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einſtellung nicht in Erſtaunen ſeen, da für ihn
die durchgreiſendſten erziehlichen Einflüſſe von
den Crſahrungen an Perſonen und Sachen
herrühren, aus Ererbtem, aus Beiſpielen, Ge-
wöhnungen, Neigungen abzuleiten ſind, kurz:
der Anlage und der Umwelt, dem Leben des
Zöglings entjpringen. = In der Gliederung
des Erziehung3werkes weicht W. von der Herbart-
Ichen Dreiteilung (Regierung, Unterricht, Zucht)
inſofern ab, als er -- dem üblichen Sprach-
gebrauch folgend =- die Begriffe „Regierung“
und „Zucht“ ihrem Sinne nach umkehrt; doch
iſt dies eben nur von terminologiſcher Be-
deutung.
3. Charakteriſtijches au der W.ſchen Pädagogik.
Neben der Macht der Erziehung erkannte W.
auch ihre Schranfen und wußte, daß das
pjychijch Entwicklungsſähige durch außerhalb de3
Crzicehungsplanes liegende „verborgene Mit-
erzieher“ zerſtört, gehemmt oder gefördert
wird, daß der Erziehungskunſt dur unkontrollier-
bare Lebensverhältniſje und -umſtände Grenzen
gejeßt ſind, denen ſelbſt noch ſo fein erdachte
pädagogiſche Methoden nicht beizukommen ver-
mögen. Auch wußte er, daß der Erzieher bei
jeiner Beobachtung der äußeren Erſcheinungen
von Vorerbungsdispoſitionen mur „Vermu-
tungen von größerer vder geringerer
Wahrjcheinlichkeit“ ausjprechen kann. Doch
fonnte ihn dies alles in der Erziehungsarbeit
nicht entmutigen, da er an die Möglichkeit einer
Umbildung angeborener und erworbener Eigen-
Ichaften glaubte, weil er in ſeinem evange-
liſchen Glauben von der Wirkſamkeit gött-
licher Gnade wußte, die dem menſchlichen Ge-
müte dauernden Frieden gibt und dem Menſchen
auch den leßten und tiefſten Sinn des Er-
ziehungsganzen erſchließt.
So enthält die W.ſche Pädagogik auch für die
heutige Zeit noch reiche, fruchtbringende An-
regungen, wie denn z. B. ſeine Lehre von den
„verborgenen Miterziehern“ eine Brücke ſchlägt
zu W. Sterns Konvergenzlehre, die Anlagever-
hältnis und Umwelteinflüſſe in ihrer Wechſel-
beziehung und Überichneidung bewertet, und
jeine jozialpädagogiſchen Erkenntniſſe auch für
die heutige „ſtaatsbürgerliche Erziehung“ noch
wichtig ſind. Auch ſeine Gedanken über den
Cinfluß der Religion auf die Gemütsbildung
als das weſentlichſte Moment der Erziehung
ſinden heute wieder ſteigende Beachtung.
Literatur. Selbſtbivgraphie in der „Heſſiſchen
Gelehrten- und Schriftjtellergeſchichte"“ (Kaſſel 1863, XX).
-- G. Gerland: Th. W., in der „Allgem. dtſch. Viv-
grabhie“ (1896, 1,X). =- O. Gebhardt: Th. W.3 päd-
agogijc O. Flügel: Herbart und W. (Zeitſchr. f. Phil. u. Päd.,
1907); gegen O. Gebhardt. -- Ausgaben der „Allgem.
Pädagogik“ von O. Willmann (ſ. o.), W. Kahl (in
d. Sammlung „Die päd. Klaſſiker", 26. Bd., 1908;
gefürzt), O. Gebhardt (1910). L. Cifhardt.
Waiß -=- Waldſchulen

1644
Waldſchulen. Die Erfahrung, daß ein Erholungs-
urlaub meiſt nicht lange vorhält und daß die alten
Bejſchwerden und Klagen ſich nach der Rückkehr
in die früheren häuslichen Verhältniſſe oft recht
bald wieder einſtellen, hatte ſchon 1881 den be-
kannten Schulhygieniker Brof. Bagins3ky be-
wogen, für kränkliche und ſchwächliche Kinder die
Cinrichtung von Waldſchulen vorzuſchlagen, d. h.
von Tageserholungsſtätten in Verbindung mit
einem wenn auch beſchränkten Unterricht8betrieb.
Die erſte deutſche Waldſchule wurde erſt 1909 von
der Stadt Charlottenburg auf Anregung de38
Stadtſchulrates Dr. Neufert geſchaffen. Sie
liegt in nächſter Nähe der Stadt im Grunewald
undi iſt mit der Straßenbahn und Stadtbahn leicht
zu erreichen. Die Einrichtung iſt ſehr einfach.
Dor Schulſaal iſt in einer Döckerſchen Baracke
untergebracht; daneben befindet ſich eine offene
Halle zum Einnehmen der Mahlzeiien und zum
Untertreten bei Regen. Für die Schulküche iſt
eine bejondere Wirtſchaft3baracke vorhanden.
Ferner ſind Näume ſür Lehrer und zur Unter-
bringung der Lehrmittel vorgeſehen, ſowie einc
vffene Halle mit Hängematten und Liegeſtühlen
zum Ausruhen der Kinder nach Tiſch. Der
Schulunterricht findet nach Möglichkeit im
Freien ſtatt, die Schulbara>e wird nur bei
Ichlehtem Wetter bonußt. Die Dauer einer
Schulſtunde beträgt nur 25 Minuten, ihr folgt
eine gleich lange Pauſe. Auf dieſe Weiſe wird es
möglich, zwei Schulklaſſen ſo abwochſeln zu laſſen,
daß die eine Unterricht, die andere Spielpauſe
hat und umgekehrt. Die Unterricht3zeit be-
trägt inSgeſamt täglich nicht über 2--3 Stunden.
Die Kinder bleiben von morgens früh bis abends
bzw. bis kurz vor B2ginn der Dunkelheit in der
Waldſchule. Sie erhalten hier ein volles Frühſtück
(Suppe mit Brot), ein zweites Frühſtück (Milch
mit Brot), um 12% Uhr Mittageſſen (Fleiſch
mit Gemüſe oder Mehl- und Eierſpeiſe), nach-
mittags wieder Milch mit Brot, abends Suppe
oder Mehlſpeiſe und Butterbrot. Die Koſten
für Beſchulung und Beköſtigung der Kinder
betrugen in Charlottenburg wenig über 53
Pfennige für jedes Kind. Die Charlottenburger
Waldſchule iſt von Mitte April bis zu Beginn der
Weihnachtsferien geöſſnet.
Auf Grund der Erfahrungen, die man mit den
Volksſchulkindern machte, iſt man dazu ühber-
gegangen, auch für die Schüler und Schülerinnen
der höheren Lehranſtalten in den Klaſſen Sexta
bis Tertia eine Waldſchule einzurichten, deren
Koſten von den Eltern aufgebracht worden.
Die guten Erfolge, die man ſowohl in ge-
ſundheitlich2r als auch in pädagogiſcher Hinſicht
beobachtete, haben auch andere Städte zur Ein-
richtung von Waldſchulen angeregt, 3. B.
München-Gladbach, Mülhauſen i. E., Dortmund,
Clberſeld, Dre8den, Mainz, Bremen, Lübec,
Roſto> ujw.; auch im Auslande, beſonders in

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