Full text: Fächer - Kirchliche Erziehung (2)

1367 
anch nach einer „Schonzeit“ nicht zugelaſſen 
werden dürfte. 
6. Erziehung5ziel. Alle Erziehung kann nur 
danm aufhören, wenn ſie in die bewußte Selbſt- 
erziehung übergeht. So hört auc die kirchliche 
Crziehung durch das ganze Leben nicht auf; nur 
dic erziehende Hand wechſelt; bei der Selbſt- 
erziehung erzieht das Leben, die Ehe, der Beruſ, 
dic Gemeinjchajt, die Gemeinde, der Menſch ſich 
jelbſt weiter. Die Selbſterziehung iſt Aktivität; | 
die Perſönlichkeit gebietet fich ſelbſt. Das Ziel 
aller Erziehung iſt, Menſchen zu Menſchen zu 
machen, wie ſie jein ſollen, dv. h. wie Gott fie 
haben will, wie er in ihrer Naturanlage ſie ge- 
bildet hat, und wie ſie anderen Menſchen dazu 
heljen können, ſelbſt auc Menſchen zu werden. 
Durch die Geiſteswürde, durch Selbſtbewußtſein, 
Verantwortlichkeitöbewußtſein und Gewiſſen iſt 
der Menjc<4 vor allen anderen Weſen aus- 
gezeichnet; durch die Sprache kann er ſich und 
anderen jein inneres Geiſtesleben verſtändlich 
machen. Mit dem Beſik des Geiſtes iſt die Frei- 
heit verbunden, mit der Anerkennung der 
geiſtigen Würde des Nebenmenſchen die Liebe. 
Freiheit und Liebe ſind die konſtitutiven Merk- 
male der Perſönlichkeit. Aus Verſönlichkeiten 
jet ſich die Gemeinſchaft zuſammen; ſie ſollen 
als freie Wejen in ſelbſtbereiter Hingebung für- 
einander leben und ſich in brüderlicher Ver- 
bundenheit miteinander vereinen. Eine ſolche 
Gemeinſchaft freier und brüderlich ſich zum 
Dienſt der Liebe verpflichtet wiſſender Men- 
jchen würde die Verwirklichung des echten IJn- 
dividualiSmus und des echten Soziali8mus8 dar- 
ſtellen. Jeſus hat dies Ziel verfolgt. Darum 
iſt er allein der, der auch die Sehnjucht unſrer 
Tage nach dieſer harmoniſchen Verbindung von 
ZudividualiSmus und Sozialismus verwirklichen 
kann. Kultur iſt die Summe der Beherrſchung 
der Natur auf dem Wege der Arbeit, der Wiſſen- 
jehaft und der Technik, Kultur iſt aber zugleich die 
Regelung des Gemeinſchaftslebens der Menſchen. 
 
= 
„zu leterer Hinſicht iſt die gegenwärtige Kultur | 
überaus mangelhaft. Sie braucht neue Kräfte zu 
ihrer Neugeſtaltung. Und gerade dieſe gibt Jeſus 
durch den Geiſt der Freiheit und der Liebe, der 
Kir<liche Erziehung 
 
1368 
von ihm ausgeht und Menſchen zu Perſönlich- 
keiten bildet und Perſönlichkeiten zu wahren Ge- 
meinſchaften zujammenſchließt. Indem die 
<riſtliche Gemeinde den Zeitgenoſſen dieſe Gabe 
anbietet und ſie in ihrer firchlichen Erziehung zu 
verwirklichen jucht, erweiſt ſie unſrer Zeit einen 
großen Liebesdienjt, der ein geradezu unentbehr- 
licher für. ſie iſt. 
7. Erzieherperſönlichkeit und Erziehuyngsmittel. 
„3jt das Erziehungsziel die Heranbildung der Ver- 
jönlichkeit und der Gemeinjchaft nach Jeſu Sinn, 
dann fann die Erzieherperſönlichfeit nur eine 
jolche jein, in der dieſe von Jeſus aus8gehenden 
Lebenskräfte jelbſt lebendig wirkſam geworden 
jind. Die Erziehungsmittel ſind rein geiſtiger 
Art: Gewährung von Freiheit, Liebe und Freude, 
Darbietung von ſelbſtloſer Gemeinſchaft. Die 
Erziehung zur Gemeinde und zum bewußten 
Mitleben und Mitarbeiten in der Gemeinde iſt 
nur das Mittel, um die Gemeinſchaft herzuſtellen, 
welche wieder dem ganzen Volke Weg und Ziel 
weijen joll. Ohne die Gemeinſchaft im ver Ge- 
meinde, ohne die bewußte Zuſammenarbeit mit 
der Gemeinde kann der einzelne nicht diejenige 
ſreie Liebe und Güte ſpendende Perſönlichkeit 
werden, die er werden ſoll. In dieſem Sinne iſt 
die durch die Kirche und die <hriſtliche Gemeinde 
geübte religibje Erziehung von der größten Be- 
deufung ſür das innere und darum auch das 
äußere Gedeihen des ganzen Volke3; in dieſem 
Sinn iſt die kirchliche Erziehung nicht eine Er- 
ziehung, die durch Pfarrer und kirchliche Organe 
ausgeübt wird und auf dieſe beſchränkt wäre, 
wenn jie den Namen „kirchliche Erziehung" 
trägt, jondern eine <riſtliche Erziehung, an der 
jeder als Glied ſeiner Gemeinde aktiv beteiligt 
iſt, =- Männer und Frauen aller Berufe, Lehrer 
und Lehrerinnen, -- der in dem Geiſte und in 
der Geſinnung Jeſu die größte Lebensfraft für 
die Erziehung aller Zeiten und damit auch der 
unjrigen erkannt hat. 
Literatur. Martin Jäger: Männliche Jugend 
(1912). -- Gerhard Füllfrug: Seelenfunde ver weib- 
lichen Jugend (1927). =-- Friedrich Niebergall: Die 
religivbſe Erziehung in Haus und Schule (1920). -- 
Mahling. 
 
Trud von Velßaaen & Klaſina in Bielefeld.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.