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erwarten. Man ſtudiere in erſter Linie Platons
„Bhaidon", deſſen Argumente auch heute noch
erwägens3wert ſind, jedenſall8 viele Jahrhunderte
hindurch die geſamte UnjterblichfeitSdialektif be-
einflußt haben. Sehr lohnend iſt ſerner die
Lektüre von Guſt. Theodor Fechners „Büchlein
vom Leben nach dem Tode", deſſen Neudruck im
Inſelverlag der Altmeiſter der Pſychologie Wilh.
Wundt mit einem Geleitwort veriehen hat. Die
fühnen Fonjtruftionen diejes Büchleims be-
mühen ſich troß ihrer märchenartigen Dar-
ſtellungsform die dur) die naturwiſſen)chaft-
lichen Tatſachen gezogenen Grenzen der Wahr-
Icheinlichfeit einzuhalten. Die tiefgründigſte Un-
iterblichkeitsſchriſt unjerer philoſophiſchen Welt-
literatur aber ſollte zuletzt herangezogen werden,
Bernard Bolzanos „Athanaſia“ (Sulzbach 18267,
18382). Hier findet man eine geiſtvolle Fort-
bildung des Leibniziſchen Monadenprinzips und
einen jſcharfſinnig aufgebauten BeweiZ3apparat,
Der die ernſte Frage nach den verſchiedenſten
Richtungen beleuchtet und klärt. Als Probe
dieſer jeltenen Beweiskunſt ſei nur der Gedanken-
gang hervorgehoben, durch den der Prager
Philoſoph die Theje begründet, daß unſere S.
nicht aus mehreren Subſtanzen zujammengeſeßt
ſein kann. Cine zwingende Sicherung dieſer
Theje iſt natürlich für den Unſterblichſeit8glauben
entſcheidend. Bolzano analyſiert genau alle vier
denkbaren Möglichkeiten, die beſtehen, einem
zuſammengeſebten Gegenſtande eine gewiſſe
Beſchafſenheit oder Veränderung zuzuſchreiben.
Erſtens wird oft etwas dem Ganzen beigelegt,
wenn es tatſächlich nur von einem Teil oder
etlichen Teilen diejes Ganzen gilt. Es heißt
3. B., daß es in einer gewiſjjen Stadt gebrannt
habe, wenn der Brand doch eigentlich nur in
einem Hauſe oder in einigen Häuſern der Stadt
vorkam. Zweitens erfennen wir eimem Ganzen
häufig eine gewiſſe Beſchafſenheit oder Ver-
änverung zu, wenn ſie eigentlich ſchon bei jedem
Teile diefes Ganzen auftritt. So jagt man von
einer Reijegeſellichaft, ſie habe den und den
Weg zurückgelegt, wenn eigentlich jedes Mitglied
der Reiſegejellſchaft ſolchen Weg leiſtete. Drit-
tens läßt fich von einem Ganzen eine Be-
ſchaffenheit oder Veränderung prädizieren, wenn
dieſc tatſächlich nur eine Summe derjenigen
Beſchaffenheiten oder Veränderungen darſtellt,
die den einzelnen Teilen des Ganzen anhaften.
In ſolchem Sinne behaupten wir, daß eine Ge-
ſellſchaft von Schauſpielern dies und dies Stück

gegeben habe, wv jeder nur ſeine Rolle ſpielte
und aus ihrer Vereinigung die ganze Vorſtellung
erwuchs. Viertens betrachten wir zuweilen
die bloßen Verhältniſſe zwiſchen den Teilen eines
Ganzen als Beſchaffenheiten dieſes Ganzen und
die Beränderungen, die bloß in dieſen Verhält-
niſſen ſtattſinden, als Veränderungen des Ganzen
jelbſt. So wird zu den Beſchaffenheiten des
Pädagogiſches Lexikon. 1V.
Seele -- Sekretion (innere)

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Gartens gerechnet, daß jeine Bäume in regel-
mäßigen Abſtänden geordnet ſtehen. Keine von
dieſen vier Möglichkeiten iſt bei unſerer S. durch-
führbar, wie Bolzano auſs ſorgſältigſte nach-
weiſt. Darum müſjen wir die Annahme einer
Zuſammenſjeßung der S. aus mehreren Sub-
ſtanzen aufgeben und an dem Gegenteil dieſer
Annahme feſthalten, d. h. an ver einfachen
Seelenjubſtanz.
Literatur. Joh. Rehmfe: Lehrbuch der allg.
Pſychologie (19262). -- Günther Thiele: Die Philo-
jophie des Selbſtbewußtſeins und der Glaube an Gott,
Freiheit und Unſterblichkeit (1895). =- Für die Einſicht
in die älteren geiſtesgeſchichtlichen Zuſammenhänge des
Seelenglaubens iſt natürlich Ertww. Rhodes „Pſyche“
wichtig. Kowalew5ti.
Setkretion (innere). 1. Begriff. J. S. iſt Ab-
ſonderung der Blutdrüſen des Körper3, die ihre
Säſte nicht durch Ausführungsgänge entleeren,
jondern unmittelbar in die ihre Zellen umſpin-
nenden Blut- und Lymphgeſäße abgeben. --
(Es empfiehlt ſich nicht, den Begriff der i. S. auf
die Abgabe von Stoſſen verſchiedener Art durch
die Zellen oder Gewebe des Körpers im allge-
meinen erweiternd aus8zudehnen, weil er dann
verſchivommen und unflar wind. Zu den Blut-
drüſen zählen wir unter Fortlaſjung einiger
kleiner, unwichtiger Gebilde die Keimdrüſen
(Hoden, Gierſto>), die Hirnanhangdrüſe
(Hypophyſe), die Schilddrüſe, die Neben-
ſchilddrüjen (Epithelkörperchen), die innere
Bruſt- oder Thymusdrüſe, die Zirbel-
drüje (Epiphyſe) und das in der Bauchſpeichel-
drüje verſtreut liegende Jnſelorgan.
2. Bedeutung. Die Bedeutung der Blut-
drüjen liegt darin, daß die von ihnen abgeſon-
derten Säfte (Inkrete) ſtarke Wirkungen im
Körper entfalten und teilweiſe für die Exr-
haltung des Lebens notwendig ſind. Da ſich
die Säſte ſofort dem Blut- oder Lymphſtron
beimiſchen, iſt die Reingewinnung oder Dar-
ſtellung ihrer als Hormone bezeichneten wirk-
jamen Beſtandteile ſehr ſchwierig und bisher
nur beim Adrenalin (Nebennierenrinde), Inſulin
(Injelorgan), Follikelhormon (Eierſtock) und
vielleicht noch beim Thyroxin (Schilddrüſe) ge-
lungen. Jm allgemeinen mühſſen beim Menſchen
einſtweilen krankhafte Zuſtände dieſer Drüſen
Hinweiſe auf den Ausfall oder die Mehrer-
zeugung der Säſte ergeben, und die dabei auſ-
tretenden Krankheitöerſcheimungen ſind dann
dazu in Beziehung zu ſeen. Von großer Be-
deutung iſt in den lebten Jahrzehnten die ex-
perimentelle Forſchung geworden. Die Heraus-
nahme der Drüſen oder einzelner Teilſtücke aus
dem Körper oder die teilweiſe durc< Röntgen-
ſtrahlen zu erzielende Zerſtörung ihrer wirk-
ſamen Zellen und andererſeits die Überpflanzung
oder Wiedereinführung dieſer Drüſen in den
Förper bei verſchiedenen Tierarten hat eine
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