Full text: Abhärtung - Exzentrisch (1)

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beſteht für ihn ohne ſein Zutun und tritt al8 Wille 
Gotte8 mit der Forderung an den ſittlichen 
Willen auf, von ihm anerkannt zu werden, und 
zwar als Ausdruck ſeiner eigenen innerſten Ge- 
jinnung. Heteronomie bleibt aljo hier völlig 
aus dem Spiel. Denn Heteronsmic veſtieht da, 
wo ein GeſeB nur einer äußeren Autorität wegen 
befolgt wird. Dem Glauben aber erſchließt ſich 
in dem Gebot der Gotte8- und Nächſtenliebe 
gerade die eigentliche Beſtimmung des Menjchen, 
in der ſein tieſſtes und innerſtes Weſen erſt recht 
zur Entfaltung gelangt. Doch iſt dieſes Gebot 
jür den Glauben das Gebot Gottes. Von 
Theonomie im ſtrengſten Sinne iſt alſo in der 
evangeliſchen Ethik zu reden. Aber dieſe Theono- 
mie bedeutet in ethiſcher Hinſicht nicht Heterono- 
mie. Denn es handelt ſich nicht um ein Gebot, 
Autonomie und Heteronomie -- Bacon 
 
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das nur al38 äußeres Autoritäts8gebot in Betracht 
kommt, jondern es handelt ſich in dem Gebot 
der Gotte3- und Nächſtenliebe um ein Gebot, 
das ven Menſchen zum Bewußtſein jeiner wah- 
ren Beſtimmung bringen will. In dem engen 
Zuſammenſchluß von Gotte3- und Nächſtenliebe 
liegt ja die Überzeugung beſchloſſen, daß erſt in 
Der Hingabe an Gott und in der Gemeinſchaft 
mit Gott das Perſonleben des Menſchen ſich 
vollenden kann. Und dieſe Überzeugung be- 
deutet die ſchärſſte Ablehnung aller Hetero- 
nomie. Wobbermin. 
Autonomie der Pädagogik |. Pädagogik. 
Autorität |. Freiheit, Autorität, Zwang i. d. 
Erziehung. 
Autojuggeſtion |. Suggeſtion. 
BV 
Bacon, 1. Leben. 2. Der Menſch, Denker 
und Schriftſteller. 3. Seine philojophiſche 
und 4, jeine pädagogiſche Bedeutung. 
1. Leben. Bacon, Francis8, geb. in London am 
22. Januar 1561, ſtammte aus der zweiten Ehe des 
Nicholas B., Großſiegelbewahrer3 der Königin 
Eliſabeth, mit Anna Cook, einer humaniſtiſch und 
theologijdh gebildeten Frau, deren Vater Lehrer 
König Eduards VI. geweſen war. Höſfiſch er- 
zogen, beſuchte er knapp 2 Jahre das Irinity 
College in Cambridge (1573-75) und wurde 
dann vom Vater mit der engliſchen Geſandtſchaft 
nach Frankreich an den Hof Heinrichs 111. ge- 
ſchi>t. Der Tod des Vater3 veranlaßte Februar 
1579 jeine Rückkehr nach England. Er wurde, da 
er nur ein kleines Vermögen geerbt hatte, zu- 
nächſt Advokat und nach einigen Jahren (1584) 
Parlamentsmitglied. Noch unter der Regierung 
Eliſabeth3 begann ſeine Lauſbahn als Hof- und 
Staatöbeamter; unter Jakob 1. ſtieg er vom 
Kronrat auſ zum Mitglied des Geheimen Rate3, 
Großſiegelbewahrer, Lordkanzler (1618) und er- 
hielt die Titel eines Barons von Verulam und 
eine38 Vizegrafen von St. Albans. Dies alles 
nicht ohne Wechſel ſeiner parteipolitijchen 
Stellung und Begünſtigung einſlußreicher 
Männer wie der Lords Cſſex und Buckingham. 
Dem Auſſtieg folgte ein jäher Abſturz. 1621 
wurde er vom Oberhauje angeklagt, in ſeiner 
Eigenſchaft als Richter Geldgeſchenke ange- 
nommen zu haben, und als ſchuldig beſunden zu 
einer Ichweren Geldſtrafe und Gefängnis mit 
Verluſt ſeiner Ämter, Parlamentsmitgliedſchaft 
und Hoffähigkeit verurteilt. Seine Verſicherung, 
in allen ihm zur Laſt gelegten Fällen unparteiiſch 
gerichtet und die Geſchenke erſt nach geſälltem 
Urteilöjpruch erhalten zu haben, milderte den 
Sinn ſeiner Richter nicht. Der König befreite 
 
 
ihn von Geldſtrafe und Haft. Seine Ämter hot 
B. nicht wieder erlangt. Er ſtarb ſern vom öffeni- 
lichen Leben an einer Lungenentzündung am 
9. April 1626. 
2. B. als Menſch, Denker und Söhrifiſteller. 
Mit voller und ganzer Seele iſt B. wohl nie 
bei ſeinen öffentlichen Ämtern geweſen. Aber er 
war von Kindheit auf an das Leben an einem 
großen Königshofe gewöhnt. Ehrgeizig ſtrebte 
er nach Anſehen und Macht, war klug und ge- 
Ihmeidig, auch unterwürfig, wenn es galt etwas 
bei den Potentaten zu erreichen, lebte gern auf 
großem Fuße und machte häufig Schulden. Mit 
jeinen innerſten Neigungen gehörte er der Wiſſen- 
ſchaft. Seine wiſſenſchaftliche Bildung war viel- 
jeitig und umfaſſend, doh für die Pläne und 
Arbeiten, mit denen er ſich trug, nicht umfaſſend 
und namentlich nicht tief und gründlich genug. 
Er war geiſtreich, erſinderiſch, auſs Praktiſch- 
Nüßliche bedacht, redegewandt bis zur prahle- 
riſchen Reklame, in feiner Beurteilung der wiſſen- 
ſchaftlichen Leiſtungen vor ihm und neben ihm 
oft unbillig geringſchäßig, in religiöſen und ſitt- 
lichen Dingen konventionell. 
Schriſftſtelleriſch trat B. zum erſten Male als 
etiva Fünſundzwanzigjähriger hervor mit einer 
verloren gegangenen Schriſt:! „Die größte Ge- 
burt der Zeit", deren Inhalt ſpäter in den 
„Valerius Terminus" hineingearbeitet worden 
iſt. Seine wiſjenſchaftlichen Arbeiten erſtreckten 
ſich nach und nach auſ die Gebiete des Rechts, 
der Bolitik, Moral, Religion, der Geſchichte der 
Natur und des Menſchen, der experimentellen 
Naturwiſſjenſchaſt und gipfelten in einer Wiſſen- 
jchaftstheorie. 
3. Seine philoſophiſche Bedeutung. Auf der 
Höhe jeine3 Lebens trug er ſich mit dem 
großen und fühnen Plane einer vollſtändigen
	        

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