Full text: Fächer - Kirchliche Erziehung (2)

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gezeigt hätte. Als Teilerſcheinung des in allen 
Lebewejen kräftigen Gelbſterhaltungstriebe3 
wird die Selbſtbehauptung erſt dann klar hervor- 
treten, wenn das Kind zum JIchbewußtſein er- 
wacht ijt. Wenn der Zeitpunkt kommt, daß das 
Kind ſich durchſeßen will, muß es der Erzieher 
bereits für ſich gewonnen haben. 
Eine andere Anlage, welche die Leitung des 
Kindes erleichtert, iſt der Nachahmungstrieb. 
Wenn man dieſen durch zwe>mäßige Geſtaltung 
der Umwelt genügend und frühzeitig au3nußt, 
erreicht man es durdy) die Gewöhnung, daß die 
bejonderen Emwirfungen auf den Willen de3 
Kindes auf ein geringes Maß herabgeſetzt werden 
iönnen und das Kind ſeime Abhängigkeit kaum 
ſpürt. Dieſe Macht der Gewohnheit wird be- 
jonders dann wichtig, wenn das Selbſtbewußtſein 
des Zöglings jo erſtarkt iſt, daß ihm Selbſtändig- 
feit und Freiheit als höchſtes Gut erſcheinen, 
und wenn die Kritik vor keiner Autorität mehr 
haltmacht. Freilich |chüßt dann die Gewohnheit 
allein auch die biSherigen Autoritäten nicht mehr. 
Nur joweit der geiſtige Wille des Zöglings ſich 
Durchſetzen kann gegenüber allen ſeinen ſinnlichen 
Trieben und ſubjelttiven Wünſchen, iſt eine Ge- 
währ daſür geboten, daß das Ziel der Erziehung 
doc) ſchließlich erreicht wird. Alſo kommt es vor 
allem darauf an, dieſen Willen für die höheren 
Zwede des Menſchenlebens innerlich zu ge- 
winnen. Das Wort Schillers „nehmt die Gott- 
heit auf im euern Willen, und fie ſteigt von ihrem 
Weltenthron“ gilt auch von dem Sittengeſeß. 
Wenn der Zögling ihm innerlich zuſtimmt, ver- 
liert es jeine Fremdheit, und das Gute wird 
bewußt ein Teil ſeine3 Selbſt, was e8 unbewußt 
ſchon vocher war. 
3. Gebot und Verbot als Mittel der Erziehung. 
Wir jehen, wie zielbewußt und doch vorſichtig 
und zurückhaltend die Einwirkung auf den Willen 
ves Zöglings erfolgen muß, wie man ihn für 
fich und jeine Lebenöauffaſſung innerlich ge- 
winnen muß. Daraus folgt, daß der Erzieher 
nicht allzu gerade auf ſein Ziel loöſteuern daſ, 
wie es früher und aud) jekt noch häufig in der 
patriarchaliſchen häuslichen Erziehung der Fall 
war und iſt. Hier gilt der einfache Saß der 
Autofratie: 816 volo, 816 jubeo -- „wie ich will, 
jo befehle ich“ . Wie dieſer politiſche Grundſaß 
häufig Revolutionen zur Folge hatte, ſo kann 
auch die entſprechende erzieheriſche Praxis eine 
Auflehnung des kindlichen Willen38 hervor- 
rufen, die ſich bis zum Troß ſteigert. Natürlich 
muß der Erwachſene die Ordnungen der Ge- 
meinſchaft, die er zu vertreten hat, dem Kinde 
gegenüber durch Gebote und am Anfang noch 
mehr durc) Verbote aufrecht erhalten, ſolange 
dem Kinde die nötige Erfahrung, Einſicht und 
Willensſtärke ſehlt. Die ſchon von Goethe ge- 
forderte Erziehung zur Ehrfurcht iſt heute 
vielleicht ſtärkſtes Bedürfnis für unſer heran- 
Pädagogiſche3 Lexikon. I1. . 
Gebot und Verbot 
 
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wachſendes Geſchlecht, und dieſe iſt ohne Ge- 
horjam nicht zu denken. Aber der Gehorſam, 
der aus der Ehrfurcht entſpringt, hat nichts mit 
inechtiſcher Furcht zu tun; vielmehr gilt hier 
Goethes Wort in umgekehrter Folge: „Jjt Ge- 
horſam im Gemüte, wird nicht fern die Liebe 
jein.“ Gerade die <rijtliche und evangeliſche 
Erziehung ſollte ſich frei halten von der Förde- 
rung knechtiſcher Geſinnung durch äußere Beu- 
gung unter geſeßliche Vorſchriſten und auch 
auſ ſittlichem Gebiet erziehen zur herrlichen 
„Freiheit der Kinder Gottes", zur „Freiheit 
eimes Chriſtenmenſchen“. Wenn da3 Kind den 
Gehorſam als ein Mittel zur Befreiung von 
jeiner niederen Sinnlichkeit, von ſeinem CEigen- 
willen ſchäßen lernt, dann werden in ihm Frei- 
heit und Zucht ſich verſöhnen zu freiwilliger 
Selbſtzucht, und e8 wird die Erfahrung von 
Goethes Iphigenie machen: „Von Jugend auf 
hab' ich gelernt zu gehorchen, erſt meinen Eltern 
und dann einer Gottheit, und folgſam fühlt' ich 
immer meine Seele am ſchönjten frei." 
4. Anforderungen an die Gebote und Verbote. 
3) Bezüglich ihres Inhalts. Damit der 
Zögling zu jol<h ſittlicher Freiheit geſührt 
wird, ſind ſowohl an den Inhalt der Gebote 
und Verbote wie an ihre Durchführung notwen- 
dige Forderungen zu ſtellen. Wenn man zur 
Freiheit erziehen will, darf man dieſe Freiheit 
nicht unnötig einengen. DeShalb gilt als oberſtes 
Geſez: Sei jparjam mit deinen Geboten und 
Verboten, ſuche ſie durch die Umgebung des 
Kindes, durch ſeſte Gewohnheiten, durch) den 
Verkehr mit dir überflüſſig zu machen; vertraue 
auch der Entwiklung, dem guten Geiſt de38 Kin- 
de3, in deſſen Seele deine Liebe zu ihm dich einen 
tiefen Blick tun läßt. Erſt wenn du dich von der 
Notwendigkeit eines Gebots oder Verbots über- 
zeugt haſt, an die Möglichkeit ſeiner Ausführung 
glaubſt und dir auch die Kontrolle der Aus- 
führung zutrauſt, erſt dann gebiete und verbiete. 
Dauernde Vorſchriften machen die Kinder gleich- 
gültig und mißmutig, jüngere wohl auch ver- 
wirrt und hemmen die Lebenskraft der Kinder; 
dem Erzieher aber wird die Aufficht über die Be- 
folgung der Vorſchriften erſchwert, die Scheidung 
von Wichtigem und Unwichtigem unmöglich. 
Vor allem aber leidet der ungezwungene Ver- 
kehr, das Vertrauen3verhältnis zwiſchen Erzieher 
und Zögling, wenn der Erzieher um den Zög- 
ling einen ganzen Zaun von Vorſchriften zieht 
und ſelbſt außerhalb desjelben bleibt. 
Die Notwendigkeit. der Gebote und Verbote 
wird hauptſächlich durch zwei Gründe erwieſen: 
ſie müſſen ſich aus dem Zwed der Erziehung 
ergeben und dürfen nicht im Wivderſpruch zu der 
fmdlichen Entwicklung und ſeinen Kräften ſtehen. 
Und zwar muß jede dieſer beiden Bedingungen 
bei jedem Gebot oder Verbot erfüllt jein; nur 
dann iſt es berechtigt. Erſtlich darf der Erzieher 
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