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bedingt Vorausjehung für ein ſolche8 Seelen-
leben, führt jedoch, wenn es vorhanden iſt, wie
vei den Tieren, zu einer bewußteren und Diffe-
renzierteren Form des Vjychiſchen. Die ganze
Welt mit dieſer Stufenordnung ver Bewußtſeine
iſt ein Zuſammenhang pſychiſchen Geſchehens, in
dem immer die höhere Stuſe die niedere umfaßt.
Cine beſondere Berühmtheit erlangte F.8
Schrift „Die Tagesanſicht gegenüber der Nacht-
anſicht“ (1879), das lebte größere Werk des
Philoſophen, in dem er die Ergebniſſe ſeines
lebenslänglichen Geiſtesringen3 um die Wahrheit
zuſammenfaßt. Die Schrift ſpiegelt einen Kon-
lift der moderen Kultur überhaupt, der in dem
Gegenjaß liegt, in den das naturwiſſenſchaftliche
Weltbild mit den Gemüts- und Gefühlsbedürf-
nijjen der Menjchheit tritt. „Jm Grunde iſt doch
alles vor mir und um mich Nacht und Stille, die
Sonne, die mir ſo glänzend erſcheint, in Wahrheit
nur ein ſinſterer, im Finſtern ſeinen Weg ſuchen-
der Ball. Die Blumen, Schmetterlinge lügen
ihre Farben, die Geigen, Flöten ihren Ton. In
dieſer allgemeinen Finſternis, Öde und Stille,
welche Himmel und Erde umfängt, ſchweben nur
einzelne, innerlich helle, farbige und klingende
Wejen, wohl gar nur Punkte, tauchen aus der
Nacht auf, verſinken wieder darin, ohne von
ihrem Licht und Klange etwas zu hinterlaſſen,
jehen einander, ohne daß etwas zwiſchen ihnen
leuchtet, ſprechen miteinander, ohne daß etwas
zwijchen ihnen tönt. So heute, und ſo war e8 von
Anbeginn und wird ſein in Ewigkeit." F. ſtellt
nun dieſer das Gemüt bedrückenden Nachtanſicht
der modernen Naturwiſſenſchaft ſeine Tage3-
anſicht gegenüber, in der er die Sumime der
Glaubensmotive noch einmal zuſammenfaßt, die
jein ganzes literarijches Schaffen durchwirken.
Wie Fichte in der „Beſtimmung de8 Menſchen“, ſo
beſreit fich auch F. von allen ſkeptiſchen Anwand-
lungen ſeiner wiſſenſchaftlichen Denknatur durch
eine religiöſe Glaubensphiloſophie, die unſere
theoretiſche Gewißheit von aller Realität, allem
Höchſten, Lekten, Feinſten und Tiefſten auf den
Glauben ſekt. In deſjen Mittelpunkt ſteht der
Gottesglaube. „Es iſt ein Gott, deſſen unend-
liches und ewiges Daſein das geſamte endliche
und zeitliche Daſein nicht ſich äußerlich gegenüber
noch äußerlich unter ſich, ſondern in ſich auf-
gehoben und ſich untergeordnet hat.“ Leben und
Bewußtjein des Menſchen ſind „im Göttlichen
mit beſchloſſen". Die Nachtanſicht iſt damit über-
wunden. Wir ſtellen uns vor, daß ein göttliches
Bewußtſein in Licht und Schall ſieht und hört.
Die Welt zwiſchen den Menſchen iſt nicht finſter
und ſtumm, jondern Gott ſieht mit dem Lichte
und hört mit dem Schall ſeiner Welt alles, was
im der Welt iſt und geſchieht.
4. Einzeines. Neben dieſem ſelbſtändigen
Schaffen F.3, das Farbe und Blutwärme einer
jtarken und reichen Perſönlichkeit trägt, iſt ſeine
Fechner

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Bearbeitung verſchiedener Einzelgebiete der
Wiſſenſchaft bedeutjam und geſchichtlich belang-
reich. So vor allem die der Pjychophyſik, deren
Begründer er iſt und aus dex die moderne Pſycho-
logie hervorging. Eine Reihe höchſt bedeutjamer
Schriſten iſt hier zu nennen: jv an erſter Stelle
die „Clemente der Vſychophyſik"“ (1860), ergänzt
Durch die Schrift „Jn Sachen der Pſychophyſik"
(1877), ferner die „Reviſion der Hauptpunkte ver
Pjychophyſit" (1882) und die „Kollektivmaß-
lehre" von 1897. F. geht hier vom Weberſchen
Gejeß aus, wonach die Veränderung der Emp-
ſindung proportional iſt dem Verhältnis des
Reizzuwachſes, und ſtellt das ſog. pſychophyſiſche
vder Fechnerſche Geſeß auf, das für die Be-
ziehungen zwiſchen ſeelijchen umd leiblichen Funk-
tionen gilt und beſagt, daß gleichen relativen
Reizunterjſchieden gleiche Unterſchiede der Emp-
ſindungsintenſitäten entſprechen. Inwieweit das
Fechnerſjce Gejez Gültigkeit hat, bleibe hier
dahingeſtellt. Das Auſjuchen der Geſeklichfeiten
Des jJeeliſchen Lebens auf experimentellem
Wege iſt die geſchichtlich bedeutſame Leiſtung F.8,
die bei ſeinen Schülern, zu denen vor allem
Wilhelm Wundt gehört, zum Aus8bau der moder-
nen Pſychologie geführt hat.
F- iſt auch der Begründer der experimen-
tellen Äſthetik, und zwar durch die Schriften:
„Zur experimentalen Äſthetik" (1873) und „Die
Vorſchule der Äſthetik" (1876). Der Hegeljchen
Äſthetik „von oben her", wie ſie Friedrich Theodor
Viſcher in eimem bändereichen Werk von 1846 bis
1858 ausgearbeitet hatte, ſtellt er ſeine Äſthetik
„von unten auſ“ entgegen, d.h. eine induzierende
der deduzierenden ſpekulativen Äſthetik. Er
unterjcheidet einen direkten und aſſoziativen
Faktor im äſthetiſchen Eindruck, was der Kan-
tiſchen Unterſcheidung der freien und der an-
hängenden Schönheit nahefommt. Auch hier
ſucht er exatte und experimentelle Grundlagen
des äſthetiſchen Urteils zu gewinnen. Die
Zeiſingſchen Unterſuchungen über die äſthetiſche
Bedeutung des „goldenen Schnitts" boten ihm
hierbei den Anreiz zu weitgehenden Forſchungen.
Er hat ſich die Mühe nicht verdrießen lajſen, an
unzähligen Experimenten, an unzähligen Figuren
die Grenzen der Gültigkeit des Prinzips des
goldenen Schnitt3 zu unterſuchen.
Zur Ethik F.3, die eudämoniſtiſch iſt, gehört
die Schrift „Über das höchſte Gut" (1846), ferner
„Die drei Motive und Grünve des Glaubens"
(1863). An der Diskuſſion der Lehre vom Oxr-
ganiſchen, die durch Darwin während der Leben3-
zeit 74.8 eine ſo mächtige Anregung erhielt, hat er
jich durch die Schrift „Einige Jdeen zur Schöp-
ſungs- und Entwicklungsgeſchichte der Organis-
men" (1873) beteiligt.
Literatur. Kurt Laßwitz: G. Th. Fechner (From=-
manns Klaſſj. d. Bhiloſ., 1896). =- Wilh. Wundt:
G. Th. Fechner (1901). Bergmann.

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