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durchaus nicht ſicher. Vielfach wird nicht be-
achtet, daß die allgemeine moraliſche Lehre oder
die ſittliche Einſicht, die jich aus dem Beijpiel er-
geben ſoll, ſich in das Gefüge der ſittlichen Ent-
wilung des Schülers nicht einreihen kann. Die
Vorausjezung für die Wirkung von literariſchen
Sittenbeijpielen iſt das entgegenkommende Ver-
ſtehen des Schüler3; ſie können eine Wirkung auf
die Geſinnung nur habcn, wenn der Schüler das
Organ für ihre Auſnahme hat, das heißt, wenn
die Werte, die ihm das Beijpiel in ihrer Reinheit,
Schönheit und Erhabenheit vermitteln ſoll, ihm
im Erleben bereits auſgegangen ſind. Im andern
Falle greiſen ſie niemal3 an die „Wurzel der
Lebensregung- und bewegung“, in den Zentral-
punkt der Geſinnungsbildung hinab. In litera-
riſchen Beiſpielen bloß intelleftuell erfaßte
ethiſche Situationen und ſittliche Konflikte führen
nicht ſo zu eigner Werterſaſſung und Wertbildung
wie das Darinſtehen oder Hineingeſtelltwerden
in die ethijche Situation oder den ſittlichen Kon-
ſlikt ver Wirklichkeit. Nur in ſolchen wirklich er-
lebten Situationen kann ſich Geſinnung bilden
und fittliche Autonomie anbahnen.
Man täujcht ſich auch meiſt über die Wirkung
der dur literariſche Beiſpiele vermittelten ſitt-
lichen Einſicht auf das eigne Handeln -- nicht nur
bei den Schülern, ſondern auch bei den Cr-
wachſenen, wie dies die geringe Wirkung der in
den allgemein gebrauchten Sprichwörtern kur-
ſierenden Moral erweiſt. Beim Schüler tritt die
Anwendung einer durc) ein literariſches Beijpiel
vermittelten allgemeinen ſittlichen Anwendung
auf das eigne Handeln nur ſehr jelten ein, um ſo
weniger, je ferner die Situation des Beiſpieles
jeinem eignen Erleben ſteht. Wirklich formenden
Wert für die Geſinnung hat nur im eignen Leben
Erlebtes.
3. Wert des Geſinnungöunterricht5. Damit foll
aber dem Geſinnungsunterricht nicht überhaupt
jein Wert abgeſprochen werden. Die durch den
Unterricht vermittelte ſittliche Einſicht, auch wo
ſie nicht unmittelbar in die Tieſe des Wertfühlen3
hinabreicht, kann für die Geſinnungsbildung
Ichon ihren Wert haben; ſie kann Wertbildungen
vorbereiten, ſie vermag im Wertfühlen bereits
erfaßte Werte zu ſtärken, ſtüßen und bewußter zu
machen; die Verwirklichung von Werten, die in
der Werthaltung ſchon erfaßt ſind, in noch nicht
erlebten Situationen, inſittlichen Beiſpielen kann
den ſittlichen Geſichtskreis erweitern, das Vor-
ziehen und Nachſehen der Werte bewußter
machen, die Sicherheit des Handelns aus der
Geſinnung heraus ſtärken. Auch vermag die an-
ſchauliche Phantaſieanregung, etwa bei be-
geiſterndem Geſchichtsunterricht, dem Wert-
fühlen vielfach die Wege zu ebnen. Woraus-
jeßung für ſolche Wirkungen de38 Geſinnungs8-
unterrichtes aber iſt, daß der Lehrer ſich bei der
Behandlung der Geſinnungsſtoffe nicht aus-
Geſinnungsunterricht -- Geſundheit3belehrung


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ſchließlich an die intellektuelle Einſicht wendet,
jondern das Wertfühlen des Schülers zum Mit-
j dann möglich iſt, wenn auch der Schüler das
Wertfühlen des Lehrers bei der Behandlung des
Stoſſe3 mitſchwingen fühlt. Und eine weitere
VorauSsjekung iſt, daß der Unterrichtöſtoff für den
Schüler „lebensnahe" iſt, daß er ihn in Situa-
tionen hineinſtellt, die er nachleben kann, deren
ethiſche Werte er bereit3 im Erleben erfaßt hat;
Erörterungen von Situationen und Konflikten,
deren ethiſche Werte nicht im Wertfühlen der
Schüler verankert ſind, bleiben ſtet38 von geringer
Wirkung. Das muß für die Auswahl der
Stoffe des Geſinnungsunterrichtes auf den ver-
Ichiedenen Entwiklungsſtufen des Schülers ſtets
beſtimmend bleiben.
Cthiſche Beiſpiele aus der Geſchichte ſcheinen
wvirkungsvoller al3 ſolche aus der Literatur, da
die Geſchichte nicht ſc jtarker Wirkung auf die Bildung der Geſinnung
können auf geeigneter Entwicklungsſtufe Bio-
graphien, beſonders Autobiographien bedeuten-
der Männer ſein, da hier die Bildung und Ent-
wicklung beſtimmender und leitender Werte am
deutlichſten in die Erſcheinung tritt und die
Wirkung eine perjönlichere und lebendigere iſt
als bei vereinzelten ſittlichen Beiſpielen.
Herchenbadc.
Geſtalipfſychologie |. Pſychologie.
Geſundheitsbelehrung. 1. Runderlaß des
preußiſchen Kultu8miniſters vom 12.
Dezember 1925. 2. Biologie als Grund-
lage für den Gejundheit3unterricht.
3. WGejundheitösbelehrung durch Anſchau-
ung und Gewöhnung. 3a) WVerfſönliche
Hygiene. b) Eugenik und ſoziale Hygiene.
4. Shulärztliche Belehrungen.
1. Runderlaß des preußiſchen FSultus-
miniſter38 vom 12. Dezember 1925. Die Exr-
ziehung unſerer Jugend zu einer hygieniſchen
LebenSweiſe iſt eine der wichtigſten Auſgaben
unjerer Schule. Der Runderlaß des preußiſchen
Kultu8- und des Wohlfahrt8mimiſter8 vom 12. De-
zember 1925 weiſt daher erneut auf die Wichtig-
feit und Notwendigkeit einer hygieniſchen Unter-
weiſung der Schuljugend an den Volk8-, Mittel-
und höheren Schulen nachdrücklich hin. Die
gejundheitlichen Belehrungen in der Schule
ſollen nicht auf den naturkundlichen (biologiſchen)
Unterricht beſchränkt bleiben, ſondern während
der ganzen Schulzeit in den verſchiedenen
Fächern vermittelt werden, ſoweit ſich dies nach
den Forderungen der Unterrichtsverknüpfung
aus dem Unterrichtsgange zwanglos ergibt.
Mit den unterrichtlichen Belehrungen iſt aber
die Aufgabe der Schule nicht erſchöpft; vielmeh1
werden die Schüler (Schülerinnen) durch nach-
haltige erzieheriſche Beeinſluſſung an die ſtän-

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