Full text: Abendgymnasium bis Kinderfreude (1)

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Einstellung. 
1. Der Begriff E., von Mechanik u. Psycho- 
physik herkommend, 1ist daran, Sich Heimat- 
recht auch in der Psychologie u. Pädagogik zu 
erwerben ; ja E. 1st fast Schon ein Modewort 
geworden. Doch 1st der Begriff in Sich noch 
nicht Scharf genug apperzipiert, von Nachbar- 
begriffen noch nicht deutlich genug unter- 
Schieden u. vielleicht darum in Seiner wiSSen- 
Schafts-ÖSkonom. Notwendigkeit noch nicht ge- 
nug gerechtfertigt. Gleichwohl ist er geeignet, 
eine Reihe von psSsychiSchen Erscheinungen 
Schärfer Sehen zu lassen. Wenn man unter E. 
einer Persönlichkeit versteht den in einem be- 
Stimmten Zeitpunkt aus Anlage u. krit. Erfah- 
rungen erwachsenen pSychischen bzw. psycho- 
Dhys. Zustand der betreffenden Persönlichkeit, 
S0 hat man nur die materiale Grundlage der 
E. angegeben, nicht aber formal dieselbe ge- 
kennzeichnet. Man wird E. bestimmen müssen 
als Bereitschaft oder Geneigtheit zu ganz be- 
Stimmten Beziehungserlebnissen, Sodaß die 
Sonst möglichen ganz ausgeschaltet oder doch 
Stark zurückgedrängt werden, ganz ähnlich wie 
infolge der E. des photograph. Apparats, des 
Teleskops oder Mikroskops, des Auges nur be- 
Simmte Gegenstände oder Schichten an einem 
Gegenstand Scharf erfaßt werden. Weil nun 
dieser Ausschnitt aus dem großen Netz von 
möglichen Beziehungserlebnissen bedingt ist 
durch Werterlebnisse oder Werthaltungen, So 
kann man E. auch bestimmen als Vorzugs- 
bereitschaft zum Erlebnis u. zur Verwirklichung 
ganz bestimmter Werte oder Werterlebnisfor- 
men. Es handelt Sich um eine Art psycholog. 
<persönl. Gleichung», die Sich immer u. über- 
all geltend macht. Allerdings haben wir So 
mehr die Dauer- u. Virtual-E. gekennzeichnet, 
aus der die Einzel- u. Aktual-E., das momen- 
(ane Eingestelltsein -- durch Erlebnisse Stark 
wandelbar -- Sich erhebt. Der Begriff E. steht 
in nachbarl. u. verwandtschaft]l. Beziehung zu 
den Begriffen Typus (typ. Wertstruktur), Tem- 
perament, Charakter, An-, Einpassung, Inter- 
esSse, Begabung, Einfühlung, Psychographie. 
I. Um auch nur die allgemeinsten Er- 
Scheinungsformen der E. zu erhalten, muß 
man gleichwohl ein mehrfaches Begriffsnetz 
über die mannigfache Wirklichkeit werfen. So 
gibt es besondere E.en der Altersstufen, der 
Geschlechter, der Sozialen Schichten, Stände, 
Parteien, Berufe, Religionen, Bekenntnisse, 
Völker, Zeiten. Hinsichtlich der Individual-E.en 
Seien zunächst folgende mehr formale genannt. 
Man hat Dazer- u. Augenblicks-E.en, Grund- 
uU. Zufalls-E.en zu unterscheiden. Die 2 Doppel- 
gruppen brauchen keine Strengen Gegensätze 
anzudeuten. Vielmehr muß Sich der Mensch 
von Seiner Geburt an immer u. immer wieder 
neu einstellen. Dabei werden die Dauer- u. 
Einstellung. 
 
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Grund-E.en immer wieder eine gewisse Wand- 
lung für die bestimmte Lage erfahren. Somato- 
gene (z. B. Gesundheitszustand, Ermüdung, Al- 
koholgenuß) u. psychogene Wandlungsgründe 
(Affekte) können unterschieden werden. Die 
Augenblicks-E.en bedeuten immer wieder vor- 
genommene MNeu-F.en oder ÜUmszellungen, die 
Ihrerseits Umstellbarkeit voraussetzten. Da wer- 
den nun «gute u. Schlechte Umsteller» (Marbe) 
unterschleden. Gewisse Berufe (Verkehrsdienst, 
Kaufmann, Arzt, Seelsorger, Erzieher) Setzen 
eine bes. gute Umstellbarkeit voraus. W7//kürdl. 
u. unwnllgiürl. E.en erinnern an entsprechende 
Aufmerksamkeitsformen ; die erstere kann von 
dem Gereifteren gefordert werden. Die akzue 
E. paßt Sich Welt u. Leben an u. ein, aber S0, 
daß die eigenen Ziele u. Pläne möglichst zur 
Geltung kommen, während die zasszuve? E. in 
Gefahr 1st, die Steuerung allzu Sehr der Umwelt 
zu überlassen, zu ihrem Echo zu werden. Na- 
türlich bedeutet eine gew?sse Aufgeschlossen- 
heit noch nicht Haltlosigkeit, stellt vielmehr 
Stärke 1. geistige Überlegenheit dar. Die E. des 
Charakterlosen aber bedeutet z. B. das Sprich- 
wort: «Unter Wölfen muß man heulen.» Da 
jede echte Kultur als Inbegriff der Wertträger 
einer Gemeinschaft ein beharrl. (konservatives) 
u. fortschrittl. (dynamisches) Element in Sich 
haben muß, 1ist eine mehr ,&07/Servatzive u. mehr 
«ne0pfzle> E. möglich. Welt u. Leben gegen- 
über iSt eine mutige u. 3aghafte E. zu beobachten. 
Wird die Erlebnisform des Kindes- oder des 
Pubertätsalters nicht überwunden, So erhalten 
wir die Phasen-Erstarrungsformen der zunfartler 
u. Pzuberiien E. Jnhalt/ich ergeben Sich im Hin- 
blick auf die Wertkomplexe u. die Ihnen ent- 
Sprechend entwickelten Fähigkeiten, die Meist- 
begünstigung besitzen, eine mehr Szuözektzve 
(Introvertierte) u. mehr odJekrzue (extravertierte) 
E.; auch von autis?. u. altruist. E. kann man 
Sprechen. Je nach dem Umfang der Wertgebiete, 
die der Vorzugsbereitschaft Sich erfreuen, kann 
man von mehr z7zversallst. u. mehr Spezzaltst. E. 
reden. Bestimmte Wertgebiete verlangen eine 
mehr Kgörperl. oder mehr Seedlzsch-geistige E. Die 
zntellektualist. (rationalist.), romant., prakt. E.en 
unterscheiden Sich mehr nach dem Vorwiegen 
der SeelisSchen Vermögen in den Eriebnisformen, 
die materialis?. u. 7dealist. E.en mehrnach den be- 
vorzugten Wertträgern. Die oPp/zmzSt. (manische) 
u. PeSS?miSt. (depressive) E. berücksichtigt die 
vorwiegende Gefühlsform, Sofern Sie Selekto- 
riSCh auch die entsprechenden Figenschaften zn 
Welt u. Leben bevorzugen bzw. entdecken läßt. 
Die Sexualistf. machthungrige E. bedingt jene 
Typen, die Freud u. Adler jeweils zu Unrecht 
verallgemeinert haben. Sie Stellen zugleich F227- 
entwicklungs-E.en dar, zu denen noch andere ein- 
' Seitige E.Sformen treten können (z.B. die Sinnen- 
' genießerische E. überhaupt). Natürlich Sind 
' auch mannigfache E.Sverkoppelungen möglich.
	        

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