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Arbeitnehmer des Staates wären; vielmehr
haben die Eltern ihre Kinder dem Staate zum
Zwe der Unterweiſung anvertraut, unge-
jchmälert ihrer vom Staate anerkannten Eltern-
rechte und Elternpflichten (BGB 8 1666; R. V.
Art. 120, 146 u. 149).
2. Vorkommen und Gründe. Der erſte Sch.
brach im Frühjahr 1920 in Herne i. W. aus als
Streif der kathol. Elternſchaft, dem die welt-
liche Cliernſchaft mit Gegenſtreik antwortete.
Tie Folge diejer Streiks war die Entſtehung
der weltlichen Schule als Schule der proletari-
ichen Maßen (neben dem Typ der pädago-
giſchen Verſuchs- und Gemeinſchaftsſchule, wie
ihn Hamburg ausbildete). Schon im Juli 1920
wurden die beiden erſten Sammelklaſſen in
Herne eröffnet. Andere Streiks im Induſtrie-
gebiet von Nheinland und Weſtfalen folgten;
ebenſo machten in Berlin und Umgebung die
ſozialiſtiſchen Eltern 1920 und beſonders 1922-23
zur Erzwingung von weltlichen Schulen (Sams-
melſchulen für die vom ReligionSunterricht ab-
gemeldeten Kinder) von diejem Mittel Gebrauch.
War hier immerhin ein weltanſchauliches Eltern-
interejje neben dem politiſchen Motiv wirkſam,
ſv iſt e8 im Lauſe der Zeit mit dem Anwachſen
Der radikalen politiſchen Nichtungen auch zu rein
politiſchen Sch.8 gekommen: Gladbe> (Weſtf.)
Auguſt 1929 wegen Verweigerung des Deutſch-
landliede3; Berlin-Neukölln 1930 wegen Ver-
jezung von zwei Lehrfräſten und Verweigerung
von Fußballſpielen auf dem Schulhof. Dieſer
letztere Streik wurde von kommuniſtiſchen De-
monſtrationöumzügen der Schulkinder durch die
Straßen unterjtüßt. Die bisher am längſten
durchgeſührtien Streifs waren die von Herveſt-
Holſterhuſen, Bezirk Münſter (Herbſt 1920 bis
Oſtern 1921), Hamborn (April--Juli 1926)
und Sterkrade und Waljum am Niederrhein,
der Oſtern 1926 begann und über ein Jahr 300
Kinder von der Schule ſernhielt, um die Cr-
richtung einer weltlichen Schule gegen den Be-
ſchluß der Schuldeputation zu erzwingen.
Ter Streik, der biSher den größten Umſang
annahm, war der ſogenannte Weſtſäliſche
Sch. der evangeliſchen Clternſchaſt im November
und Dezember 1926. Anlaß war die Beſezung
der Schulratsſtelle im Kreije Dortmund Land 1
mit einem Diſſidenten, was die Elternjchaſt als
Schädigung der Intereſſen der evangeliſchen
Schule empfand. Bis zu 97 % der evangeliſchen
Edhulelternjchaft des Bezirks beteiligten ſich an
dem jpontan ausgebrochenen Streit, dem ſich
bald ein Sympathieſtreik der Elternſchaſt in
Städten und Düörſern durch die ganze Provinz
Weſtſalen anſchloß. Der Streik wurde abge-
brochen, als ſich ein Recht3weg öſſnete, indem
der Preußiſche Kultusminiſter einwilligte, ſich
einer Cniſcheivung des Reichögericht3 zu
unterwerſen, das vom Neichöminiſter des Innern
Sqculjtreitf -- Schulſynoden

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auf Gejuch des VCvangeliſchen ReichSeltern-
bundes, der Spißenorganiſation der evange-
liſchen Clternjchaſt, angerufen wurde.
3. Da3 Verhalten des Staates und der Behörden
gegenüber den einzelnen Fällen von Sch.3 war
nicht einheitlich. Grundſätlich wird auf das
RNecht3mittel der Polizei hingewieſen (für will-
fürliche und unentichuldigte Schulverſäumniſſje
iſt pro Tag und Kind eine Geldſtraſe bis zu
25 Mark, evtl. bis zu drei Tagen Haſt, ſeſtgeſekt),
aber es wird kaum je ernſtlich Gebrauch davon
gemacht. Je nach den örtlichen Verhältnijſen
und der Lage der Fälle haben ſich Negierung und
Miniſterium in Verhandlungen mit der ſtreifen-
den Glternjchaft eingelaſſen umd eine friedliche
Löſung des Konſlikts herbeizuführen verſucht,
joſern irgend ernſt zu nehmende Motive ſeitens
der Clternſchaft vorlagen.
4. Beyrieiſung. Über die rechtlichen Grund-
lagen der Forderungen der Glternſchaſt beſteht
in den meiſten Streikfällen, ſofern ſie nicht aus
rein politiſchen Motiven der Verheßung vom
Zaun gebrochen jind, keine völlige Klarheit, weil
das Neichsſchulgeſeß noch ausſteht. Jhre innere
Degründung haben die Forderungen der ſtrei-
kenden Eltern ſaſt ſtets im weltanſchaulichen Cin-
ſtellungen (Gewijjensfreiheit und Clternrecht).
Dieſe Lage legt die Anerkennung der relativen
Berechtigung des Sch.5s in Ermangelung anderer
Rechtömittel nahe. Grundſäßlich bleibt ſrei-
lich beſtehen, daß ſowohl vom Begriff des Staates
aus wie vom evangeliſchen Gewiſſen her der
Sch. ein nicht zu billigendes Proteſtmittel iſt, das
nur als Krankheitöjymptom de3 Verhältnijjes
von Staat und Weltanſchauung bewertet werden
darf. M. Heilmann.
Schulſynoden. Der erſte, der „Schulſy-
noden" forderte, war Gräfe (1802-68). Er
verſtand unter einer ſolchen Synode eine „Ver-
einigung von Lehrern einer Provinz bzw. eines
Landes, die der Schulbehörde bei der Pflege
und Verwaltung mit Rat und Tat zur Seite
ſtehen ſollte“. Als ſolche Lehrerſynoden ſind
die 1848 vom preuß. Miniſterium Schwerin
einberufenen Krei8-, Provinzial» und Landes8-
verſammlungen anzuſehen; jolch eine Lehrer-
jynode hat Hamburg ſeit 1870, und auch die
Schweiz hat jolche Synoden. Die ReichsSſchul-
konferenz (1919) war ſozuſagen eine Lande3-
jſchulſynode von Fachleuten, die (nicht gewählt,
jondern) vom Neichö3miniſter des Innern beruſen
waren. Die jeit 1919 in Preußen beſtehenden
Kreis- und Bezirk3-Lehrerräte, ſo gut und nüßlich
ſie ſind, würde Dörpfeld wie die eben erwähnten
als Lehrerzunftjynoden bezeichnen.
Wegen ihrer einſeitigen Zujammenſeßung, die
zudem die Gefahr in ſich birgt, daß Standesinter-
ejſjen zu ſtark betont werden, wollie Dörpſeld
von jolchen Schuljynoden nichts wiſjen. Er

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