, Leipzig u. Jena, Seit 1890 Privatdoz., 
zuletzt o. Hon. Prof. in Leipzig, Starb daselbst am 
30. IX. 1922. Seine Pädagogik 1st nur im engen 
Zusammenhang mit Seiner als Geschichtsphilo- 
Sophie gefaßten Soziologie zu verstehen. 
1. Barths GeschichtsphiloSophie als So- 
ziologie: Geschichte ist die gesellschaftl. Ent- 
wicklung der Menschheit nach kausalen Gesetzen. 
Die Hegelsche Geschichtsphilosophie faßt B., wie 
den IdealisSmus überhaupt, als kausal-geSetzl. Ver- 
Ständnis des geschichtl. Lebens auf, lehnt sie aber 
ihrer logistiSchen Form wegen ab. Wenn er ihr 
gegenüber die stärkere Betonung der wirtschaftl. 
Faktoren im geschichtl.-gesellschaftl. Werden for- 
dert, So will er doch von der Einzeitigkeit der 
marxistiSchen Geschichtsauffassung frei bleiben. 
In der Bestimmung der «Gesgetze» als kausaler 
Wirkfaktoren ist B. mit der französ. Soziologie 
u. Geschichtstheorie, nament]. Comtes u. Taines, 
u. auch Marxens wie der gesamten naturwissen- 
Schaft]. denkenden Geschichtsmethodik einig. 
Während aber die Geschichte dem dynamisch- 
gesetzl. Leben ihre Aufmerksamkeit Schenkt, will 
die Soziologie vor allem das Statisch-Bleibende in 
der gesellschaftl. Entwicklung betrachten u. die 
Gründe fürdieses Suchen. Die Windelband-Rickert- 
Sche Betrachtung der Geschichte unter dem Ge- 
Sichtspunkt geltender Kulturwerte lehnt B. ab; 
«Wert» ist ihm das im Werden Sich als dauernd 
Erweisende. Auch der Wert 1ist also gesetzl. zu «er- 
klären», nicht mit Dilthey(s.d.) zu «verstehen» oder 
Barth. 
 
mit Rickert als Sollensforderung anzusprechen. : 
B. begreift in biolog. Methode die Gesellschaft als 
«Organismus» um ihrer Einheit u. der wechselsei- 
tigen BeeinflusSsung ihrer Elemente willen, jedoch 
als «geistigen» oder «Sozialen» Organismus, da in 
ihr bei aller Verwandtschaft mit dem tierischen 
Organismus ein geistiger Wille als Prinzip der 
Lebensgestaltung u. -lenkung waltet. Anklänge an 
Sind Wirkfaktoren des geschichtl. Lebens, aber 
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gesellschaftl. Entwicklung ist das Individuum 
einbefangen. Ist es in Seiner Einmaligkeit u. Ein- 
zigartigkeit faktisch auch nicht gesetzl. zu «er- 
klären», 50 doch grundsätzlich. Dennoch will 
ihmB. eine Seiner Umgebung gegenüberrelative 
Willensmacht Sichern. Daß diese jedoch spon- 
tane Freiheit u. Schöpferische Originalität Sein 
kann, Schließt die Gesetzesmethodik in ihrer 
logisch-metaphys. Konsequenz aus. Die von B. 
aufgegriffene Wundtsche «Schöpferische Syn- 
these» wird ihr nicht gerecht. Das Individuum 
kann nur bejahen, was es bejahen muß. Seine 
«Erziehung» ist die Parallele zur Fortpflanzung 
des biolog. Organismus: Fortpflanzung, Weiter- 
geben des geistigen Lebens innerhalb des geil- 
Stigen Organismus der Gesellschaft. So findet 
B. den ÜUrsprung der Erziehung in den Natur- 
formen der Gesellschaft u. ihre Wandlungen 
in den Anderungen des Sozialen Organismus 
begründet. Das Ziel gibt der Pädagogik die 
humane, in der gesellschaftl. Entwicklung fun- 
dierte Ethik, den Weg weist ihr die Psycholo- 
gie. Diese hat B. im Anschluß an die Experimen- 
talpsychologie Seiner Zeit, namentlich auch 
W. Wundts, gefaßt u. dabei im Gegensatz zu 
der «einseitigen u. überholten» Herbartschen 
Psychologie Wille u. Geiühl als von der Er- 
ziehung bes. zu berücksichtigen betont. Er hat 
zugleich die Gesetze des «Sozialen Willens» als 
mitdem Werden dessozial-geistigen Organismus 
engstens verbunden herauszustellen versucht. 
Seine Pädagogik muß daher wesentl. Sozialpäd. 
' (8. d.) werden, die zwar das Individuum erziehen, 
aber es, als gesellschaftl. bedingt, auch für die 
Gesellschaft bilden will. Das Bildungsziel ist 
ein ethisches, für B. Speziell ein in der Humani- 
tätsethik vor allem der Aufklärung wurzelindes, 
für die Sein Intellektualiszmus des Wissens u. 
W. Wundt (5. d.) Sind hier unleugbar. Die «Ideen» : Erkennens der Gegetzlichkeit als der für die 
' geSellschattl. Gestaltung wichtigsten Faktoren 
Selbst gesetzl. gewirkt. Das Leben zeugt auch die ; 
Ethik, u. wer jenes bejaht, muß diese bejahen. : 
Dem metaphysisSchen Voluntarismus dieser Ge- 
Schichtsphilosophie entspricht em method. In- 
tellektualismus: Die «wissenschaftl.» u. das heißt 
jeweils zu Wirkende, u. dies ist das Ethische. Diese 
besondere Sympathie empfinden mußte. Die 
Stoa, Spinoza u. Kant gelten ihm als auch für 
- die heutige ethische Zielsetzung der Erziehung 
„noch bes. fruchthar, weil Sie «den Starken u. 
1 ; ; ; : den Sozialen Willen» betonen. Di Schicht 
für B. Schlechthin die naturwisSsenschaftl. Gesetzes- 9 c CLONE e Ge € 
erkenntnis vermittelt die Einsicht in das historisch : 
GesetzeSerkenntnis gestattet zugleich eine Pro- : 
gnose der Zukunft, wie Sie die poSitivist. Soziologie 
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Comtescher wie MarxSscher Schattierung ja in ver-: 
Schiedener Form auch gelehrt hatte. Wenn aber. 
die GesSetze immer höhere Menschheitsformen u. 
damit immer wertvollere Lebensformen wirken, So 
istinderGeschichte ein « Fortschritt»zum Humanen 
der Philosophie bietet zugleich bei richtiger 
u. Widerspruchsloses herausgreitender Wahl 
die ethischen Motive. Die Religion 1st die 
SKrönung», nicht die Wurzel der Sittlichkeit. 
Denn Sie zeigt mit Platon, Shaftesbury, Kant, 
Goethe u. «Selbst» Spinoza, daß die Ganzheit 
des Weltgeschehens auf Sittlichkeit angelegt 
„iSt, Sodaß die «Ursache>» der Welt «Selbst eine 
zu erkennen, s0 daß also das mechanische Natur-. 
gesetz der Gesellschaftsentwicklung doch ein emi-- 
nent teleolog. Moment einschließt, wieder wie bei 
Comte, Marx, Spencer. Der « MoniSsmus» der XNatur- 
gesetzlichkeit reicht also doch nicht aus zu einer 
rein gesetzl. Geschichts- u. Gesellschaftstheorie. 
Sittl., also eine Gottheit» Sein muß. Ist die 
Sittlichkeit Ziel der Erziehung, So dart ihr 
Abschluß, die Religion -- u. diese Deutung 
der Religion zeigt wieder in B. den Späten 
- Schüler der Aufklärung -- aus der Schule nicht 
' verwies2n werden. Sie weckt die für die Le- 
I. Die Konsequenz für die Pädagogik 
iSt leicht ersichtlich: In den Determinismus der 
bensarbeit unentbehr]. emotionalen SeelisSchen 
Faktoren, u. jedes treudig vernichtete Werk
	        

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