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5. Genjalität auf dem Gebiete der Wiſſenſchaft?
Kant, welcher in ſeiner „Kritik der Urteilskraſt"
in das Weſen des Genies ſo tief eingedrungen iſt
und auch auf Schiller ſtark anregend gewirkt hat,
iſt dex Meinung, daß alles, „was auf dem natür-
lichen Wege de3 Forſchen3 und Nachdenkens
na Das kann man gelten laſſen. Wenn ex aber ver-
allgemeinernd ſortſährt: „Jm Wiſſenſchaftlichen
alſo iſt der größte Erfindex vom mühſeligſten
Nachahmer und Lehrlinge nur dem Gradenach
verſchieden, dagegen von vem, welchen die Natur
fürdie ſchöne Kunſt begabt hat, ſpezifiſch unter-
Ichieden", wobei er auf Newton als Beiſpiel hin-
weiſt, jo kann man dem doch wohl berechtigten
Zweiſel entgegenſeßen. ES iſt ja gewiß richtig,
daß „tein Homer oder Wieland anzeigen kann,
wie ſich jeine phantaſiereichen und doch zugleich
gedanfenvollen Jdeen in ſeinem Kopfe hervor-
und zuſammenfinden“. Aber auch Newton wäre
vielleicht nicht imſtande geweſen, anzugeben, wie
er auf die Jdee der Infinitimalrechnung ge
kommen iſt. Alles, was bloß erſchloſſen iſt, ſei
es auſ deduttivem oder induktivem Wege, iſt
gewiß von den Erzeugniſſen de8 Genies jorg-
ſjältig zu unterſcheiden. Aber von Hypotheſen
z. B. wird man doch nur dann ſagen können, daß
ſie durch methodiſches „Forſchen und Nachdenken
nach Regeln“ geſunden ſeien, wenn es ſich um
eine eng begrenzte Zahl von möglichen Exr-
flärungen handelt, von denen die eine nad) der
anderen durchgeprüft werden kann. Im all-
gemeinen wird jede bedeutende Hypotheſe die
Zdee einer möglichen Erklärung ſein, welche auf
eine im einzelnen nicht erklärliche Art und Weiſe
aus dem Untergrund des Bewußtſeins plößlich
aufgetaucht iſt. (Es iſt doch wohl kein Zufall, daß
man zwar von genialen Hypotheſen, aber nicht
von genialen Schlüſſen ſpricht. Und wer wird
behaupten wollen, daß philoſophiſche Konzep-
tionen wie Plates Jdeenlehre oder auch Kants
Raumlehre durch methodiſche8 Nachdenken nach
Regeln gefunden ſeien und im Laufe der Zeit
auc) von anderen Denkern hätten gefunden
werden müjjen.
6. Genie und Wahnſinn. Beſonders durd) des
italieniſchen Jrrenarztes Lombroſo Bücher iſt
die Meinung, daß Genie und Wahnſinn eng mit-
einander verwandt ſeien, weit verbreitet worden.
Nun iſt ſreilich unleugbar, daß oft geniale
Menſchen, welche mit ihrem Intereſſe in der
großen Majje fernliegenden Sphären wurzeln
und für das Alltagstreiben nur geringes Ver-
ſtändnis zeigen, für irrſinnig gehalten worden
jind. So haben die Abderiten nach einer alten
Sage über ihren großen Mitbürger Demokrit die
Köpfe geſchüttelt und den berühmten Arzt
Hippokrates zu Hilfe gerufen. Und Platon führt
im Phaidros aus, wie der echte Philojoph,
welcher den Intereſſen der Alltagsmenſchen ab-



Geologie 420
gewandt ſehnſüchtig nach oben, nach ven Höhen
der Ideenwelt blickt, aus der die Seele herab-
geſunfen iſt und in die er zurückkehren möchte,
von den Leuten für ſjeelenkrant gehalten wird.
Auch Sokrates wird ja in vem Dialog „Gorgias"
von Kallifles verhöhnt, weil er, ſtatt ſeine großen
Gaben dazu zu verwenden, im Staat eine Rolle
zu ſpielen, ſich mit vem Poſſenſpiel der Philo-
jophie abgebe. Auch mag es richtig ſein, daß ein
verhältniSmäßig großer Vrozentjaß genialer
Menſchen vom Wahnſinn befallen worden iſt.
Vielleicht erklärt ſich das daraus, daß die ge-
waltige innere Spannung und die Ablenkung
des Intereſſes von ven Bedürſniſſen, deren Be-
friedigung für den ſterblichen Menſchen nun
einmal zur Cxiſtenz notwendig iſt, bei mangeln-
der Vorſicht die körperliche und ſeeliſche Gejund-
heit leicht untergräbt. Die tatſächliche Verwandt-
jchaft zwiſchen Genie und Jrrſinn, ſoweit man
überhaupt von einer folchen ſprechen kann, dürſte
ſich darauf beſchränken, daß wir bei den Äuße-
rungen beider vor im lezten Grunde unerklär-
lichen Erſcheinungen ſtehen. Darüber hinaus
reicht ſie nicht; denn ganz unbeſtreitbar iſt, daß
ein genialer Cinſall etwas ganz anderes ijt als
ein wahnſinniger. Der erſte iſt von hohem Wert,
der andere wertlos und unter Umſtänden ge-
ſährlich. Und die „Sachlichkeit", die ſür geniale
Leiſtungen ſo weſentlich iſt, geht dem Jrrſinnigen
vollſtändig ab. Übrigen3 warnt ſelbſt Lombrojo
in feinem Werke „Genie und Jrrſinn“ (in dem
Abjc Manne3 von Genie“) davor, das Genie ohne
weiteres mit Geiſtesſtörung gleichzuſeßen.
Literatur. C. Lombroſo: Genie und Irrſinn
(1882*), =- Derſelbe: Studien über Genie und Ents=
artung (deutſch 1907). H. Tür>: Der geniale
Menj) (1918*).--R. Saitſchi>: Genie und Charalter
(Shafkeſpeare, Leſſing, Goethe, Schiller, Schopenhauer,
N. Wagner) (19262), -- F. Brentano: Da3 Genie
(1892). -- Gyſtrow: Soziologie des Genies (Abhandl.
in den ſoz. Monatsheften, 1900). = Lange-Eich=-
baum: Genie, Jrrfinn, Nuhm (1928). Koppelmann.
Geographie |. Erdkundlicher Unterricht.
Geologie. 1. Inhalt. Geologie iſt die Wiſſen-
jchaſt vom Bau und Werden des Erdballs. Sie
zerfällt in „Allgemeine Geologie" und „Erdge-
ſchichte". Die Allgemeine Geologie behan-
delt: 1. das Erdinnexe und die in ihm ruhende
Energie (Schwere, Dichte, Elaſtizität, Wärme-
zuſtand, elektromagnetijche Verhältniſje, Strah-
lung, Verteilung der Majſen, Jſoſtaſie); 2. die
Veränderungen, die die Energie de3 Erdinnern
an der Oberſläche der Erde erzeugt (Entſtehung
der Feſtlandmajſen, Gebirg3bildung, Meeres-
beben, Erdbeben, Vulkane und vulkaniſche Ge-
ſteine); 3. die Umgeſtaltung der von der Energie
des Erdinnern geſchaffenen Formen durch die
djemiſche und phyſikaliſche Energie der Atmo-
jphärilien (Verwitterung, Abtragung, Wirkung
Des fließenden Waſſers und des Winde3, Ent-
emen

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