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jondern ſragt ſich vielmehr, was ex tun kann,
jene Mächte zu bekämpfen, die den Schüler
jo leicht und jo häufig fehljam machen. Von
dieſem Geſichtöpunkte aus bildet Kießlings
Schrift eine reiche Fundgrube von Mitteln DEr
Fehlerbefämpfung. Viele Fehljamkeitöurjachen
brauchen nämlich nur genannt und Hargelegt zu
werden, um den denkenden Pädagogen zu ver-
anlaſſen, daß er jie nach Möglichkeit meidet oder
durch wirkſame Gegenmaßnahmen unſchädlich
zu machen ſucht. Auſ dieje Weije wird ihm in
vielen Fällen die Verhütung von Fehlern ge-
lingen. Darüber hinaus wird es ſchwer jein,
eine ſyſtematiſche Lehre von der Fehlerverhütung
aufzuſtellen, zumal jegliche brauchbare Vor-
arbeit auf diejem, Gebiete jehlt. Der Verſaſjer
dieſes Artikels bemüht ſich z. Z. an der Hand zahl-
reicher Unterſuchungen und Beobachtungen eine
jolche Lehre zu jchaſſen; doch iſt die Arbeit noch
nicht weit genug gediehen, um endgültige Er-
gebniſje darüber zu veröffentlichen. Immerhin
fann ſchon jeht geſagt werden, daß eine Fehler-
verhütungslehre nicht den ganzen Umfang der
Lehre von der Fehlerbefämpfung ausmachen
wird. Mindeſtens ebenſo wichtig, vielleicht jogar
noch wichtiger wird die Lehre von der Fehler-
vermeidung ſein. Die Verhütung iſt Sache der
Erziehenden, die Vermeidung iſt Sache ves
Zöglings. Sie wendet ſich an die wichtigſte Kraft
jeiner Seele, an ſeine Willenskraſt. Auf dieſem
Gebiete iſt praktiſch zweifellos ſchon immer viel
geleiſtet worden. Alle3, wa38 ein verſtändiger
Lehrer tut, um die Aufmerkſamkeit, das Gedächt-
nis und die Denkfraft der Schüler zu ſtärken, die
planmäßige Erziehung ihrer Beobachtungsgabe,
die Gewöhnung an ſauberes und ſorgfältiges
Arbeiten, an Genauigleit und Schärſe des Aus-
druds, an klare8 und ſolgerichtiges Denken, die
gewiſjenhafte GEinprägung und gründliche Wieder-
holung unentbehrlichen Wiſjensſtoffes: alle3 dies
macht den Schüler nach und nach leiſtungs-
fähiger und leiſtungsſtärler. Im Streben nach
möglichſt großer Vollkommenheit der Leiſtungen
gibt ſich auch ein ausgeſprochener Wille zur Ver-
meidung von Fehlern kund. Dieſer Wille ſindet
eine ſegenövolle Unterſtüzung in der Gewöhnung
an Selbſtfritit. Sie muß jo ſrüh als möglich ein-
jezen, muß durch vorſichtige Kritik des Lehrers
und der Klaſſenkameraden gefördert und varſ
auf keimer Unterrichtöſtuſe vernachläſſigt werden.
Ein vorzügliches Mittel der Erziehung zur
Selbſtkritik iſt .die richtige Behandlung der
bereits gemachten Fehler. Man hatte bi8her
daſür die Bezeichnung „Korrektur“ oder „Fehler-
verbeſſerung“. Doch dieſe Bezeichnung iſt un-
zulänglich, Sie lenkt das Augenmerk des Lehrers
und der Schüler ganz einſeitig auf das Ziel und
läßt den Weg zu ihm als nebenſächlich erſcheimen.
Diejer Weg, der in der Art der Fehlerbehandlung
zum Ausdruck fommt, iſt aber gerade die Haupt-
Fehlerfunde

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jache. Nur durch richtige Fehlerbehandlung
können auch gemachte Fehler erzieheriſche Be-
deutung gewinnen. In früherer Zeit haben die
Lehrer ſchriftliche Fehler nicht nur angemerkt,
jondern im urſprünglichen Sinne des Wortes
„wrrigiert“, d. h. mit eigener Hand berichtigt.
zu deutſchen Aufſäßen und ſrembvſprachlichen
Arbeiten werden falſche Stellen, deren Berichti-
gung der Lehrer dem Schüler nicht zutraut, oft
heute noch ſo behandelt. Immerhin hat man in
den meijten Fällen dieje allzu bequeme Art der
Verbeſſerung auſgegeben und verlangt die Nich-
tigſtellung des Falſchen durch den Schüler.
Das wäre grundſäßlich zu billigen, wenn die
Verbeſſerung immer in einwandfreier Weije
geſchähe. Daß dies ſehr häufig nicht der Fall iſt,
iſt leider eine unbeſtreitbare Tatjache. Bleiben
wir einmal bei dem Fall ſchriftlicher Fehl-
leiſtungen! Wie wird hier der Schüler auf den
Fehler aufmerkſam gemacht? Die meiſten Lehrer
unterſtreichen die falſche Stelle im engſten Sinne
des Wortes: den einzelnen Buchſtaben, die Silbe
vder die Ziſſer, die gerade verkehrt iſt. Wenn
man nun bedenkt, daß eine durchgeſehene Rein-
arbeit vor der Rückgabe beſprochen und das
Richtige ausdrücklich feſtgeſtellt wird, ſo leiſtet der
Schüler mit feiner Verbetjerung garnichts. Er
gibt nur gedächtnismäßig das Richtige für die
falſche Stelle wieder, auf die er durch die Über-
genaue Unterſtreichung in bequemtter Weiſe
hingewieſen worden iſt. Ein ſolche8 Verfahren
läßt ſich nur verteidigen für die erſten Schuljahre
over für die Anfangszeit eines neuen Unterricht3-
faches. Sobald der Schüler älter geworden iſt
und die Anſangsgründe hinter ſich hat, muß er
ſelber das Faljche finden lernen. Man ſtreiche
daher das ganze Wort oder die ganze Zahlen-
reihe an, innerhalb deren eim Fehler gemacht
worden iſt. Neiferen Schülern kann man in
dieſer Beziehung noch mehr zumuten; man kann
ſich auf den Vermerk des Falſchen am Zeilen-
rande beſchränfen, jo daß der Schüler gezwungen
wird, die ganze Zeile auf ihre Richtigkeit hin
durchzuprüfen, un das Falſche innerhalb eines
größeren Wanzen heraus8zuſinden.
Ferner genügt in vielen Fällen auch nicht die
bloße Verbeſſerung des Schülers, d. h. das Hin-
ſchreiben des Richtigen allein. Die Hauptſache
iſt doch, daß der Schüler weiß, warum das eine
falſch, das andere richtig iſt. Er muß alſo jeine
Verbeſſerungen begründen können. In vielen
Fällen wird es genügen, daß der Lehrer ſich
jchon bei der Beſprechung der Arbeit auf münd=
lichem Wege davon Überzeugt, daß der Schüler
weiß, warum er jv oder fo verbeſjert. Wenn man
aber 3. B. findet, daß ein Schüler dieſen oder
jenen Fehler troß richtiger Verbeſſerung bei
anderer Gelegenheit wiederholt, jo muß man
der Sache auf den Grund gehen und den Fall
nicht mu mit dem Schüler klären, ſondern auch

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