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Gewohnheiten niemals durch bloße Wieder-
holung zustande kommen, Sondern vielmehr
immer in einer entsprechenden Wertzuwendung
der Person wurzeln, So ergibt Sich für die päd.
Praxis, daß der Erzieher vor allem darauf be-
dacht Sein muß, dem Zögling den Wert jener
Verhaltungsweisen, die ihm zu Gewohnheiten
werden Sollen, fühlbar zu machen. Damit 1st
die herkömm]. einseitige Überschätzung des
Übungsverfahrens abgelehnt. Gleichzeitig aber
muß betont werden, daß der Übung immerhin
eine große Bedeutung für die Bildung von Ge-
wohnhbeiten zukommt, nur beruht diese Bedeu-
tung auf andern Wirkungen als der gemeinhin
hervorgehobenen Wirkung der ASSoziatlons-
bahnung. Zweierlei 1St wichtig:
1. Die > Übung bietetdie Möglichkeit, den Wert
des geübten Verhaltens zu erfahren. Es 1St be-
kannt, wie das AuSüben, insbes. das wiederholte
Ausüben eines Verhaltens, geeignet 1st, den Wert
dieses Verhaltens zum Erlebnis zu bringen. So
kann Selbst erzwungene Pünktlichkeit Schließ-
lich zu einer lieben Gewohnheit werden.
2. Die wiederholte Übung 1ist imstande, all-
mählich die Scheu vor Unannehmlichkeiten,
die mit dem betr. Verhalten verbunden Sind,
herabzumindern u. S0 Widerstände wegzuräu-
men, welche der Bildung einer Gewohnheit im
Wege Stehen. Hier liegt eine anpassende G. an
vorher als Störend empfundene Tatsachen vor.
Es zeigt Sich an dieser Stelle, wie die anpassende
G. eine Vorbedingung für den Erfolg der sta-
biliSierenden G. Sein kann.
Neben der Übung, die aus den angeführten
Gründen als eine Maßnahme der stabiliSieren-
den G. gerechttertigt ist, kommen natürlich alle
diejenigen päd. Verfahrensweisen in Betracht,
durch die dem Zögling der Wert eines Ver-
haltensnahe gebracht oderanschaulich gemacht
werden kann: Gebot, Lehre u. Beispiei (Ss. d.).
Wie der anpassenden G. die Entwöhnung
gegenübersteht, 50 der StabiliSierenden G. die
Abgewöſnung, d.h. die AuflöSung von (Schlech-
ten) Gewohnheiten. Für das päd. Verfahren der
Abgewöhnung gilt grundsätzlich dasselbe wie
für die An gew öhnung. Wie die bloße Bahnunrgs-
wirkung der Übung nicht ausreicht, um Ge-
Ww ohnheiten zu bilden, SO kann auch durch bloße
Unterbindung des gewohnten Verhaltens nicht
ohne weiteres die betr. Gewohnheit beseitigt
werden. Wesentlich für die Abgewöhnung 1st
vielmehr, Jaßeine Wertabwendungdes Zöglings
erreicht wird. Insofern allerdings Solche Wert-
abwendung durch Unterbindung des gewohnten
Verhaltens begünstigt wird, ist Sie natürlich als
Mittel der Abgewöhnung zu empfehlen. Da-
neben Sind als Mittel der Abgewöhnung die-
jenigen päd. Maßnahmen zu nennen, durch die
der Unwert des betr. Verhaltens dem Verständ-
nis des Zöglings nahegebracht wird: Verbot,
Warnung, Lehre u. abschreckendes Beispiel.
Gnauck-Kühne.

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Wichtiger aber noch als dies negative ist für
den Erfolg der Abgewöhnung das positive Ver-
fahren, den Zögling zur Bildung entgegenge-
Setzter guter Gewohnheiten anzuleiten.
Schließlich 1st es für den Erfolg der An- Sowie
der Ab-G. entscheideng, daß die verschiedenen
Erziehungsfaktoren, bes. Schule u. Elternhaus,
in gleicher Richtung wirken.
Schrifttum: F. Zeugner, Das Problem der
G. in der Erziehung (1929); P. Radestock, Die
G. u. ihre Wichtigkeit für die Erziehung (*1885);
K. Neilbronner, Über G. auf normalem u. patho-
log. Gebiete (1912); W. Gutzmann, Über G. u. Ge-
wohnheit, Übung u.Fertigkeitu. ihreBeziehungen ZU
Störungen der Stimme u. Sprache, in: Fortschritte
derPsychologie u. ihrer Anwendungen, jhrg.2, H. 3
(1913); A. Strigl, PSychologie der G., in: Ztschr. für
den kath. Rel.-U., Jhrg. 5, H. 12 (1928); K. Lewin,
Vorsatz, Wille u. Bedürfnis (1926); F. Lindworsky,
Der Wille (*1923). KX. Haase.
Gnauck-Kühne, Elisabeth.
G.-K. Ist am 2. 1. 1830 in Vechelde (Braun-
Schweig) geboren. 1856 wird ihr Vater als Staatsan-
waltnach Blankenburg(Harz) versetzt. Miti4Jahren
kommt Sie auf das Lehrerinnenseminar Callnberg
(Sachsen). 17jährig wird Sie nach glänzender Ab-
Schlußprüfung dort angestellt. 2 Jahre verbringt
Sie als Erzieherin in Paris u. London. 1875 be-
gründet Sie ein Lehr- u. Erziehungsinstitut in
Blankenburg. 1888 verkauft Sie es. Sie verheiratet
SIch mit dem Nervenarzt Dr. Gzazck. Der von
Anbeginn unglückl. Ehe folgt nach 4 Monaten die
Trennung. Auf 47027272527:s Rat widmet Sich G.-K.
in Berlin erneut dem Studium. Durch ihre erste
Broschüre «Das Universitätsstudium der Frau»
gewinnt Sie Scimollers Teilnahme. Seither gilt ihr
Wirken dem Frauenschicksal im umfassendsten
Sinn: von der Gewinnung bürgerl. Frauenrechte
bis zu Arbeiterinnenschutz, -organisation, -berufs-
ausbildung, -erziehung. Sie Schließt sich dem
«Evang.-Sozialen Kongreß» an. In Seinem Rah-
men wird sie Begründerin der Konfessionellen
Frauenbewegung (Ss. d.). Ihr glanzvoller Vortrag
auf dem Erfurter Kongreß 1895 «Die Soziale Lage
der Frau» gibt ihr unter den Evang.-Sozialen
eine einzigartige Stellung. = Die Arbeiterinnen-
frage Studiert sie nicht nur theoretisch, Sondern
auch praktisch, im Verkehrmitden Gewerkschaften
u. als Arbeiterin in einer Kartonfabrik, in der Sie
Sich im Sommer 1894 unerkannt anlernen läßt.
1896 erscheint: «Die Lage der Arbeiterinnen in der
BerlinerPapierwarenindustrie. EineSozialeStudie»,
die erste Fravuenschrift in Schmollers Jahrbuch
(N.F., Bd. 22, H.2, 1896). Meist zwiSchen 1897/99
verfaßte Märchen: «Goldene Früchte aus Märchen-
land» haben ausgesprochen Sozial-päd. Gepräge.
1900 tritt sie nach Schweren Seelenkämpfen
zum Katholizismus über. In «Aufzeichnungen zum
Glaubenswechsel» hat Sie die Beweggründe dar-
gelegt. 4 Jahre Später erscheint ihr bedeutendästes
Buch: «Die deutsche Frau um die Jahrhundert-
wende» (1904. = Dem 1903 gegründeten Kath.
Frauenbund widmet Sie eindringende Wirksam-
Keit, vorwiegend im Hinleitung zu Sozialer Arbeit.
-- Ihre unmittelbar SOzial-päd. bzw. bürgerkundl.
Schöpfungen sind: «Einführung in die Arbeite-

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