Full text: Abendgymnasium bis Kinderfreude (1)

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Frischeisen-Köhler, Max. 
Geb. am 19. VI11. 1878, gest. als ProfesSor in Halle 
am 22. X. 1923, Schüler vor allem W. Da/rheys u. 
R. Lehmanns (Ss. jeweils d.). In Seinen erkenntnis- 
theoret. Realismus , der ihm durch Seine natur- 
wisSsenschaftl. Studien naheliegen mußte, spielen 
unverkennbar Diltheysche Motive hinein : die Ab- 
lehnung des transzendentalen Idealismus der Neu- 
kantianer (Rickerts u. der Marburger) bes. durch 
Verwertung des Willensmomentes als Indikators 
der Realtät, die er auch bei Kant gewahrt findet. 
Diese realist. Neigung fand eine Ergänzung durch 
das von Dilthey geweckte «Verstehen» des natur- 
wisSenschaftlich unerklärbaren Irrationalen des Ge- 
Schichtlichen. Die Beschäftigung mit diesem führte 
F.-KR. zu Diltheys «GeisteswisSenschaft», ließ ihn 
aber Rickerts Methodenlehre gegenüber das Dil- 
theysche « Erleben» u. «Einfühlen» Stärker betonen 
u. regte im ihm den von dem Einfluß der Eucken- 
Schen Metaphysik mitbestimmten Plan zu einer 
Untersuchung der letzten Grundlagen beider Wis- 
Senszweige an: des natur- u. des geschichtswissen- 
Schaftlichen. 
Diltheys Geisteswissenschaft bestimmte zuU- 
gleich den Pädagogen F.-K. Sie ließ ihn die 
Grenzen der experimentellen Pädagogik kritisch 
erkennen u. mit Dilthey in dem zu erziehenden 
Menschen mehralseim Naturwesen Sehen. Dieses 
allein vermag man mit generaliSierender Metho- 
de zu erfassen, während die eigentlich menschl. 
Seite: das individuell u.tvpisch Besondere, nur 
einfühlend «verstanden» u. 50 erst erziehlich 
beeimflußt werden kann. Obwohl ebensowenig 
ausgesprochener Metaphysiker wie W. Dilthey 
Selbst, kam F.-K. doch mit diesem zu der na- 
mentlich durch E. Spranger (s. d.) vertieften 
EinSicht, daß erziehl. ZielSetzung wie Methode 
In letzten, Sgittl. wie relig. Überzeugungen WUr- 
zeln. Von hier aus versuchte er eine Ty pologie . . . . .. 
5 - er . i ' ausScheidet ; Fürsorge u. Hilfe können nur tür 
der päd. Theorien, die wieder eine Parallele zu : c ) O 1 : 1 
Erischeisen-Köhler--Führung. 
 
Diltheys Weltanschauungstypen darstellt u. in- 
haltlich ein je verschiedenes Bildungsideal in 
Verbindung mit einer entsprechenden Weltaut- 
fasSung u. einer päd. Erkenntnis- wie Hand- 
Denker im wesentlichen nur zu einer Verar- 
beitung des von Dilthey aber auch von Husserl, 
Diithev gegenüber, aber in bleibender Distanz 
von Rickert stärker hervorgekehrten Betonung 
der Bedeutung auch des begriffl. Denkens beim 
<Lebensphilosophie u. Lebenspädagogik» (s.d.): 
gegebenen. 
PhiloSsopr. Hauptwerke F.-K.S. WiSSenschaft u. 
Wirklichkeit (1912; Das Reatlitätsproblem 1912; 
Weiteres bei F. Überweg. Die deutsche Philosophie 
des 19. Jahrh.s u. der Gegenwart 1923. bearbeitet 
von T. K. Oesterreich? 555.-- /%1d. Schrijten : Über 
die Grenzen der Erziehung. in: Ztschr. für päd. 
Psychol. u. exper. Päd.. Jhrg. 13.1911; Grenzen der 
' Alutter * 
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exper. Methode (1918); Bildung u. Weltanschauung 
(192 1); F.-K.5 «verstehende» Methode fein ersicht. 
lich in Seinem Aufsatz über G. Simmel, in: Kant- 
Studien, Jhrg. 24 (1919), S. I=51. 
Schrifttum: R. Lehmann, F.-K., 
dien, Jhrg 
rede für F.-K., ebd. S. 15--20. 
in: Kantstu- 
29 (1924), S. 5-14; A. Liebert, Trauer- 
Th. Steinbiichel. 
Führung. 
1. Der Begriff wurde früher allgemein ge- 
braucht, hat aber in der Gegenwart eine SPEZIf. 
Bedeutung gewonnen. Die Jugendbewegung hat 
dazu Anlaß gegeben, als man von der Jugend- 
pflege nicht ohne weiteres den Sprung in die 
eigentl. (freideutsche) Jugendbewegung mit- 
machen wollte. So hat Sich die päd. Form der 
Jugendführung gebildet. (Die gleichnamige Zeit- 
Schrift des kath. Jungmännerverbands erscheint 
in Düsseldorf, Jugendhaus, Derendortferstr. 1.) 
Die Jugendbewegung will autonom Sein ; die 
Jugendpflege fordert Strenge Autorität; Jugend- 
führung will einen Ausgleich Schaffen zwiSchen 
beiden. Dieser/7s7or. Art derBegriffsentwicklung 
entspricht auf Sc/u/“schem Gebiet die Ausein- 
andersetzung auf dem Päd. Kongreß in Weimar 
1926 zwiSchen «Führen» u. «Wachsenlassen», 
was Th. Litt in Seiner gleichnamigen Schrift zur 
Harmonie vereinigen will. InzwiSchen iSt der 
Begriff F. auch Stark ins Soziale u. wirtschaft- 
liche, bes. auch in das gewerkschaftl. u. polit. 
Leben übergegangen, ohne dabei eine Schärfere 
Umgrenzung Seines Inhalts zu finden. Diese 
kann wohl überhaupt nur von der Pädagogik 
testgestellt werden, u. ein Vergleich mit ver- 
wandten päd. Haltungen muß uns dazu ver- 
helten. Aufzucht u. Abrichtung bedeuten eine 
SO intensive Einflußnahme, daß F. von Selost 
Hilfsbedürftige in Frage kommen. Erziehung, 
O O 
| Unterricht u. Bildung kommen der F. 50 nahe, 
daß eme einheitl. Haltung aller Pädagogen 
weder in der Theorie noch in der Praxis mög- 
- . I> 217: . . “Iich erscheint. Mag Erziehung die umfassendste 
lungsweise ergibt. --F.-K.s trüher Tod ließ den : CTS OD CHÜNSE 
Einflußnahme bedeuten, unter welcher die W 1s- 
| SenSmehrung u. die Seeleniormung als zwei De- 
' Sondere Arten angesehen werden, dann 1ist F. 
Simmel u. Eucken Empfs 'ngenen kommen; doch eINC treicre 1 nur mittelbare Art von Einflül- 
zeigt Sich Seine Selbständigkeit u. a. in einer 7 " 7 
nahme. Wir Sprechen Ja auch von einer L/77- 
führung, von einer Vorführung, von einem Zz“ 
rückgtühren u. ä., wobei die Zwecksetzung Un- 
. ii . ' Seres Tuns zunächst ganz in den Hintergrund 
reinen veistehenden Eintühlen. -- Die Beur: tritt. Wer ist eigentlich Führer? Der Freund 
teilung F.-K.sS deckt Sich mit der im Artikel | " O | 
mehr als der Vater? Die Lehrerin mehr als die 
Das innere Ideal stärker ais das 1ie- 
"bendige Beispiel? «Einer ist euer JMeister:.> 
- Spricht den Begriff der F. am klarsten u. deut- 
lichsten aus, indem es dessen Wesensbestim- 
mung nicht in die äußere Autorität, Sondern In 
den innern Wert u. dessen Wirkung auf die [ m- 
gebunglegt. SoliegtdieF. nichtvon Selbst durch 
die Wahl in dem "Ger ählten von unten oder
	        

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