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gefühlen zurücktreten und ſich paſſiv verhalten.
Der geſchi>te Lehrer wird gerade jolche Schüler
zur aktiven Teilnahme am Unterrichtöbetrieb
anzuregen wijjen, nicht durch Tadel -- Tadel
beim Unterricht gebührt nur träger Teilnahm-
loſigfeit -- jondern indem er ihr Selbſtvertrauen
und ihren Mut zu heben ſucht. Er wird jede,
wenn auch geringe Leiſtung, der wirkliche An-
ſtrengung zugrunde liegt, bei ſolchen Schülern
loben, auch unvollfommene Leiſtungen an-
nehmen und gemeinſam mit den Schülern zu
berichtigen oder zu verbeſjern ſuchen. Vor allem
aber ſuche er bei den Schwachen und Zaghaften
das Gebiet zu ſinden, auſ dem ſie nach ihrer
Begabung Beſſeres leiſten können; auf ſolchen
Gebieten, auf denen fie ſich ſicherer fühlen,
ziehe ex dann die einzelnen zur Mitarbeit
heran; denn nichts ſtärkt das Selbſtvertrauen
des Schwachen mehr als das Bewußtſein,
Selbſtgefühle -- Selbſtmorde

daß er an eimem VWunkte wenigſtens dastelbe
oder gar Beſjeres leiſten kann als der Begabtere ,
und Stärkere. Den rechten Schlüſſel aber, auf
dem ſchwierigen Gebiete der Behandlung des
Selbſtgefühls im einzelnen Falle das Richtige
zu finden, gibt hier, wie bei aller pädagogiſchen
Arbeit, die Liebe.
Literatur. Elje Vvigtländer: Vom Selbſt-
gefühl (1910), -- Pfänder: Zur Pſychologie der Ge-
ſinnungen (1913). -- W. Hellpach: Der Ausdruck der
Verlegenheit, in Archiv f. d. geſ. Pſych. 27 (1913). =
v. Gebſjattel: Der Einzelne und der Zuſchauer, in
Zeitſchr. für Pathopfych. 2 (1914). -- Brüugemann:
Die Verlegenheit, ihre Erſcheinungen und ihr konſti-
tutivneller Grund, Zeitſchr. f. Pſych. 81 (1919). --
Vierkandt: Geſellſchaftslehre. 8 10 (1923), -- A.
Adler: Über den nervöſen Charakter (1928?), -- Vgl.
ferner die Abſchnitte über das Selbſtgefühl in den unter
dem Art. „Gefühl“ angegebenen größeren Getamts-
darſtellungen der Pſychologie. Herchenbacch.
Selbſtmorde (Jugendlicher). 1. Pſychologiſche
Grundlegung. Es ſcheint paradox, iſt aber an
ſich nicht ſchwer zu begründen, daß gerade der
junge Menſch dazu neigt, ſeinem Leben aus
ſreiem Entſchluß heraus gewaltſam ein Ziel zu
ſezen. Jſt es doch ein beſtimmender Zug für da3
Seelenleben des jungen Menſchen, daß in ihm
das Geſühl der Unendlichfeit mit ſtarfer Gewalt
lebendig wird. Während das Kind in einem eng
begrenzten Umfreiſe lebt und in dieſem Kreiſe
ſich jelbſt mit unbewußtem Egoismus für den
Mittelpunkt hält, ſieht ſich der Jugendliche der
Unendlichkeit gegenübergeſtellt, die zur Folge
hat, daß er fich ſelbſt in jeiner ganzen Kleinheit
empfindet. Dieſe Kleinheit wirkt ſich aus auch
als Einjamkeit; während das Kind in ſtets
bereitem Vertrauen ſich lieben Menſchen gern
öffnet, fühlt der Jugendliche ſich überall unver-
ſtanden und in ſeinem beſten Weſen verkannt.
Das Lebendigwerden neuer, biSher unbekannter
Triebkräſte ſtürzt ihn in einen ſchmerzvollen
Wechſel von jubelnder Freude und unerklärlicher
Anajt: wie ein Traum oder auch wie ein Rauſch

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fommen ſolche Zuſtände über ihn und reißen
ihn lo8 von der jo wohlgegliederten und ab-
gezirfelten normalen Welt. Wenn man ſich das
alles klar macht, erkennt man, daß eigentlich der
Jugendſelbſtmord nichts Außergewöhnliches iſt,
jondern es eher verwunderlich erſcheinen kann,
daß ein junger Menſch ohne Selbſtmord weiter
düurums Leben geht. So dürſte es auch kaum
einen Jugendlichen geben, der nicht immer
wieder mit Selbſtmordneigungen zu ringen
hätte; was Goethe von ſeiner Jugend erzählt,
iſt tatſächlich von allgemeiner Bedeutung.
Friedrich von Hardenberg (Novalis) hat in
ſeinen „Hymnen an die Nacht" diejem jugend-
lichen Selbſtmorddrange wundervollen und
gleichzeitig erſchütternden Ausdruck gegeben:
Unendli) und geheimnis8voll
Durchſtrömt ums ſüßer Schauer --
Mir deucht, aus tiefen Fernen ſcholl
Cin Cho unſrer Trauer.
Die Lieben ſehnen fich wohl auch
Und ſandten uns der Sehnſucht Hauch.
Nichts iſt daher törichter, als bei einem Jugend-
jelbſtmord nach dem „Schuldigen“ zu ſuchen und
nun irgendeine beſtimmte Maßregel der Eltern
oder der Schule dafür verantwortlich zu machen;
gewiß kann eine ſolche Verſchuldung vorkommen,
aber im allgemeinen ſind die Anläſſe von ſolcher
Winzigkeit, daß ſie gar nicht der wirkliche Grund
ſein können. Je mehr man in das Weſen der
Jugendjeele eindringt, deſto deutlicher wird
einem, daß jeder junge Menſch eigentlich dauernd
an einem Abgrunde entlang wandelt und man
es als gnädige Bewahrung zu empfinden hat,
wenn er nicht in ihn hineinſtürzt.
2. Tatbeſtand. Damit erledigt ſich ſchon dice
heute oft zu hörende Behauptung, daß die Zahl
der Jugend- und namentlich der Schülerſelbſt-
morde in unjerer Zeit erjchrekend zunehme.
Durch die amtlichen Feſtſtellungen des preu-
ßiſchen Unterrichtsminiſteriums hat ſich ergeben,
daß das tatſächlich nicht der Fall iſt. Der ent-
gegengeſezte Schein iſt dadurch entſtanden, daß
wir heute alle auf jolche Fälle viel ſtärker rea-
gieren als in früheren, robuſteren Zeiten und
daß namenilich die Preſſe, oft in guter Abſicht,
oft auch aus Senjationsluſt, ſich jedes ſolchen
Creignijjes mit großer Ausführlichkeit anzu-
nehmen pflegt. Gewiß ließen ſich auch Gründe
denfen, die in der Gegenwart die Neigung zum
Selbſtmord befördern könnten: die Haſt und
Unruhe des modernen Lebens, die immer größer
werdende Nervoſität, auch das Fortfallen
mancher ſittlicher Hemmungen, die ſrüher mit
Selbſtverſtändlichkfeit galten. Cs muß aber
anderſeits beachtet werden, daß dem allen auch
die entgegengejeßten Gründe gegenüberſtehen;
die heutige Jugend iſt im Durchſchnitt körperlich
geſtählter und widerſtandsfähiger als die früherer
Zeit, ſie iſt häufig auch viel weniger ſentimental
in ihrer nüchternen Sachlichkeit, und endlich hat

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