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Setzt bereits reiche Erziehungserfahrung voraus.
Verfrühte Überzeugung von der Möglichkeit
einer echten päd. S. kann Sogar viel verderben.
Erst nach mehreren Arbeitsjahren wird die rich-
tige Einschätzung der Erziehungsanlagen u. der
aus ihnen geborenen Kunst möglich, werden
die Grenzen des eigenen erziehl. Könnens u.
Dürfens deutlich. Mißgriffe u. häufiges Miß-
hingen liefern der echten päd. S. den Stoff. Sie
bezieht Sich nicht eigentlich auf die eigenen
Neigungen u. den eigenen Charakter (diese Er-
kenntnis muß vorausgehen), Sondern auf das
Verhältnis des Eigenwesens zum eigenen er-
ziehl. Denken, Wollen u. Werk. Sie besagt die
Erkenntnis der Grenzen des persönl. Sichein-
fühlenkönnens, des unmittelbaren Schauens
(Intuition der Erziehung), des Schnellen Ein-
greifens, der Durchschau der guten, Schwachen,
Schlechten Sittl. Seiten des Zöglings.
II. Die S. des zu Erziehenden ist zu unter-
Scheiden von Schuldbewußtsein u. Selbstprü-
füng; „Schzuldbewuſßtsein im Augenblick der
Schuld u. Selbstprüfung 2. B. vor der Beichte, als
Erinnerung an eine begangene Schuld. Das
Kind ist Seelisch zu einheitlich, um im eigent].
Sinn S. zu üben. S. Setzt die Möglichkeit einer
gewissen Zweiheit u. Spaltung voraus. Der
Mensch Stellt einen Teil Seines Selbst objektiv
Sich Selbst gegenüber. S. besagt auch ein zezes
Erkennen der Neigungen u. Triebe, guter u.
böser Eigenschaften. Alles das trifft erst im
Pubertätsalter zu. Der junge Mengch steht bald
unter dem Einfluß von Pubertätserregungen,
in denen er Sich wie ein anderer vorkommt,
bald im Fluß ruhiger Stunden, in denen er Sich
gleichsam objektivieren kann. Das erst gibt
ihm die Möglichkeit der S. Später, vom 18. u.
20. Jahr an, nimmt oft die Fähigkeit der 8. ab,
weil man da beginnt, aus dem reifenden Cha-
rakter mit Einschluß der Fehler u. Schwächen
ein System aufzubauen U. dieses in eine Lebens-
einheit zu zwingen, wobei mehr oder weniger
bewußte Selbsttäuschungen leicht unterlaufen.
Erst der fertige Mann überwindet diesen System-
Zwang. Er vervollständigt zwar das System, ver-
magadber besser, das künstlichSystematische von
derWirklichkeitseinesLebens zu unterscheiden.
Man führt an die S. heran weniger durch
Systemat. Innenauf klärung als durch Anhalten
zur Selbstbeurteilung von Handlungen u. Moti-
ven. --S. wird mehr gefördert durch Beobach-
tung der Hemmungen bei zittl. u. edlem Han-
dein als durch Aufspüren der Einzelfehler. --
Auf versagende S. mache man nicht unmittel-
bar aufmerksam, Sondern indirekt, durch ob-
jektives Vorhalten ähnl. Fälle, u. warte dann die
Selbstheilung ab, auch Monate u. Jahre lang.
Schrifttum: Die Ztschr. Pharus (alle Jhrg.,
Seit 1910) u. Vierteljahrsschrift für wiss. Pädagogik
(Seit 1925); E. Spranger, Psychologie des Jugend-
alters (?* 1931). St. v. Dunin Borkowskt.
Selbsterziehung.

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Selbsterziehung.
1. Die Selbsterziehung des Erziehers
umfaßt 2 Zeiträume: die Periode vor der päd.
Selbsterkenntnis (s. d.) im Strengen Sinn u. die
mit dieser Erkenntnis einsetzende 2. Periode.
I. Es iSt nur Scheinbar paradox, wenn man
eine S. vor der Selbsterkenntnis annimmt. Denn
es handelt Sich doch nur um die /äd. Selbst-
erkenntnis. Die Selbsterkenntnis als Einsicht in
die eigenen Anlagen, Kraftäußerungen, Schwä-
chen u. Neigungen, innerhalb eines oder meh-
rerer koordinierter Grundzüge des Wesens, muß
natürlich dies. begleiten u. mitihr wachsen. Die
S. des ersten Zeitraums wird die Fähigkeit des
Einſühlens in fremdes Fühlen u. Denken syste-
matisch ausbilden u. Sich immer wieder zur
Ehrfurcht vor dem jugendl. Sein u. Wachsen an-
halten. Erst auf dieser Doppelgrundlage kann
man Seine Erziehungsanlagen kritisch beurtei-
len. Von der Seite der Einfühlung aus wire
man SICh in rascher, intuitiver Schau der Eigen-
art des Zöglings üben, Sich aber immer wieder
einprägen, daſß dieser Erstblick fast niemals
endgültigist; ihm muß ein Sorgfältiges Studium
des individuellen Charakters (unter Berücksich-
tigung der ganzen äußern Erscheinung, von
Sprechen, Blick, Schrift) folgen. Von der Seite
derEhrfurcht aus erziehe man Sich zum Verzicht
auf jeden herrschsüchtigen Erziehungswillen,
auf voreingenommene Erziehungsgrundsätze,
auf die Erziehung von Sich, nicht vom Zögling
aus. Einfühlung u. Ehrfurcht miteinander ver-
bunden, liefern treff]. Motive zur Erziehungs-
trias: Geduld, Ausdauer u. Selbstlosigkeit.
2.S.desErziehers zac? dem Einsgetzen der päd.
Selbsterkenntnis. S. zu Einsichten : Zur Über-
zeugung vom Erziehenmüssen, nicht bloß Ehr-
furcht vor dem Erziehendürfen. Dementspre-
chend ist die Erziehung kein Gnadengeschenk
an das Lind, Sondern ein Recht des Kindes u.
ein Dienst an ihm. -- S. zur Einsicht, daß das
Adsolute Urquell des Ethischen u. damit auch
der Erziehung ist. -- S. zur Erkenntnis einer
gewissen neutralen Ebene derPädagogik, inner-
halbder dieerzieher. WeisheitaufweiteStrecken
unabhängig ist von philosoph. Systemen. -- S.
zumSinn fürSeelengeheimnisse, tiefen u.-wider-
Sprüche bei dem Erzieher u. dem Zögling, die
SICh nicht glatt lösen lassen. = Erkenntnis, daß
viele Erziehungsmöglichkeiten aus dem klaren
u. Starken Erziehungswillen ihre Nahrung zie-
hen, nicht einfach umgekehrt. = S. zu gewissen
Richtungen des Erziehungswillens: Umwand-
lung des egoist. Genusses in der Erziehung in
einen entsagenden Genuß: Genuß der objekt.
Schönheit der Erziehungsarbeit u. des zu bil-
denden «Stoffes»; Genuß am Werk, nicht am
Wirken; Genuß der Fruchtbarkeit des Ideals,
nicht des eigenen schöptferischen Tuns. = S.
zum Auffinden der Einheit in der Mannigfaltig-

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