99
Forderung einer gewijſenhaſteren Ausbildung
der Landſchullehrer. Und von dem Volk3päd-
agogiſchen führt ihn die Verwurzelung in lichem Denken zum Volksmiſſionarijchen (Wi-
dhjern), das herzen8gemäße Verſtehen der reiſen-
den Jugend zur Deutung ihrer Nöte und Sehn-
jüchte (Zeller), die feinſinnige pädagogiſche Ader
zur Tat- und Leben8gemeinſchaft8erziehung (die
Gegenwart). Cr hat ſich als Führer erwieſen
nicht bloß gedanflich, jondern durch die Tat.
Jatürlich ſehlen auch in jeinem Wirken die
Schranfen und Rückſtände nicht. Wenn er mit
Peſtalozzi Perjönlichkeitserziehung auf dem Bo-
den der ſamilienhaſten Leben8gemeinſchaft er-
ſtrebt, jo kommt von der diejes Ziel unterbauen-
den Dreiheit Kopf, Herz und Hand die Erkenntnis-
bildung als Bindeglied zwiſchen dem prafktiſch-
beruflichen Wollen und der ſittlich-religiöjen
Herzenszuſtändlichkfeit nicht voll zu ihrem Recht --
der arg beſehdete „Unterricht“ hat doch nicht nur
pas abſtrakte Wijjen jener Zeit zum Ziel, ſondern
joll auch richten, geſtalten, erwärmen. Und dieſe
Schranke hängt mit der andern zufammen, daß
7. doch wohl nicht, troß alles Jndividualiſierungs-
ſtrebens, das Bildungsprinzip als Formungs-
bedürfnis der Seele aus eigenſten Leben8gründen
weit und tief genug faßte, um dem Zögling Raum
zur ſreieſten Entfaltung ſeiner Eigenart zu ge-
ben. Sein Werk war „zu perſönlicher“ Natur
(Wichern) und band durch die feuerſprühende,
liebeglühende und darum juggeſtivfräftige Art
ves (Erziehers zu ſtark an den Führer. Auch war
wohl in der Anſtalt3praxis die Spannung zwi-
chen Autorität und Freiheit, deren Überwindung
er in ſeiner grundlegenden Erziehungsſchriſt
„Bon dem einen, was unſeren Gymnaſien und
VBolksſchulen in ihrem jetzigen Zuſtande not tut“
jv evangeliſch tapfer das Wort redet, noch nicht
voll ausgeglichen. Wichern führte dieſe Pädago-
gik des Herzens und der Kraft zu ihrer Vollen-
D1111g; durch) heider Leben und Wirken wird deut-
lich, welche Erziehung3- und Umbildungsfräfte
dem Cvangelium zu eigen ſind.
Literatur, F.'s geſamter literariſcher Nachlaß be-
findet jic) im Goethe-Schillerarchiv in 19 Foliobänden
mit 6742 Nummern. Seine (nur nod) zeitgeſchichtlich
bedeutſamen) ſatiriſchen Werke wurden 1826 in 7 Bänden
herausgegeben. Biographiſch iſt von Intereſſe: Ge-
heinies Tagebuc) von J. F. oder Mein Leben vor Gott
(1898 u. 1900); Goethe aus näherem perſönlichen
Umgange dargeſtellt (1832).--- Über ihn: J. H. Wichern:
JT. F. und ſein Inſtitut in Weimar (Geſ. Schriften VI],
1908, S. 1--60). -- Schnaubert: Das Lebenzwerk
von I. F. (1912). = R. Edart: JI. F.'3 Erziehungs3-
jhriſten (1913). = Cberhard: Die Kräfte der Leben3=
erziehung in F.'3 und Wicherns Pädagogik (1922). --
Dierſc Cberhard,
Falljucht j). Cpilepſie.
Familie umd Erziehung. 1. Das natürliche
Recht der Familie auf Erziehung. Cine Über-
jpannung der Staatöidee kann zu der For-
Falk, 3. -- Familie und Grziehung

40
derung führen: das Kind gehört in erſter
Linie der Gemeinſchaſt, nicht den Eltern; der
Staat allein regelt daher jeine Erziehung und
Bildung. So bald als möglich iſt das Kind --
bei dieſer Einſtellung -- den Gltern zu nehmen
und in übſſentlichen Erziehungöanſtalten unter-
zubringen. Das häufige Verſagen der Familien-
erziehung ſowie die, durch die moderne Wirt-
ſchaftsentwidlung bedingten Veränderungen der
inneren Struktur de3 heutigen Familienlebens
werden in erſter Linie als Gründe für dieſe
Umitellung der Erziehung angegeben. -- Dem-
gegenüber muß betont werden, daß das Kind
durch jeine Geburt körperlich und ſeeliſch ſv eng
mit jeinen Cltern verfnüpft iſt, daß jede gewalt-
ſame Löſung diejes Verhältniſſes als Unnatur
bezeichnet werden muß. Kein anderer Menſch,
auch keine andere Gemeinſchaft will jo jelbſtlos
das Beſte für das Kind wie Vater und Mutter.
Daher haben die Cltern allem da3 volle Recht
auf die Erziehung ihres Kindes. Keine Macht der
Welt kann ſich in dieſer Beziehung mit ihnen
meſjjen. Es fann ihnen auch niemand die innere
Berantwortung ſür ihre Kinder abnehmen.
„Weder der Staat, noch die Kirche, noch die
bürgerliche Gemeinde, ſondern die Familie iſt
es, welche das volle Weh zu tragen hat, wenn
die Erziehung mißrät. Jene drei Gemeinſchaften
nehmen ihr von dieſem Leid nichts ab und können
es nicht." (F. W. Dörpfeld.) (E5 iſt ein unver-
äußerliche3 Naturrecht der Eltern, ihre Kinder
j9 zu erziehen, wie ihr Gewiſſen es ihnen vor-
ſchreibt.
2. Die Familie als natürliche Sthyßeinrichtung
für das Kind. Völlig hilflos kommt das kleine
Geſchöpf auf die Welt. C3 braucht =- im Gegen-
ſaß zu den jungen Tieren -- eine künſtliche wär-
mende Hülle, beſondere Speiſen, vielſeitige
Pflege aller Art, ehe es jo weit kommt, daß es
ſich wenigſtens fortbewegen kann. Dieſe3 Schuß-
und Pſflegebedürfnis des Kindes iſt der natürliche
Boden, auf dem die eigentlichen Auſgaben der
Familie erwachſen =- aud) in jeelijcher Bezie-
hung. Der geſunde mütterliche Inſtinkt iſt die
natürliche Ergänzung diejes kindlichen Schuß-
bedürſnijjes. Das Kind vor allen Gefahren --
vor den wirflichen wie vor den nur möglichen --
zu ſchüßen, iſt der innerſte Weſen3zug dieſes
Inſtinkts. Alle Mutterjorge und alle Mutterangſt
hat hier ihre Quelle --- aber ebenjo alle Mutter-
fraſt: die Fähigkeit, jeden Schmerz und jedes
Opſer, jede Entbehrung und jede Entſagung zu
ertragen, wenn es das Wohl ihres Kindes er-
heiicht. Mag hier auch einmal eine Mutter in
einem Einzelfall zu weit gehen, fie verdient
Nachſicht; denn ſie iſt ja gleichſam nur die Röhre,
Durch die dieſes Gewaltige und Cwige hindurch-
ſtrömt, dieſe Urkraſt ver Natur: Mutterinſtinkt.
Deſjen ſollte ſich der Lehrer ſtets bewußt ſein,
wenn ihm eine Mutter gegenüberſteht, die für

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.