Full text: Kinderfürsorge bis Zwangszustände (2)

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Die Schule in Sowjetrußland, m: Die Erziehung, 
Jhrg. 2, H. 1--2 (1926) u. Jhrg. 5, BE. 10-12 (1930); 
Welt vor dem Abgrund, hrsg. von I. Iljin (1931, 
bes. S. 472 ff.); A. Lifschitz, Der Fünfjahresplan u. 
die Volksbildung in Sowjetrußland, in: Osteuropa, 
Jhrg. 6 (1931); A. Pinkewitsch, Päd, Briefe, ebd., 
Jhrg. 2--5 (1926/30); N. NemirovSkij, Die Schul- 
bildung in der Ukraine (1926); Die Volksbildung in 
RSFSR (Moskau ?1928); F. Braun, 8S., in: Das aka- 
dem. Deutschland II1, S. 89 (1930). -- Ferner eine 
große Anzahl Sowjetruss. Zeitschriften, Dekrete, 
Programme u. Bücher in russ. Sprache Sowie die 
rusSiSch inPrag erscheinendeEmigrantenzeitschrift 
«RusskajJa Schkola Sa rubeshom». 4A.7. 372yer. 
SozialistisSche Erziehung u. Pädagogik. 
[s. = Sozialistisch, 8S.= Sozialismus.] 
Im Mittel- wie im Zielpunkt s. Erziehung 
Steht der «vergesellschaftete Mensch». Auch 
die marxist. Mensch- u. GeschichtsauffasSung 
will den Willen des Menschen keineswegs aus- 
Schalten. Aber siesieht den Menschen im Gegen- 
Satz ZUr Idealist. Abstraktion eines «Menschen 
überhaupt» in Seiner konkreten Vergesellschaf- 
tung innerhalb einer geschichti. Gesellschafts- 
klasse. Sein Klassgenbewußtsein gilt es daher zu 
Stärken u. Seinen Klassgenwillen zum Ziel der 
Klassenüberwindung in der klassenlosen Ge- 
Sellschaft zu Stählen, damit er im Klassenkanpf 
um dieses Ziel Sich durchsetze. Das erreichte 
Ziel gewährt «die freie Entwicklung eines je- 
den» als «die Bedingung für die freie Entwick- 
lung?» aller. So hat &“ Jary an dem bürgerlich- 
idealist. Persönlichkeitsbegriff festgehalten, ihm 
zugleich aber die idealistiSch-metaphys. Grund- 
lage genommen. Die geschicht]. Bewegung ist 
dialektisch nicht nur als Aufstieg durch die 
Klassengegensätze zu deren Überwindung, son- 
dern auch als sStetes Ineinander der «Wechsel- 
wirkung» (F. Erugels) von ökonom. u. ideolog. 
Faktoren. Marxismus ist nicht Fatalismus. 
Darum bleibt für das erziehl. Moment Raum. 
Die Zeutige 8. Pädagogik bejaht mit Marx die 
«Dialektik». So kann Sie mit der wirtschaftlich- 
gesellschaft]l. Anderung der Institutionen die 
Heranbildung des «neuen Menschen» fordern. 
Es 15t der der Gemeinschaft als deren Glied u. 
Mitträger verantwort]. Mensch, das Gegenbild 
des individualist. Zweckmenschen der bürgerl. 
Gesellschaft u. ihrer nur auf Interessen einge- 
Stellten Wirtschaft. Die «Bildung s. Menschen» 
erfolgtauseinem «Seelenerlebnis» (De Man), das 
im S. eine sittl. Idee Sieht, die (dialektisch) nur 
Hand in Hand mit der Überwindung indivi- 
dualist. Wirtschaftsform als sitt]. Soll verwirk- 
licht werden kann, u. beides wirkt wieder auf- 
einander zurück im Gegensatz zur bloß utopist. 
Forderung. Die ältere Kantische Form dieses eth. 
S. mit Seiner Forderung der Anerkennung eines 
jeden Menschen als «Selbstzweckes» ist heute 
verlassen. Aber die eth. Forderung ist vertieft 
im «reltgzögen S.> der Gegenwart, in einem «S. 
aus dem Glauben». In vielfachen Formen auf- 
Sozialistische Erziehung u. Pädagogik. 
 
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tretend, hat er Seine theoretisch tiefste Begrün- 
dung in dem Kreise um 2. Zz/lich u. vor allem 
durch dessen Arbeiten Selbst erhalten. Die 
1dealistisch-einlinige Menschauffassung 1st hier 
preisgegeben ; der «Bruch» der Einheit von Vi- 
talität u. Geistigkeit ist gesehen, u. dieser Bruch 
offenbart Sich in der heutigen Konkreten Ge- 
Sellschaftssituation am deutlichsten in der Klas- 
Senlage des Proletariers, der kein Sinnvolles 
Dasein mehr führen kann im Seiner «Entmen- 
Schung», u. dem darum zuerst die Aufgabe der 
Schaffung einer «Sinnerfüllten Gesellschatt» ge- 
Stellt ist. Er kann Sie nur durchführen in der 
geschicht]. Notwendigkeit u. Wirklichkeit des 
Klassenkampfes, der zur «Dämonie» des Ka- 
pitaliemus hinzugehört. Das Ethos, das Jar 
Schon dem Klassenkampf gegeben hatte, er- 
Scheint hier religiös vertieft: es erweist Sich als 
Erfüllung einer geschichtl. Notwendigkeit in 
einer Situation, in der alte Gesellschattsformen 
brechen u. neue emporstreben, demnach als 
Sinnvolle Forderung der geschichtl. Stunde 
(«Kairos») an den Gesellschaftsmenschen der 
Gegenwart. «Gläubiger Realismus» verkennt 
nicht die «Eschatologie» u. «Prophetie», die 
von hier aus das s. Wollen erfüllt. Bei 4/ar:x 
Schon war beides lebendig, u. die Marxsche Pro- 
fanierung der Religion, die das Irdisch-Gesell- 
Schaftliche atheistisch verabsolutierte, wird im 
kommunist. Bolschewismus festgehalten. Der 
religiöse S. dagegen glaubt an eine «Transzen- 
denz», die nicht das Gesellschaftliche selbst ist, 
aberin es hineinbricht. Zum Sinnverstehendieser 
Transzendenz u. ihrer Forderung in der gegen- 
wärtigen Situation w111 der religiöse S. er'zzeßer, 
also weder eine romant. Festlegung auf Ver- 
gangenes noch eine utopist. Zukunftsideologie 
befürworten. Aber er weiß als S., daß Erziehung 
ihrerseits eineGesellschaftsstrukturverlangt, die 
Sie erfolgreich macht; er verlangt also dialek- 
tisch Sinnverstehen des Gegenwärtigen durch 
den Menschen u. Sinnerfüllungdes gesellschatftl. 
Daseins für den Menschen. Dabei aber weiß er 
im Gegensatz zu dem hier noch idealistisch 
bleibenden Marxismus, daß die «Bedrohtheit» 
des Menschen, das Nie-restlos-einheitlich-wer- 
den von Vitalität u.Geistigkeit, StetsWirklichkeit 
iSt, daß also auch Marxens Ideal der klassenlosen 
Gesellschaft noch keineswegs die Harmonie des 
Menschseins im Persönlichkeits- u. Gemein- 
Schaftsleben Sichern kann. 
Den S. heute ScAlechthin als religionslos oder 
feindlich anzusprechen, geht nach all dem nicht 
an. Daß der Kommaurnismus Sich atheistisch gibt 
im Gegensatz zu der mit der Religion, wie er- 
wähnt, noch verbundenen bürgerl. Gesellschaft, 
iSt offensichtlich. Die „Sozialdemokratie hat den 
alten Progammsatz von der Religion als «Privat- 
Sache» Seit 1925 fallen gelassen. Sie hat Sich 
desShalb keineswegs als religionsbejahend er- 
wiesen. Religiö5e, auch kath. Sozialisten kämp-
	        

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