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Reſt, der in jene Totalität nicht aufgeht (Hexr-
rigel). Der Glaube, daß man mit dem natur-
wiſſenjc Wirklichkeit der lezten, der dritten nahe komme,
iſt verflogen; dieſe rückt immer mehr in die Ferne,
und jene zweite wird als ein Wunſchbild des
Glaubens, der Liebe und der Hoffnung erkannt,
in dem immer mehr „Determinationslücten"
ſichtbar werden, die das Kauſalgeſeß entihwwnen;
es ijt ſaljch, von der Ordnung in dem wiſſenſchaft-
lichen Weltbild auf eine geordnete Urwirklichkeit
zu ſchließen, ſtatt bloß auf einen unerkennbaren
Grund der Ordnung und damit auf die Aufgabe,
werdende Ordnung in einem unſertigen, dyna-
miſchen Weltbild zu erkennen (Rießler). Die
Natur iſt lebendig und immer ſchöpferiſch; ſtets
quillt Neues in ihr empor; ſie verſchließt ſich dem
mechaniſtiſchen Denken und eröfſnet jich der
Intuition prophetiſchen und künſtleriſchen Schau-
ens, die nicht etwa die Natur beſeelt, ſondern das
Beſeelende in ihr wirklich erſchaut, weil Natur
und Seele in innigem Bunde miteinander ſtehen,
jv daß man der Dinge mächtig und gewiß wird,
wenn man ſich mit jeinem Innenleben in ſie ver-
ſenkt (E. Dacque). Wie vor der poſitiviſtiſchen
Perivde die Erkenntnis beider Gebiete eingebettet
war in das ſeeliſche Geſamtleben, ſo muß es,
ſoweit es ſich irgend mit ver Aufgabe, die Wirk-
lichkeit zu erfaſjen, verträgt, wieder geſchehen
(C. Jaenſch). =- „Jh ziehe es meinerſeits vor, im
Drama auf der Bühne nicht nur Marionette zu
jein, jondern an meinem Teil mitzuwirken und
auch alle Konſequenzen zu tragen. Jh bin darum
der Meinung, daß wir Ärzte keine Pſychologie
brauchen können, die ſeeliſche Freiheit nicht als
Tatſache und Problem nimmt.“ „Vox uns liegt
eine andere, vorerſt noch unbekannte, alſo zu er-
ſorſchende Ordnung. Jn ihr haben die Willen3-
vorgänge, das religiöſe und ſittliche Geſchehen
Plaß.“ „Kauſjalitätöneuroſe." (Otfried Müller,
ebenjo die Medizimer Krehl und Sauerbruch.)
Beſonders ſtark iſt natürlich der Gegenſaß
gegen den Voſitiviömus auf dem Gebiet der
andern, der Geiſteswiſſenſchaften. So
jpricht man vor allem von der „Kriſis in der
Pſychologie". Die herkömmliche Aſſjoziations3-
pſychologie wird als unrechtmäßiger Tribut an
den Mechanismus entlarvt und durch eine Pſy-
chologie erjeßt, die -- ganz im Geiſt der Natur-
wiſſenſchaft =- der Eigenart des Gegenſtandes
gerecht wird. So wird die Seele nicht als Summe
von einzelnen Stücken oder Vorgängen, ſondern
als Ganzes erſaßt, von dem aus das Einzelne
verſtanden wird. So wird Sinn auch in den
einfachſten Vorgängen gefunden, während ſich
im ganzen das Verſtändnis mehr den höheren
jeeliſchen Prozeſſen zuneigt (Spranger, Drieſch).
-=-- Die Geſchicht8wiſſenſchaft ſucht ſich nicht
weniger dem Diktat der naturwiſjenſchaftlichen
Denkweiſe zu entziehen, indem ſie das Schöpfe-
Pädagogiſches Lexikon. IV.
Weltanj

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Uiſche, aljo lebendige Wertſezung und Wert-
jchäßung aus innerer Nötigung, indem ſie ſittliche
Momente wie Verantwortung und Entſcheidung
betont und das ſeeliſche Leben weniger mit Er-
tflären, als mit wahlverwandtem Verſtehen als
ſinnhaſtes Ganzes zu bewältigen verſucht
(EC. Faſcher). = Endlich die Theologie: auch
jie wehrt ſich gegen jeden Neſt von Wundtjcher
Pſychologie und jeden Verſuch, den Geiſt aus
dem Nichtgeiſt zu erklären, und erweitert das
Verſtändnis des Geiſtes vom Nationalen zum
Jrrationalen hin. So hat R. Otto wieder den
Begriſf der Intuition oder „Ahndung“ herein-
gebracht und ebenſo wie Troeltſch die Selb-
ſtändigkeit der Religion im geiſtigen Geſamt-
leben aufgewieſen (Delekat). Die neueſte Ent-
wicklung ſtellt mit dem Begriff „exiſtentiell“ die
Verbindung mit einer Philoſophie her, die in
der oben angegebenen Weiſe vom Menſchen und
jeiner Situation ausgeht, wenn ſie auch der
vermeintlich pfychologiſtiſchen und hiſtoriſtiſchen,
alſo poſitiviſtiſchen älteren Theologie durch
ſtärkere Betonung der Souveränität des Gött-
lichen überlegen zu jein glaubt.
Literatur. E. Dacque: Natur und Seele (1926). --
H. Drieſch: Pſychologie (19292). -- EC. Faſcher: Vom
Verſtehen des Neuen Teſtament38 (1930). -- Her=-
vigel: Vom neuen Denken (1928.) -- E. Jaenſ:
Wirklichkeit und Wert (1930). -- F. Niebergall: Im
Kampf um den Geiſt (1928). =“- A. Titiu838: Natur und
Gott (1926). =“- Aufſätze in der „Chriſtlichen Welt“
(1930) v. Delefat und den „Naturwiſſenſchaften“
(1928, Heſt 37, 38, 41) v. Rießler. Niebergall.
Weltanſchauungsſchulen [. Reichsſchulgeſeß.
Weltliche Schulen |. Reichsſchulgeſeß.
Weltmiſſion des Chriſtentums. 1. Da3 Weſen
der Miſſion. 2. Die Miſſions8geſchichte.
3. Das Miſjionsſ 1. Weſen der Miſſion. Die Chriſten ſind über-
zeugt, daß in Jeſus Chriſtus von Gott her ein
Weltprogramm mit dem Menſchengeſchlecht ver-
wirklicht wird. Die Erlöſung durch ſein Kreuz und
jeine Auferſtehung iſt der Ausgangspunkt. Die
Vollendung des Reiches Gottes in Herrlichkeit
iſt das Ziel. Die Kirche iſt das Werkzeug, durch
welches Gott auf vem Grunde von Golgatha
jein Neich baut. Jünger Jeſu zu werden, die
mit ſeinem Geiſte erfüllt ſind und ſein Bild an
ſich tragen, iſt der Weg zum Ziel und unſere
religiöſe Arbeitsömethode. Dieſer von Gott eint-
geleitete Weltprozeß, der Zeit und Ewigkeit
umſaßt und Kirchen, Völker und Individuen in
allen Erdteilen und allen Generationen in ſeinen
Dienſt nimmt, iſt der Hintergrund der Welt-
miſſion des Chriſtentums. Er iſt der Stunden-
zeiger an der Weltenuhr, der ſtetig und un-
widerſtehlich vorrückt, bis Gottes vorverordnete
Zeit erfüllt iſt. Wir Menſchen müſſen unſeren
Blick immer auf den Minuten- oder Sekunden-
zeiger richten, der un38 unſere Gegenwarts-
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