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heit, daß Gemeinſchaft -- wie auch Freiheit --
leer iſt, wenn nicht hinzugefügt wird, worin
Gemeinſchaft und wozu Freiheit ſein ſolle.
Dadurch, daß viele Jndividualitäten zuſammen
ſind und aufeinander wirken, entſteht noch kein
joziales Ganzes mit einem jittlich bejahten
überindividuellen Gehalt. Dieſer kann nur aus
dem Wertgehalt folgen, an dem und für den
gearbeitet wird. Liebe und Machtübung haben
Dann jo viel Wert, wie das Perſonideal und
Kulturideal Wert haben, von deren Geiſt ſie
erfüllt ſind."
Literatur. G. Kerſchenſteiner: Vegriſf der
Arbeitsſchule (19172), -- P. Oeſtreich: Zur Produktion3-
jhule! (1921). -- Derſelbe: Menſchenbildung (19232).
-- Derſelbe: Die Schule zur Volkskultur (1923). --
Derſelbe: Bauſteine zur neuen Schule (1923). --
Derſelbe: Die Produktionöſchule als Nothaus und
Neubau (1924). -- Fr. Karſen: Die Schule der
werdenden Geſellſchaft (1921). --- Derſelbe: Deutſche
Verſuchsichulen der Gegenwart (1923). --- Blonskij:
Die Arbeitsſchule (deutſch von H. Nuoff) (1921). =-
A. Andreejen: Das Landerziehungsheim (1926). --
E. Spranger: Das deutſche Vildungs8ideal der Gegen-
wart in geſchicht8philofophiſcher Beleuchtung (1928). --
H. Stve>ert: Der Wandel der Bildungsidee von Plato
bis in die neuzeitliche Schulreform (1928). -- Flait,
Progymnajſium /. Höheres Schulweſen und das
Bildungöweſen der Länder.
Prüfungen (Schul-). 1. Bedeutung für
unſer Kulturleben. 2. Bedeutung für die
Schule. 3. Die einzelnen Prüfungen:
a) Aufnahmeprüſungen, b) Prüfungen
während der Schulzeit, 6) Abſchlußprü-
ſungen.
1. Bedeutung der Prüfungen für unſer Kultur-
leben. Berechtigung und Unberechtigung, Sinn
und Widerſinn der Prüfungen im allgemeinen iſt
jeit jeher und beſonders in der Gegenwart Ge-
genſtand lebhaften Widerſtreites. Die Gegner
jeder Prüfungseinrichtung, die Vertreter eines
ungebrochenen, aus urſprünglicher Kraft ſich be-
währenden Menſchentums, die als Wirkung der
Prüſerei eine Schematiſierung der Anforderun-
gen, eine Verdurchſchnittlichung der menſchlichen
Leiſtungsfähigkeit, eine Abtragung der Perſön-
lichfeitSwerte beklagen, werden aber matt ge-
jezt durch die eine unverrückbare geſchichtliche
Tatſache, daß jeder moderne Kulturſtaat ſich der
Prüfungseinrichtung bedient, und zwar um ſo
umſänglicher, je mehr ſich die Kultur einerſeits
verſeinert, andererſeit3 auf große Volksſchichten
verbreitert. Es iſt eben für jede reicher ent-
wickelte Kulturgemeinſchaſt unerläßlich, für die
einzelnen Kulturleiſtungen einwandfrei ge-
eignete Kräſte zu gewinnen; ohne dieje Siche-
rung der Beruſseignung würde ſie, täppiſchem
und leichtfertigem DilettantiSmus überliefert,
gehemmt und jchließlich zerſtört werden. Wenn
man aljo das Prüfungswejen als ein Übel be-
zeichnen will, ſo iſt es doch ein notwendiges Übel:
und tröſtlich iſt dabei, daß durch verſtändige Ge-
Produktionsſc
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ſtaltung der Prüfungen ihre Fährlichkeiten ſtark
verringert werden können, und daß andererſeits
mitihrem Weſen auch manche8Gute verknüpſtiſt:
Zuſammenſaſſung der Kräfte, Sicherung der er-
worbenen Kenntniſſe und Fertigkeiten, Willen8-
ſtärkung, Gewöhnung an Geiſte8gegenwart und
Selbſtändigkeit in entſcheidenden Lebenslagen.
Wichtig iſt es natürlich, die Prüfungen auf das
unerläßlich notwendige Maß zu beſchränken, um
ver Urſprünglichen, unabgeſtempelten Kraft
möglichſt freie Bahn zu laſſen. In Deutſchland
iſt, im Gegenſaß 3. B. zu England und Amerika,
das Prüfungswejen außerordentlich verbreitet.
zn ihm prüft, wie ein geiſtreicher Ausländer ge-
jagt hat, immer die eine Hälfte des Volkes die
andere Hälfte. Ob es hierzu durch ſeine beſondere,
kulturell hochgeſpannte Lage gezwungen iſt, oder
vb e3 nicht doch darin das gejunde Maß im all-
gemeinen überjchreitet, foll hier nicht entſchieden
werden. Sicher iſt, daß in der Gegenwart, in-
ſolge der Schmaſlheit unſeres Arbeit8marktes und
des Überangebotes an ſtellungſuchenden Be-
werbern die Forderung beſtimmter Vrüfungs-
nachweiſe von Seiten der Vertreter vieler Berufe
völlig Überſteigert iſt und zu einem ſozialen
Schaden, nicht bloß für die einzelnen Anwärter,
ſondern vor allem auch für die Schulen ſich aus-
gewachjen hat. Er erfordert dringlichſte Abhilfe.
2. Vedeuntung der Prüfungen für die Schule.
Kein Kulturgebiet iſt mit dem VPrüfungsweſen
jo mannigfach verbunden, wie das Schulweſen.
Das Hauptanliegen der Schule bleibt die Vermitt-
lung einer harmonijchen, tüchtigen Menſchenbil-
dung. Man mag bedauern, daß ſie dieſer Aufgabe
nicht ausſchließlich ohne Rückſicht auf Nebenzwecke
des Lebens ſic) widmen kann; aber Tüchtigkeit
kann ſich nur im Getriebe des Kulturlebens ent-
ſalten, und jo iſt es naturgemäß, daß die Schule
ihre Zöglinge zu dieſer Tüchtigkeitauszurüſten hat.
Da das Kulturleben ſehr vielgeſtaltig iſt, ſo iſt es
notwendig, daß das Schulweſen auch vielgeſtaltig
wird, ſich nach dem Grundſatze der Arbeits-
teilung zerlegt in eime Neihe von verſchieden ge-
arteten Schulen, von denen jede bei Wahrung
des allgemeinen Bildungsideales zu einem be-
jonderen Kulturgebiete erzieht. Jns8beſondere iſt
die höhere Schule die Vorbeveitungsanſtalt auf
die Univerſität; ſie hat die geiſtige Reife zum
Eintritt in die verſchiedenen Bildungsgänge des
wijſenſchaftlichen Studiums zu erzielen. Dieſe
innige Verflochtenheit mit den Anforderungen
des praktiſchen Lebens hat auch ihr Gutes, da ſie
dieSchule vor Verſtiegenheit und Einſeitigkeit be-
wahrt und ſie auf dem feſtem Boden der Wirklich»
keit feſthält. Sie darf aber nicht zu der in der
Menge viel verbreiteten Auffaſſung entarten,
als ob die Schule ein bloßes Mittel zum Vor-
wärtskommen im Leben, eine nüßliche Einrich-
tung zur Erwerbung von Berechtigungen wäre.
Gegenüber dieſer Gefahr iſt es Pflicht der Schul-

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