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gewirkt haben. Darum Sind die Jahre um 1760,
1830, 1875 1. 1920 wichtig für die Einführung
u. Erweiterung derF. Dieneueste Bewegung hat
Schon um 1912 begonnen. Sie ist durch den
Krieg mehrgehemmtals gefördert worden. Eine
Reihe von Staaten haben nun der F. neue Auf-
aben u. neue Ziele gegeben, 50 Saye7 1913,
Anhalt 1914, Baden 1918, Sachsen, Lippe-Det-
mold u. Hamburg 1919, Lübeck 1920, FlesSen
1921, Preußen 1923, Ihüringen 1924, Draun
Schweig 1929. Die Art der Neugestaltung 1st
aber recht verschleden. Am weitesten iSt wohl
gegenwärtig die Durchführung der allg. F. in
Baden gediehen.
Hier gehen infolge gesetzl. Verpflichtung alle
Knaben u. Mädchen, die im fortbildungsschul-
pflichtigen Alter Stehen u. keine andere Schule be-
Suchen, in die allg. F., u. zwar die Knaben 3 Jahre
u. die Mädchen 2 Jahre; doch können auch die
Mädchen durch Ortssatzung zu einem 3jähr. Schul-
bhozuch verpflichtet werden, was in einer Reihe von
Städten u. auch Landorten geschehen 1Sst. Der Unter-
richt wird hauptamtlich erteilt, u. zwar das ganze
Jahr hindurch, auch auf dem Lande. Die wöchentl.
Stundenzahl Schwankt zwiSchen 4 u. 10 Stunden.
Kleinere Gemeinden Sind zu Schulverbänden zu-
zammengeschlossen. Alle Städte u.die Landgemein-
den, die Schulorte für die Mädchen-F.n Sind, be-
Sitzen Schulküchen. D:e persönl. Lasten werden
bis zu 8 Wochenstunden u. auch für ein 3. Jahr
der Mädchen-F.n vom Staate getragen, die Sach-
uichen von den Gemeinden. Ähnlich wie in Baden
jegen die Verhältnisse gegenwärtig im Hamburg,
HessSen, Sachsen u. Thürmgen.
VIII. Ausbau u. neuere Bestrebungen:
Soll die F. ein vollwertiges u. leistungsfähiges
Glied des gesamten Schulorganismus werden,
SO muß Sie im ganzen Reiche als Pflichtschule
eingefährt werden 1. Sich als Selbständige Schul-
art auf einer 8jährigen Volksschule aufbauen.
Ihr Sind alle Jugendlichen beiderlei Geschlechts
in Stadt u. Land, die keine andere Schule be-
Suchen, 3 Jahre hindurch wöchentlich 5 bis
1oStunden zuzuführen. Der Unterricht ist unter
Trennung der Geschlechter nur an Werktagen
u. wunlichst ind den Vormittagsstunden von haupt-
amtl. Lehrkräften zu erteilen. Er hat Sich auf
Beruſfs-, Bürger- u. Lebenskunde Sowie auf Re-
l'gion, Muttersprache, Rechnen u. Turnen zu er-
Strecken. Dazu mußbei den Knaben nochWerk-
unterricht u. bei den Mädchen prakt. Unterricht
in Kochen u. Handarbeit kommen. Wünschens-
wert Stauch die prakt. Unterweisung in Obst- u.
Gartenbau Sowie in Kleintierzucht. Die Unter-
rnichtsstunden Sind als Arbeitszeit zu behandeln
U.wie diese zu vergüten. Schülern, die zumSchul-
Desuch öffentl. Verkehrsmittel benützen müssen,
iSt Freifahrt zu gewähren. Alle Schülersindärztl.
Untersuchung u. Überwachung zu unterwerfen.
Der F. Sind eigene Schulräume mit entsprechen-
den Einrichtungen u. Ausstattungen zuzuwei-
Sen. Jede F. muß ihre eigene Schulbücherei,
Fortbildungsschulen.

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platz besitzen. Den Mädchen-F.n müssen gut
eingerichtete Schulküchen in geSunder Lage
zur Verfügung stehen. Die erforderl. Lebens-
mittel für den Kochunterricht u. für das Ein-
machen Sind von den Gemeinden unentgeltlich
zu Stellen. Schulgeld u. Sonstige Beiträge dürfen
nicht erhoben werden. Die persönl. Kosten hat
der Staat, die Sachl. die Gemeinde zu tragen ;
für Neueinrichtungen Sind Staatl. Mittel zur
Unterstützung zur Verfügung zu stellen. Den
Abgangszeugnissen müssen gewisse Berech-
tigungen im öffentl. Leben gegeben werden.
Bei dem Starken Eingreifen des F.wesens in das
Wirtschaftsleben u. wegen des regen Orts- u.
Arbeitstättenwechsels der Schüler in diesem
Alter muß der Ausbau der F. in Seinen Grund-
zügen durch Reichsgesetz einheitlich geregelt
werden, das aber den einzelnen Ländern einen
gewissen Spielraum läßt, damit jedes Land die
Ausgestaltiung den besondern Verhältnissen an-
passen Kann.
Neuere Bestrebungen wollen die F. durch
Verlängerung der Volksschulpflicht um 1 oder
2 Jahre ersetzen. Sie verkennen das Wesen der
F., die als Lebens- u. Erziehungsschule 7zede272
der Arbeit im öffentl. u. häusl. Leben hergehen
Soll. Aus dem gleichen Grunde erweckt auch
die AblöSung der 3jährigen Mädchen-F. durch
ein hauswirtschaftl. Jahr Bedenken. Auch da
kann die F. ihre wesentl. Aufgabe, Führerin im
Leben Selbst zu Sein, nicht erfüllen. Außerdem
zeigt die Erfahrung, daß Mädchen im 3. Jahr-
gang dem Unterricht ein weit größeres Interesse
u. Verständnis entgegenbringen als in den bei-
den ersten Jahren. Man darfnicht vergessen, daß
in den oberen Jahrgängen, auch bei geringer
Stundenzahl, in dem bloßen Nebeneimander von
Schule u. Leben, das den Schüler immer wieder
zwingt, dem Lehrer unter die Augen zu treten,
ein hoher erzieherischer Einfluß hegt.
Bei allen diesen Bestrebungen darf man aber
nicht vergessen, daß die F. Sehr wichtige er-
zieherische Aufgaben zu erfüllen hat; deshalb
muß der religiös-Sittl. BeinflussSung immer ein
großer Spielraum gewährt werden.
Schrifttum:G. Kerschenstemer. Grundfragen
der Schulorganisation (*1927;; A. Kühne, Hand-
buch für das Berufs- u. Fachschulwesen (21929);
M. Walter, Der Unterricht in der F.(1923;: A. Sen-
ner, Wiederauf- u. AuSbau der ländl. F. für Knaben
u. Mädchen (1925); O. Hommer, Das Recht der
gewerbl., kaufmänn. u. hauswirtschaftl. Berufs- u.
Fachschulen in Preußen (1925; Nachtrag 1. 1928);
Prakt. Fortbildungsschularbeit, IV.: W. Haerten,
Religiös-Sittl. Unterweisung derkath.Schüler(1929);
G. Oldenburg, Handbuch für das ländl. F.wesen
in Preußen (31927); L. Lötfler, Das deutsche Fort-
bildungs-/Berufs-)Schulwesen nach Reichs- u. Lan-
desrecht (1928); Die ländl. F. Tl. 1: C. Caro, Be-
deutung, Aufgabe u. Ziele der ländl. F., Tl. 2:
F. Grafen, Praxis der ländl. F. (19239); Die Neu-
gestaltung der ländl. F.n in Preußen. Denkschrift
Sowie einen Schulgarten u. einen Turn- u. Spiel- ! (1929); E. Stöcklein u. ]. Stahl, Unsere Christen-

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