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reinen, deutlichen und möglichſt wenig mund-
artlich gefärbten Ausſprache befleißigen und zu-
jammenhängend jprechen, d. h. weder äußerlich
ſtoßweiſe (infolge ſaljcher Atempauſen) noch
gedanklich abgeriſſen. Damit wird nicht einer
haſtigen und allzu geläufigen Vortragsweiſe
das Wort geredet; vor allem zu jüngeren
Schülern muß man langſam ſprechen. Im all-
gemeinen aber muß man das Tempo vom
Stofſſinhalt abhängig machen und möglichſt
jo jprechen, wie man es in der gewöhnlichen
Umgangsjprache tut. --- Die Betonung muß
ſinngemäß jein. Der Lehrer muß wie der
Schauſpieler Über verſchiedene Tonfarben und
Zonhöhen verfügen, um die Stimmungen
des Inhaltes voll zum Ausdru> zu bringen.
Er darf aber dabei in keine Künſtelei verfallen,
die den Schülern noch eher auffällt als Exr-
wachſenen. Für die Tonſtärke iſt im allgemeinen
der Mittelweg zu empfehlen. Allzu lauter Vor-
trag ſtumpft ab und ſtrengt den Redner ſelbſt
auf die Dauer an; ein allzu leiſes Sprechen, als
ob man lauter Geheimniſſe mitzuteilen hätte,
ermüdet die Kinder, weil er ein angeſtrengtes
Hinhören nötig macht, und wirkt zuleßt
lächerlich. =- Der Ausdruck ſei klar und ſchlicht,
der Satzbau einfach. Doch hüte ſich der Vor-
tragende vor einer vulgären Ausdruck8weiſe und
glaube nicht, mit der Gunſt ſeiner Zuhörer
zugleich ihre Auſmerkjamkeit zu gewinnen. Auch
der Gebrauch) der „AlterImunvdart" in dem Um-
jange, wie es Berthold Otto will, iſt abzulehnen.
Der Lehrer braucht nicht wie ein Kind zu ſprechen,
jondern kann auch in voſlendeterer und ge-
hobener Sprache ſo reden, daß ihn die Kinder
verſtehen, und er muß e38 tun, wenn er über-
haupt die Sprache der Kinder bilden will. --
Taſür ſmd freilich noch weitere Bedingungen
zu ſtellen. Man hüte ſich möglichſt vor Abſtrak-
tionen und Verallgemeinerungen, ſtelle alles
fonkret und individuell vor das geiſtige Auge
und mache es dadurch anſchaulich, jo daß die
Schüler es zu jehen und zu hören glauben und
ſich ein deutlichez Bild von dem Erzählten
oder Geſchilderten machen können. Man ſpare
zu diejem Zwe nicht an Kleinmalerei, an
liebevoller Ausführung von Einzelheiten unv
Nebenumjtänden, ohne doch das Ganze aus
dem Auge zu verlieren; man bediene ſid)
häufiger der Rede und Gegenrede und ſuche
überall nac Beziehungen zur Gegenwart
und zur Umwelt des Zögling8; dadurch wird
die rechte Auffaſſung des Neuen durd) den
Schüler und die Eingliederung in ſeine Ge-
danfenwelt erſt möglich. Auch eine ſtreng
logiſche Gliederung, die nicht vorweggenommen
und überhaupt nicht beſonders angegeben zu
werden braucht, jondern nur dem Ganzen zu-
grunde liegen muß, erleichtert das Verſtändnis.
Iſt es, ohne dem Stoffe Gewalt anzutun,
Vortragende Lehrform -- Vortragskunft



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möglich, eine gewiſſe Steigerung des Inhaltes
einer Erzählung oder Schilderung zu erreichen,
jv wird das der Aufmerkſamkeit, wenn ſie am
Ende zu erlahmen droht, nur förderlich ſein.
Daß in der Kürze die Würze liegt, lernt auch
der vortragende Lehrer ſehr bald. Vor allem
aber wird die Langeweile gebannt, wenn man
durch lebendige Frijche und perſönliche Wärme,
durd) die Kraft innerſter Überzeugung und
eigenſter Erfahrung die Hörer in ſeinen Bann
zu ziehen verſteht. Dali3da.
Vortragskunſt. 1. Geſchichte. Die Kunſt des
Vortrag8 entſtammt entwiclungsgeſchichtlich
demjelben Boden, aus dem ihre Schweſtern
Dichtung, Muſik und Tanz entſprungen find:
die Kunſt der Naturvölker ſekt ein mit einem
gefühlzerregten Geſamtverhalten, bei vem Wort,
Geſang, Gebärde, Tanz nebſt begleitender Muſik
gebunden ineinander wirken. Dieſer Sprechſing-
tanz wird noch nicht um ſeiner ſelbſt willen als
„Funſt“ ausgeübt, ſondern er iſt Beſtandteil und
Ausdruc>k wirklicher Erlebnislagen: der Gottes-
anbetung, Totenklage, Kampfanſage u. dgl.
Mit dem Hinübergleiten von der Wirklichkeits-
nähe zum Kunſtſpiel ſpalten ſich die Gattungen
und beginnen jede ihren eigenen Weg zu gehen.
Bei der Kunſt des geſprochenen Wortes treten
dabei zwei Träger auf: der Einzelſprecher und
die Sprechgemeinſchaſt. Der Einzelſprecher, der
einmalig erſonnenes oder geſchautes Geſchehnis,
einmalig erdachte Gedankenſolgen den lauſchen-
den Zuhörern vorträgt, um ſie zu belehren, zu
unterhalten, zu begeiſtern, erſcheint in ver Kultur-
geſchichte aller Zeiten als Rhapſode, Skalde,
Märchenerzähler, fahrender Spielmann. Die
Sprechgemeinſchaft, die gemeinſames Fühlen
und Wollen ausſpricht in feſtgeprägten Worten,
welche allermeiſt ſchon den Vätern galten und
noch den Enkeln gelten werden, ſchließt ſich bei
gemeinſamen Feiern zu gemeinſamer Rede
zujammen. Aus dem religiöſen Kultſpiel er-
wächſt, beider Träger ſich bedienend, das Bühnen-
jpiel. Neben ihm bleibt die V. des einzelnen
dauernd, das Gemeinſchaft8ſprechen bei gemein-
jchaft8gebundenen Menſchen --- katholiſche Li-
turgie, neuerdings ſogen. „proletariſche Sprech-
djüöre“ u. dgl. -- beſtehen.
2. Die Kunſtlehre des geſprochenen Wortes
muß von dem Grundgedanken Wilhelm Wundts
ausgehen: „Die kunſtmäßigen Formen des
Sprachgebrauches ſind lediglich weitere Aus-
bildungen der überall in der Sprache vor-
gebildeten Cigenſchaften." Die Grundtatſacher
von Betonung, Tonſall und Klangfarbe (f. Art
„Sprecherziehung“), die bei allem Spreche:
gelten, bedingen auch das Kunſtſprechen, uni
viele Fragen „wie ſpricht man dieſen Saß, dieſe1
Vors?" gehen auf die Frage zurück „wie würd«
ein jinnerfüllter Sprecher in der Wirklichteit die:

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