Full text: Kinderfürsorge bis Zwangszustände (2)

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unmöglich. Die Identifikation aller T.e mit der 
libido, d.h. dem Sexual-T., iSt eine wisSenschaftlich 
unzulässige Verfälschung der Begriffe. 
III. Die Pädagogik hat an die Entwick- 
lung der T.e anzuknüpfen, muß die Kausal- 
faktoren kennen u. Sie mit den Zielen (als den 
überpsycholog. Faktoren) assoziativ oder 1o- 
gisch verbinden. Die eigentl. Stufe der trieb- 
mäß. Entladungen 1ist das neugeborene oder 
Frühkind. Als erste T.e äußern Sich der Nah- 
rungs-T., dem die Instinkthandlung des Sau- 
gens entspricht, u. der Hinwendungs- (Seltener 
der Abwehr-) T. Sie werden, teleologisch be- 
deutsam, mehr durch Unlust- als Lustgefühle 
ausgelöst. Im ersten Lebensjahr kommen die 
triebartigen Ausdrucksbewegungen hinzu. Bei 
der weiteren Entwicklung stehen zu unterst 
auf der Stufenleiter die T.e, welche durch 
Organgefühle ausgelöst werden in ihrer Be- 
ziehung auf die Lebensfunktionen des Orga- 
niSmus; wobei die Organlust mehr u. mehr 
die bloße Abwehr der Unlust überwiegt. Auch 
zeigt Sich manchmal ein angeborener Furcht- 
instinkt als Furcht vor dem Unbekannten. Die 
nächste Stufe Sind die T.e, welche durch die 
Objekte veranlaßt werden ; vor allem der Spiel- 
T. als einfache Freude an der Betätigung. Die 
Neugier entwickelt Sich aus dem Greifbegeh- 
ren, das anfangs noch auf der Sinnl. Tastlust 
ruht; Später wird Sie Wissens-T., der Sich in 
den unermüdl. Fragen des Kindes kundtut 
(Ch. Bükler). Der Soziale T. Scheint als Mit- 
fühlen mit andern Personen ein elementarer 
Vorgang zu sein (Verhalten gegen die Eltern, 
der Kinder untereinander mit Rangordnungs- 
Phänomenen ; CZ. Sükler). Auf der Gefühls- 
ansteckung Scheint der Nachahmungs-T. zu 
beruhen. Die weitere Entwicklung der T.e, bei 
denen dieVorstellungen, Gedanken, Intuitionen 
als Motore auftreten u. die Führung gewinnen 
(Sollen) oder die Organe erst zuwachsen, ist hier 
nicht zu behandeln. Die rein triebmäß. Hand- 
lungen zeigen regressive Tendenz. -- Die Er- 
ziehung der T.e hat beim Frühkinde ein- 
zusSetzen u. folgt der Entwicklung des Verhält- 
nisSes von Unbewußtheit zur Bewußtheit. Beim 
Säugling (W. Stern) Setzt das Bewußtsein in 
dumpf-triebhaften Formen ein, die Sich aus 
der Untergründigkeit des unbewußten Lebens 
nur eben abheben, um alsbald wieder zurück- 
zusinken. Allmählich beanspruchen die Lebens- 
forderungen, die verwickelter u. konflikthaltiger 
werden, VoraussSicht, Zielbewußtsein u. wählen- 
des Verhalten. Die wachsende Reifung des In- 
dividuums ermöglicht die erforderl. Inten- 
SIVIeruNng u. Klärung des Bewußtseinsanteiles. 
Dabei Sind die Willensakte des Kindes Ver- 
feinerung, Regelung u. Ausbau der T.e. Die 
erste Erziehung muß daher die neuzuschaften- 
den Verhaltungsweisen im Unbewußten selbst 
verankern, d. h. mit den angeborenen T.re- 
Troeltsch. 
 
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gungen verschmelzen durch Gewöhnung. Diese 
Gewöhnung (Ch. Bühler: Dressur) geschieht 
mit Hilfe des Prinzips der MechaniSation 
(IW. Sterr), besser Automatisation : die neuen 
Formen erregen das Bewußtsein, werden ge- 
wöhnt, Sinken in das Unterbewußte zurück. Mit 
dem Saubergewöhnen u. dem Entwöhnen des 
Säuglings hebt diese regressive Entwicklung 
an; Später werden die Akte des Essens, des 
Sprechens, der Körperhaltung, das Benehmen 
zu andern, Ordnung, Reinlichkeit ebenso ge- 
wöhnt. Das Ergebnis Sind die Alltagstugenden, 
die dem Kinde zur zweiten Natur werden u. die 
erste, d. h. die undisziplinierten Instinkt- u. T.- 
regungen, überbauen u. (innerlich) umändern. 
Die weitere Erziehung, bes. bei den von der äl- 
teren Psychologie in Fülle Sog. T.en, gilt der 
Intensivierung des Bewußtseinsanteiles, zumal 
es Sich um Komplexe handelt, bei denen die 
geistige Komponente die Führung zu überneh- 
men hat(Willensprozesse, eingeleitet durch selb- 
Ständige Aufgabenstellung, Wünsche u. Wahl- 
handlungen; JW. Stern). Die rein triebartigen 
Handlungen Sind zurückzudrängen. Eine noch 
wenig geklärte Frage 1st die nach der «Stärke» 
oder der «Unwiderstehlichkeit» des T.s oder 
der verschiedenen einzelnen T.e. Es ist aber 
wahrscheinlich, daß auch diese Momente nicht 
unabhängig Sind von der Gesamthaltung der 
Persönlichkeit, Sondern vielmehr Sind Sie ihr 
eingebaut u. von ihr her bestimmt. Auch die 
T.haftigkeit läßt Sich als Ausdruckssphäre der 
Gesamtperson u. Ihrer Grundhaltungen auf- 
fassen. Die Annahme der «Unwiderstehlich- 
keit», welche bei Beurteilung krimineller Ver- 
haltensweisen eine große Rolle spielt, dürfte 
wohl einem allzu naturalist. Vorurteil entsprin- 
gen. Jedenfalls besteht kein Grund, von vorn- 
herein an die Unmöglichkeit der 7"deherrschung 
zu glauben u. Bemühungen um die Erziehung 
des T.lebens voreilig aufzugeben. 
Schrifttum: Die ältere Psychologie bei : 
G. Hagemann, Psychologie, neubearbeitet von A. 
Dyroff (*71%1921); neuere(T.= Instinkt): Th. Lipps, 
Leitfaden der Psychologie (?* 1909); W. Stern, 
Psychologie der frühen Kindheit (* 1930); K. Büh- 
ler, Die geistige Entwicklung des Kindes (* 1930); 
-- Die KRrise der Psychologie (* 1929); Ch. Bühler, 
H. Hetzer u. B. Tudor-Hart, Soziolog. u. psycholog. 
Studien über das erste Lebensjahr (1927); D. u. R. 
Katz, Gespräche mit Kindern (1928); W. Gruehn, 
Das Werterlebnis (1924); J. Fröbes, Lehrbuch der 
exper. Psychologie II (21929); Ch. Bühler, Kind- 
beit u. Jugend (*1931); W. McDougall, Grund- 
lagen einer Sozialpsychologie (1928); R. Allers, 
Psychologie des Geschlechtslebens (1922); -- Das 
Werden der sittl. Person (*1930) FJ. Engert. 
Troeltsch, Ernst. 
Geb. am 17. Il. 1865 in Haunstetten bei Augs- 
burg, Przv.-Dos. in Göttingen, CV72v.-Prof. der 
evang. Theologie in Bonn u. Heidelberg, Seit 1915 
Prof. der Philosophie in Berlin, gest. am 1. 11. 1923. 
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