Full text: Abhärtung - Exzentrisch (1)

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Ärzten auch Bedenken gegen den „plößlichen 
Aufſtieg" einer größeren Zahl Hochbegabter aus 
den niederen Bolksſchichten vom kulturpolitiſchen 
Standpunkt aus erhoben worden; nur ein ſtufen- 
weiſer Auſſtieg gebe Gewähr für die ſachgemäße 
Grhaltung kultureller Werte und wahre die er- 
wünſchte Stetigkeit ver Entwicklung, auch bleibe 
wirklich Beruſenen immer noch der allen Hemm- 
niſſen zum Troß errungene oder erzwungene 
„Auſſtieg aus eigener Kraft". Aber welch Trüm- 
merjeld geſcheiterter Hoffnungen zeigt gerade 
dieſe ungeregelte Form des Auſſtieg3! Er ſoll ſo 
hoch als möglich, aber auch jv zwedmäßig als 
möglich geſtaltet werden. 
Dazu noch einige Wünſche, um die vorhan- 
denen Hemmniſſe der Mittelloſigkeit, der Zeit 
und der Vorbildung tunlichſt einzuſchränken. -- 
Gerade für die Hochbegabien ſind Schülerheime 
und Freiſtellen zu fordern, die zugleic) da3 gegen- 
jeitige Abſchleifen der aus ganz verſchiedener 
Umwelt ſtammenden Zöglinge fördern und wie 
einſt Pforta, das Joachimsthal und die France- 
ſc<en Stiftungen Führernaturen erziehen wür- 
dein. =- Bei ihnen muß ferner auf den vier- 
jährigen Beſuch der Grundſchule unbedingt ver- 
zichtet und, wo keine beſonderen Einrichtungen 
jpäteren Klaſſen als ſog. Springer geſtattet 
werden; auf einſeitige Begabungen iſt auch in 
der Reifeprüfung Nüdſicht zu nehmen. -- 
Schließlich muß in Ausnahmefällen, wenn ſichere 
Gewähr beſteht, daß die ſo Bevorzugten ſpäter 
Ausgezeichnetes leiſten, auch ohne Reifezeugnis 
der Zugang zur Univerſität geöffnet werden, 
wie das in Preußen ein Erlaß von 1923 bereits 
vorſieht. Denn Organiſation allein tut's freilich 
nicht, ſondern der gute Wille, das pſychologijche 
Verſtändnis und großzügige Opferbereitſchaſt 
jür die Hochbegabten. 
Literatur. Sickinger: Art. „Mannheimer Schuls- 
jiyſtem“ in Reins Enz. Hdb. d. Räd. -- CE. Edert: 
Die elaſtiſche Einheitsſchule (1924). =- Moedvde-Pivor- 
kowski-Wolff: Die Berliner Begabtenſchulen (1910). 
-- IT. Nichert: Die Ober- und Aufbauſchule (1923). 
-- CE. Spranger: Begabung und Studium (1917), 
Nebe. 
Begabung, Begabungs3prüſung |. Nachträge 
(Schlußband). 3 gSprüfung | 
Begehren. 1. Da3 Weſen des Begehrens. 
2. Die Arten des Begehren3. 3. Die 
Bedeutung des Begehrens ſür das 
GeiſteöSleben und ſür die Erziehung. 
1. Das Weſen des Begehrens. Wie alle an- 
deren Seelenvorgänge, ſo ſteht auch das Be- 
gehren in dem Zuſammenhange de3 ganzen 
Seelenlebens; es tritt nur in dieſem Zuſammen- 
hange, der nicht ohne Einfluß auf ſeine Geſtal- 
tung bleibt, in die Erſcheinung und kann nur 
in ihm beobachtet werden. Die Seele begehrt, 
nicht ein einzelne3, beſonderes und für ſich ſelb- 
ſtändiges Hermögen in ihr, und wenn ſie begehrt, 
Begabtenklaſſen und -ſchulen -- Begehren 
 
| 
geſchaffen ſind, ein raſcheres Durchlaufen der: 
 
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jo iſt ſie dabei zugleich auch vorſtellend, dies Wort 
im weiteſten Umfange jeinex Bedeutung ge- 
nommen, und Jühlend tätig. Vorſtellen und 
Fühlen beeinjluſjen de3halb das Begehren und 
wirken bei ſeiner Geſtaltung mit, eine Tatſache, 
die bei ver Begriſſsbeſtimmung des Begehrens 
nicht unbeachtet bleiben darf. Aber noch ein 
anderex Zuſammenhang kommt in Betracht. 
Wenn die Seele vorſtellt und fühlt, ſo verhält ſie 
ſich nicht nur aufnehmend und empfangend, 
gleichſam leidend, ſondern zugleich tätig. Denn 
ſie mmmt die Reize, die ihr von außen oder von 
innen her zukommen und auf ſie einwirken, 
nicht nur auf, ſondern verarbeitet ſie zugleich, 
ordnet ſie ſich ein und eignet ſie ſich an, phyſiſches 
Geſchehen dabei in pſychiſches umwandelnd. 
Aber darin erſchöpft ſich ihr Tun nicht. Sie iſt 
noch in einem anderen Sinne tätig, indem ſie 
von ſich aus, ſpontan auf alle anderen Vorgänge 
in ihr verändernd und geſtaltend einwirkt. Man 
nennt das auch wohl ihre innere Aktivität und 
meint damit dasfelbe, nur umfaſſender aus- 
gedrückt, was ſonſt gewöhnlich al3 das Willen3- 
leben der Seele bezeichnet wird. E3 iſt dies, wie 
ſchon hier bemerkt werven mag, höchſtwahrſchein- 
lich die urſprünglichſte, erſte, zeitlich ſrüheijte 
Regung des Seelenleben3; mit ihm fängt alles 
innere Leben an. In ihm hat nun auch das Be- 
gehren ſeine Stelle, und zwar, wie im voraus 
geſagt werden ſoll, zwiſchen dem Triebe und 
dem Wollen im eigentlichen Sinne. DeShalb 
werden auch dieſe Begriffe hier mit berückſichtigt 
werden müſſen, wenn es ſich dabei auch nur um 
ihre Feſtſtellung, nicht um eine ausführliche 
Entwicklung handeln kann. Aber ſchon hier wird 
tlar, daß der Begriff des Wollens nicht eindeutig 
beſtimmt iſt. Denn einmal iſt Wollen gleich- 
bedeutend mit vem, was innere Aktivität des 
Seelenleben3 heißt, und dann hat e3 nod) einen 
anderen engeren Sinn, von dem noch in einem 
anderen Zuſammenhange die Rede ſein wird. 
Aber auch dem Begehren gegenüber iſt er nicht 
immer beſtimmt abgegrenzt, wird ihm ſogar viel- 
ſach untergeordnet. Denn Wollen, ſv heißt es, 
iſt ein beſtimmt geartetes Begehren, während 
Wundt wiederum da3 Begehren ein einfaches 
Wollen und das eigentliche Wollen ein zuſam- 
mengeſeßtes Begehren nennt. Höſfding da- 
gegen jetzt für Begehren den Begriſſ des Triebes 
und macht zwiſchen beiden keinen Unterſchied. 
Da3 alle3 beeinträchtigt natürlich die Klarheit 
der Begrifſe. Auf Klarheit aber kommt es doch 
an. Sie wird, jo darf angenommen werden, am 
ſicherſten erreicht werden, wenn für alle drei Be- 
griſſe: Trieb, Begehren und Wollen, ein gemein- 
jamer Oberbegriff gewählt wird. Zur Wahl ſtehen 
Drang, Verlangen, Streben, von denen der lette 
den Vorzug verdienen dürſte. Da3 Begehren iſt 
ein Streben: das ſoll aus einem ſelbſterlebten 
Beiſpiel noch klarer werden.
	        

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