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ſichten weit oſſen halten. Die pädagogiſchen Be-
mühungen, in geiſtige Entwicklungsgänge jo tief
mit einzudringen, daß die erziehlichen Maß-
nahmen das eigene Wachstum nicht ſtören,
jondern es weſensgerecht ſürdern, können vom
V. wichtige Förderungen erwarten. Die ver-
ſtehende Seelenſorſchung verſpricht eine ver-
ſtändnisvolle Seelenjührung zu unterſtüßen.
Die vom V. geleitete Sinnerſaſſjung des Kultur-
geſjchehen3 gibt jerner einem Erziehung3pro-
gramm neue Grundlagen, das die bildenden
Kräſte der Kulturgüter zu lebendiger Aus-
wirkung bringen will. Jn allen Beſtrebungen
der Gemeinſchaſiöerziehung müſſen die Be-
ſimungen an zentrale Stelle rücken, die das V.
als ſoziales Urphänomen erfaſſen und eine
Soziologie des V.3 entwideln. Endlich hat die
pädagogiſche Leitidee der Humanität (wie W. v.
Humboldt es in ſtärkſter Eindringlichkeit lebte
und lehrte) darin eine wejentliche Vorausſezung
ihrer Realijierung, daß aus tieſſtem BV. des
Menſchen in der Vielgeſtalt ſeiner einzelnen und
ſeiner volklichen Prägungen und in jeinen kul-
turellen Schöpfungen höchſte Menſchlichkeit
erwächſt.
9. Ergänzende Bemerkungen zur Entwicklung
der Thevrie des V.3. Neben den Forſchungsetappen,
die in der vorauſgehenden Darſtellung ſichtbar ge-
worden ſind (Dilthey, Spranger, Jaspers, Wad)), ſeien
hier noch die folgenden Punkte der Entwieklung der
Verſtehenstheorie hervorgehoben: Al35 „erſter Herme-
neutiker“ des geſchichtlichen Menic lichen Lebens überhaupt wird Wilhelm v. Humboldt
gewürdigt. Für den engen Zuſammenhang de38 V.3
mit der methodiſchen Selbſtbeſinmmumg der Geſchicht3-
wiſſenichaft zeugt der Umſtand, daß Droyſen3 „Grund=-
riß der Hiſtorik“ die Einbürgerung des Ausdruckes
„verſtehen“ bewirkte. Die geſchichtsphiloſophiſche DiS-
kuſſion des V.3 wird beſonders in den Arbeiten von
Litt, Ri>kert, Nothacker, Simmel, Troeltſc) und M.
Weber weitergeführt. Scheler hat, in der Behauptung
eines primären Fremdverſtehens ſich mit Bergſon be-
rührend, auf der Grundlage einer emotionalen Pſycho=
logie die Theſe aufgeſtellt, daß „jeder das fremde Er-
leben genau ſo unmittelbar erfaſſen könne wie jein
eigenes“. Junerhalb der pſychologiſchen Fachforſchung
wird durch Störring die ſelbſtändige methodiſche Geltung
de3 V.8 am ſtärkſten angefochten, durch Binswanger,
Jona3 Cohn, Erisömaunn, Ewald, Kronfeld u. a. die
Verſtehenstheorie weiterentwickelt und innerhalb der
Tiefenpfſychologie (Freud, Jung, Adler, Klages) mancher
wichtige neue Ausblid auf das Verſtehen3problem ex=
vffnet. Von der allgemeinen philoſophiſchen Diskujſion
her wirken ſich die Anregumgen der Phänomenologie
in der neueren Theorie des V.5 noch aus. Für aktuelle
Weiterbildungen iſt ferner die Anknüpfung bei Nietziche
und Kierkegaard wichtig, vie als „größte von allen
verſtehenden Pſychologen“ gewürdigt werden. Heid-
egger bildet die Lehre vom V. auf der Grundlage der
exiſtentiellen Jnterpretation des Daſeins aus.
Literatur. Die eindringende Beſchäftigung mit den
Fragen des V.8 wird umfaſſende allgemein-philo-
jophiſche und pſychologiſche Lektüre an den durd) die
Nennung der Autoren bezeichneten Stellen erfordern.
Hier kann nur noch der Hinweis auf die wichtigeren
monographiſchen Beiträge zur Theorie des V.3 folgen:
EC. Spranger: Zur Theorie des V.8 und zur geiſte3-
wiſſenſchaftlichen Pſychologie (in der Volkelt-Feſtichrift,
1918). W. Schweizer: Erklären und V. in der
Pſychologie (1924). = Th. Eri8smann: Die Eigenart
Verſtehen -- Verſtreuung (Diaſpora)

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de3 Geiſtigen. Induktive uud einſichtige Pſychologie
(1924). = G. Noffenſtein: Das Problem de3 pſycho-
logiſchen 8.3 (1926). --- A. Stein: Der Begrifſ des
8.3 bei Dilthey (1926). -- A. Betzelt: Vom Problem
des V.3 (im Jahrbuch der Charakterologie, 1927). --
G. Störring: Die Frage der geiſteswiſſenſchaftlichen
und verſtehenden Pſychologie. Cine Streitſchrift (1928).
-- W, Sombarxrt: Das V. (1928). -- I. Wach: Das V.;
Grundzüge einer Geſchichte der hermeneutiſchen Thevrie
im 19, Jahrhundert (11926, 11 1929). -- P. Hofmann:
Das B, und ſeine Allgemeingültigkeit (im Jahrbuch der
Charakterologie, 1929). -- H. Gomperz: Über Sinn
und Sinngebilde, V. und Erklären (1929). --Eingeſehen
verden müſjen ſerner die Protokolle der ausgedehnten
8,.8-DisSputation auf den Fachkkongreſſen (beſonders
der Bericht über den achten internationalen Kongreß ſür
Piychvlogie in Groningen 1927 mit den Beiträgen von
Binsvanger, Eriömann, Ewald und Spranger).
Hoſſmanu.
Verſtreunyng. Das Stichwort iſt Verdeutſchung
des gebräuchlicheren griechiſchen Ausdru>s Dia-
[pora, das im deutſchen Sprachgebrauch jowohl
im nationalen Sinne für die V. deutſchen Volks-
tums unter Nichtdeutichen, als auch) im kon-
ſeſſionellen Sinne für die V. der Evangeliſchen
unter Katholiken wie auch der Katholiken unter
Evangeliſchen gebraucht wird. Das Wort Dia-
ſpora iſt bibliſchen Ur]prungs (Jak. 1, 1; 1. Betr.
1, 1; im Alten Teſtament vgl. be]. 2. Makk. 1,
24 ff.) Die obige Verdeutſchung trifft darum
nicht genau den Sinn des Originals, weil in
dieſem der Anklang an die Samen-Ausſtreuung
Des Sämannes enthalten iſt, jo daß die Diaſpora
leßlich nicht als Verhängnis, jondern als gott-
geſtellte Aufgabe angeſehen wird.
In der evangeliſchen Diajpora und der ihrer
Vſlege zugewandten Arbeit iſt die Unterſcheidung
des Arbeitsfelde3 in Jnland-Diajpora und Aus-
land-Diaſpora herkömmlich. Tieferdringende
Betrachtung trennt die einfache, d. h. aus-
ſchließlich konfeſſionelle, von ver doppelten,
Dd. h). durch konſejſionellen und natio-
nalen Gegenſaß zur Umwelt beſtimmten
Diaſpora.
Die beiden Begriſſe deen ſich nicht; denn
jelbſt im deutſchen Inland gibt es national ge-
fährdete Gebiete (in Oſtpreußen, in der Grenz-
mark, in Schleſien). Und außerhalb der Neichs-
grenze ſchließen ſich an die unangefochten deut-
ſchen Gebiete (Schweiz, Oſterreich) die Länder
an, in denen auch auf dem geſchloſſenen deutſchen
Sprachboden der nationale Beſtand gefährdet
iſt (Elſaß-Lothringen und Luxemburg, Südtirol
und Böhmen, Danzig und Oberſchleſien), wobei
in verſchiedenem Grade zu nationaler eine kon-
feſſionelle Gefährdung hinzukommt. Wir folgen
der einfachen geographiſchen Einteilung. Dice
freikirchliche Diaſpora, inobejondere die der Alt-
Lutheraner in Preußen, laſſen wir außer Be-
tracht, weil die Anwendung des Diaſpora-
begriffe auf dieſe Gemeinſchaſten nicht un-
beſtritten iſt. Hier liegt das ſpezifiſche Arbeits-
feld de3 Lutheriſchen Gotteskaſtens.

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