269 Sammelſchulen
Literatur. F. Theegarten: Sammetllaſſen und
Sammeljc ſterialerlaſje; 1927). =- Erlaß des Preuß. Miniſter3
är Wiſſenſchaft uſw. vom 14. 6. 19828. --- W.
Land 6: Die Schule in der NeichSverfaſſung (Kommen-
tar; 1929). -- Löwenſtein: Die Kulturpolitik der So-
zialdemolratiichen Bartei, Abhandlung in Stern: Jahr-
buch der Erziehungswiſſenſchaft und Jugendkunde, Bd. 3
(1927). =- Die Sammeljchulen; Abhandlung in
Ny dahl: Das Berliner Schulweſen (1928). -- Axr=-
beit3plan für den Unterricht in Lobe
DCLVLCLHSO-
und Geſellſchafts8kunde (Freier Schulverlag, Ber-
lin; 1929). -- „Die Schulfrage“ (Materialdienſt
des Cv. Preßverbandes f. Deutſchland) berichtet laufend
über Entwicklung, Ausbau und Formbildung der Sammel-
jhulen. Rautenberg.
Sanqguiniker ſ|. Temperamente.
Satire |. Hohn uſw.
Schamgefühl. 1. Schamgefühl im weiteſten Sinne.
Die Ausdrücke Scham und Schamgefühl be-
zeihnen im Sprachgebrauch durchaus nicht
einen einheitlichen Begriff. Meiſt werden die
Worte gebraucht in bezug auf gewiſſe Gefühle
bei Vorgängen in der ſexuellen Sphäre; aber
diejer Gebrauch trifft nur eine Seite des Be-
griſſes. Jm weiteren Sinne bezeichnen wir mit
dem Worte Schamgeſühl, daß das Selbſtgefühl
(). d.) bei Vorfommniſjen beſtimmter Art eine
eigenartige Beeinträchtigung erfährt. Das
Schamgefühl in dieſem Sinne regt ſich überall
da, wo der Menſch ſich durch eine Verletzung
von geſellſchaftlichen Vorſchriſten vor andern
bloßſtellt. Meiſt handelt es ſich um weſentliche
Verſtöße gegen die geſellſchaftliche Moral;
das Gefühl, das ſich bei öſſentlicher Verlezung
von äußeren geſellſchaſtlichen Regeln des An-
ſtandes, des Benehmens, der Sitte regt,
bezeichnet man mit Verlegenheit. Die Grenze
zwiſchen dieſen beiden Gefühlen iſt aber keine
jcharfe; auch Bloßſtellungen in der Geſellſchaft
in Dingen, die nicht von moraliſchem Belang
jind, können u. U. lebhaftes Schamgefühl
hervorrufen. Die weſentliche Bedingung für
Das Auftreten de3;Schamgefühls ſcheint zu ſein,
daß der Verſtoß Mängel des Benehmens oder
Seiten des Charakters oder der Geſinnung ans
Licht treten läßt, die den Wert der Perſönlichkeit
in den Augen der Geſellſchaft beträchtlich herab-
eßen.
' Auf der Stufe höher entwickelter Sittlichkeit
kann ſich das Gefühl der Scham auch bei ſitt-
lichen Verſehlungen einſtellen, die nicht in der
Öffentlichkeit geſchehen, im Zuſammenhang
mit vem Gefühl der Neue; doch ſcheint in ſolchen
Fällen der Gedanke des Bloßgeſtelltſeins nie
ganz zu ſehlen, ſei es, daß man an das Auge
Gottes, an einen fiktiven Zuſchauer oder auch
nur an die Möglichkeit des Bekanntwerdens
dentft. Auch bei der ſogenannten Scham vor
ſich jelbſt ſcheinen ſolche Gedanken an das Bloß-
geſtelltſein, wenn auch no klingen.

-=- Schamgefühl 270
Das Auftreten dieſes Schamgefühls im
weiteren Sinne iſt natürlich mit dem Stande
der gejellſchaftlichen Moral und Sitte hiſtoriſch
bedingt und wechſelnd; es ſcheint daher auch
nicht auf einem angeborenen Inſtinkt zu beruhen,
jondern aus den Antwortreaktionen auf Tadel,
Mißfallen und Verachtung der Umgebung zu
entſtehen. Darauf deutet auch hin, daß Tiere,
die in näherem Umgang mit dem Menſchen
ſtehen und eine gewiſſe Entwicklung des Selbſt-
gefühls zeigen, wie Hunde, in ihren Ausdrucks8-
bewegungen deutlich das Gefühl der Scham
zeigen können.
Die Erziehung zum geſellſchaftlichen Anſtand
und zur geſellſchaftlichen Sitte und Moral
arbeitet in ſtarkem Maße mit der Wecung dieſes
Schamgefühls und mit dem Appell an dasſelbe
(Pfui! Schäme Dich!), und es iſt als Durch-
gangsſtuſe bei der Entwicklung zur perſönlichen
Sittlichkeit durchaus unentbehrlich.
2. Das ſexuelle Schamgefühl. Das Scham-
gefühl im engeren Sinne, das ſexuelle Scham-
gefühl, tritt bei Erwachſenen als Hemmungs-
gefühl auf, auf Grund deſſen man beſtimmte
Sinnezeindrüke und Vorgänge verhindern
möchte oder ſich ihnen entzieht, weil ſie Vor-
ſtellungen der genito-ſexuellen Sphäre wecken,
die man bei anderen als dem freiwillig gewählten
Geſchlecht3partner vermieden haben möchte.
Auch hier ſpielt die Vorſtellung des Bloß-
geſtelltjeins für das Auftreten des Gefühls
eine ausſchlaggebende Rolle. Dagegen ſpricht
nicht, daß man ſich auch für einen anderen
ſchämen kann, und daß das Schamgefühl auch
auftritt, wenn man an der Herbeiführung der
Sinneseindrücke oder Vorgänge, die die ſexuellen
Vorſtellungen wachrufen, gänzlich unbeteiligt
iſt. Wenn eine Frau die Vorführung einer
Nactrevue verläßt, weil ihr Schamgefühl es
ihr unmöglich macht, den Darſtellungen weiter
zuzuſehen, ſo braucht nicht ein Einfühlen in
das Schamgefühl ſtattzufinden, das die Frauen
erfüllen müßte, die ihre nackten Körper zur Schau
jtellen, auch nicht der Gedanke, daß die Zu-
jchauerin ſich in ihrem ganzen Geſchlecht durch
die Schamloſigkeit entehrt fühlt, ſondern das
Schamgefühl fann unmittelbar aus dem Be-
wußtjein des Bloßgeſtelltſein8 hervorgehen, da
mehr oder minder bewußt in ihr die Gedanken-
jolge abläuft, daß jeder neben ihr ſißende Zu-
jchauer wiſſen muß, welche Vorſtellungen in
ihr wachgerufen werden, und daß ſie um die
Vorſtellungen der anderen weiß.
Die Tatbeſtände, durch die das Schamgefühl
gewedt wird, ſind natürlich hiſtoriſch ſtark
wechjelnd; wieweit dem ſexuellen Schamgefühl
ein natürlicher, angeborener Inſtinkt zugrunde
liegt und wieweit es das Produkt der jeweiligen
geſellſchaftlichen Anſchauungen über ſexuelle
Schilichkeit iſt, iſt nicht leicht zu entſcheiden.

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