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die Dinge jicher und ſeſt beherrjchenden Tat-
willens voranging, dennoch ein großes Werk zu
jchaffen. Jſt auch der Hoſwyler Erziehungöſtaat
mit ihm vergangen, jo ging unſtreitig ein dauernd
mittelbar beſtimmender Einfluß von demſelben
aus auf Geiſt und Geſtaltung der Schullehrer-
bildung in der Schweiz und anderwärts.
' Literatur. W. Hamm: Em. F.3 Leben und Wirken
(1845). = K. NR. Babſt: Der Veteran von Hvoſiwyl
(Th. Müller) in 3 Teilta (1861-63). = F. R. Schöni:
Der Stſter von Hofwyl (1871). -- O. Hunziker:
Peſtalozzi und FJ. (1879). Sganzini.
Fenelon. 1. Lebens8gang. 2. F.8 Werke.
a) Über Mädchenerziehung. b) Totenge-
ſpräche. e) Telemach. 3. Abſchluß.
1. Lebensgang. Francois de Salagnac
(nicht Salignac) de la Mothe-Fenelon,
Sozialreſormer und Pädagog in Frankreich)
unter Ludwig XIV., wurde 1651 in alt-
adliger Familie auf dem Stammſchloß in
Perigord in der heutigen Dordogne geboren.
Als jüngerer Sohn ſür den geiſtlichen Stand
beſtimmt, ſtudierte er in St. Sulpice in Pari3.
Er plante als Miſſionar nach Kanada oder nach
Griechenland zu gehen; die Familie widerſetzte
ſich dieſem Wunſche und erreichte für ihn 1678
ein Amt in der Inneren Miſſion, nämlich die
Ernennung zum „Superieur de8 Nouvelles
Catholiques", d. i. zum geiſtlichen Berater der
neubefehrten Katholikinnen. Jm Frankreich
Ludwigs XIV. betrieb die kath. Kirche mit Eifer
und Erfolg die Gegenreformation; ſo wurden
beijpiel5sweiſe alleinſtehende Frauen und Mäd-
hen durch geiſtliche und auch durch ungeiſtliche
Mittel ſür den Rücktritt zur kath. Kirche ge-
wonnen. Der ProteſtantiSmus war damals in
Frankreich ſchon durch Verfolgung und durch
Zwangs3auswanderung geſchwächt; im den Jah-
ren ehe das Cdilt von Nantes auſgehoben wurde
(1685), gehörte F. einem Stab von Geiſtlichen
an, die den „bewaſſneten Bekehrern", d. h. den
Dragonaden (einer blutigen Verfolgung der
Hugenotten) vorarbeiteten. In feiner jeeljorger-
lichen Arbeit wird er ſeine erſten pädagogiſchen
Einſichten gewonnen haben; er legte ſie ſchriſt-
lich nieder anläßlich der Fragen und Bitten
einer ihm befreundeten fürſtlichen Mutter.
(„Uber Mädchenerziehung“, gedruckt 1687 j. u.)
Das Jahr 1689 bringt ihm die Berufung zum
Erzieher des künftigen Thronerben, des ſieben-
jährigen Herzogs von Burgund, Enkels Lud-
wigs XIV. Ein Hofſchriftſteller beſchreibt das
Kind: .
„Äußerſt jähzornig ſelbſt gegen lebloſe Sachen; auf-
fahrend, unfähig, irgendwelchen Widerſtand auch nur
von der Zeit oder den Clementen zu ertragen, ohne in
ſolche Wut zu geraten, daß man fürchtete, alles in ſeinem
Leibe zerbräche; grenzenlos eigenſinnig; dem Ver-
gnügen, dem guten Eſſen, der Jagd mit Leidenſchaft hin-
gegeben, ebenſo der Muſik und dem Spiel . . .; oft
wild, von natürlicher Graufamkeit, ſchranfenlos im
Spott, mit ſcharfem Blick für das Lächerliche. Er be-
Fellenberg - Fenelon

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trachtete den Menſchen wie von Himmelshöhe, als wären
jie nur Atome. Dabei glänzte er durch Geiſt und Scharf-
bli; ſeine Antworten überraſchten durch Nichtigfeit und
Tiefe ſelbſt in Augenblicken der Wut. Spielend gewann
er abſtrakte Kenntniſſe. Umfang und Beweglichkeit
jeine8 Geiſtes waren ſtaunens8wert und hinderten ihn
vollig, ſich mit nur einer Sache auf einmal zu be-
ſchäftigen.“
Dieſes Kind zu erziehen war F.3 Auſgabe,
md mit ganzer Hingabe widmete er ſich ihr.
Wonne- und angſtvoll zugleich hielt er ſich gegen-
wärtig, daß Stern und Unſtern eines Millionen-
volfes abhingen vom Erfolg des Erziehungs-
werkes, das er begann. Und er betätigte jo-
gleich die höchſte ErzieherweiSheit; er jah hinter
all den erſchreenden Äußerungen erblicher Be-
laſtung und ſchlimmer Gewöhnung die guten
Cigenſchaſten jeines Zöglings und verbündete
ſich mit ihnen: ein beweglicher Geiſt, ein raſch
empfängliches Gemüt. F. ging mit großer
Milde und Langmut zu Werke; Strenge, meinte
er, erzeuge Furcht, und Furcht könne zwar
äußeren Gehorſam bewirken, aber fie mache den
Zögling „im Grunde ſchwach und zerſtöre die
Geſundheit des Gemütes“. Der Natur zu ſolgen,
da wo ſie in kraftvoller Geſundheit auſtritt, das
iſt F.3 Abſicht; er verſucht daher die Zuneigung
ſeines Schüler3 zu gewinnen, die freundlich zu-
traulichen Züge ſeines Weſens hervorzulo>en
und zu verſtärken, fröhliches Spiel zwiſchen die
Stunden der Pflicht zu miſchen und in diejer
leben3vollen Abwechſlung dem beweglichen
Knaben beides gleich lieb zu machen. Und da
heſtige Strenge früherer Lehrer dem Prinzen
das Buchwiſſen verhaßt gemacht hatte, jo ließ
er ihn die Studien verlaſſen, ſo oſt er lieber ein
Geſpräch beginnen wollte, das auch zu nüßlichen
Kenntniſſen führen konnte, und das fam oſt vor.
Auch das Studieren kam ſpäter zu ſemem Recht,
denn er hatte Neigung dazu. . . . „dabei ſand er
mildere Stimmung, er lernte die Menjchen in
der Geſellſchaft kennen, wurde ſo ruhig, heiter,
lieben3würdig, daß man entzückt von ihm
war“. Dabei trat die Liebe des Prinzen zu
La Fontaines Fabeln und bei diejen wieder
die Erzählerkunſt F.3 zu Tage; beides führte
ganz von ſelbſt zum belehrenden Gebrauch
der Fabel. Wo immer das alltägliche Leben
einen Anlaß bot, knüpfte F. ſeine liebenö5wür-
digen Geſchichten aus der Tierwelt oder aus
den Sagen der Alten an. Ex rieſ die erfahrenen
Herrſcher und Philoſophen der Vorzeit auf zu
weiſe mahnenden Geſprächen; darnach betitelte
er eine Sammlung „Totengeſpräche". Dieſe Dia-
loge jind jhwerer verſtändlich al8 die Tierfabeln
und wenden ſich an ein vorgerücktes Alter des
Züglings. F.3 Buch entzückte jeine Zeitgenoſjen;
jein Einfluß in Verſailles war auf der Höhe,
er traf ſich mit Frau von Maintenon in päda-
gogiſchen und politiſchen Plänen. Damals
jchrieb Liſelotte von der Pfalz: F. und die
Maintenon regieren in Verhtailles. Aber jhon

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