1493
Wort und Sprache iſt ſo gerade Träger eines
Lebendigen, JInhaltvollen im Gegenſaß zu
abſtrakter Schematiſierung. Dieſe Rolle der
Sprache und des Worts wird überſehen, wenn
man das Wort immer als etwas Zweites und
Abgeleitetes, als ein nachträgliches Ergebnis aus
ſinnfällig-dinglichen Erfahrungen und Anſchau-
ungen hinſtellt. Wever für die perſönlich-
individuelle noch für die allgemein-kulturelle
Entwieklung trifft das zu. Nach der neueren
Denk- und Strukturpſychologie (Meumann, W.
Stern, K. Bühler, Spranger) ſind es nicht vor-
wiegend ſinnliche Eindrücke und Feſtſtellungen,
aus denen ſich alle allgemeinen Sinnmomente er-
geben, ſondern umgekehrt dienen dieſe durch
Wort und Sprache repräſentierten und aus der
Sprache der Erwachſenen aufgegriffenen Sinn-
momente dazu, die dingliche und ſinnliche Er-
ſahrung zu erweitern. Andererſeits repräſentiert
der jprachliche Geiſte3wert in fremder wie
eigener Sprache einen Sinnbeſtand, der oft von
den rationalen Begriffen und Wertungen des
Lebens noch nicht voll aus8gedeutet und ge-
würdigt werden kann, der aber gerade de8halb
für das Ganze der Kultur ein Moment frucht-
barer Entwicklung darſtellt. Was die Religion
jtet3 als die den Tagestenvenzen grundſäßlich
überlegene Bedeutung de3 „Wortes" betont hat,
das hat allgemeinpädagogiſch ſeine Berechtigung
hinſichtlich aller der Wertüberlieſerungen, die
in flarer Sinn- und Wertausprägung über die
Ginſeitigkeiten aktueller Richtungen erheben und
jv weitere geiſtige Möglichkeiten eröffnen. So ge-
wiß es daher eine Auſgabe der Pädagogik bleibt,
den Verbalismus der gekennzeichneten verengen-
den Art durch gedankliche, erfahrung8- und
anjſchauungsmäßige Sinnerfüllung zu üÜber-
winden, darf doch bei Verwendung dieſes Be-
griffes heute die pſychologiſche, phänomeno-
logiſche, geiſteswiſſenſchaftliche und dialektiſch-
theologij ben, die dem „Wort“ als ſolchem wieder eine
ganz andere Geltung verſchafft hat.
Literatur: Zum Urſprung und zur Geſchichte des
Begriſſes: K. v. Naumer: Geſchichte der Pädagogik 11
(19122), S. 282 ff. =- O. Willmann: Geſchichte des
Zdealismus (19072), 11, S. 592 ff., 111. S. 618. -- Polemik
gegen Verbaliömus im alten Sinne: Th. Vogt: Der
Verbalismu38, Jahrb. des Verein3 für wiſſenſch. Päd.
(1881), S. 1 ff. -- Fr. W. Dörpfeld: Der didaktiſche
Materialismus (189432). -- W. Nein: Pädagogik in
iyſtematiſcher Darſtellung, Bd. 111 (19122), S. 238 ff.
-- Neuere Auffaſſungen! E. Huſſerl: Logiſche Unter-
juchungen, 11 (19132), S. 23 ff. -- W. Jaeger: Der
Humani3mus als Tradition und Erlebni8 in: Vom
Altertum zur Gegenwart (1919), S. 6 ff. -- Emil Brun-
ner: Die Myſtik und das Wort (1924), S. 89 ff. -- Hans
Freyer: Thevrie des objektiven Geiſtes (19282), S. 30 ff.
-- Fr. Niebergall: Der Weg vom Ohr zum Herzen.
Monatsbl. für den evang. Nelig.-Unter. (1925), S. 10 ff.
-- G. Bohne: Das Wort Gottes und der Unterricht
(1929). = O. Wichmann: Eigengeſetz und bildender
Wert der Lehrfächer (1930), S. 22 fſ., S. 163 ff.
Wichmann.
VBerbali3mus -- Wirtſchaftliche Erziehung

1494
Wirtſchaftliche Erziehung. Der Zuſammenhang
zwijchen Erziehung und Wirtſchaft iſt zwiefach
bemerkenswert: 1. die wirtſchaftliche Lage des
Elternhauſes, ja de8 Volkes beſtimmt Bildungs-
gang und Beruſ3wahl de3 Kindes, und 2. müſſen
Schule und Erziehung, ſofern ſie da38 Kind auf
das Leben vorbereiten, einführen in das Ver-
jtändnis der Wirtſchaft und anleiten zu wirt-
ſchaftlihem Handeln.
1. Erziehung und wirtſchaftliche Lage der Er-
ziehenden. G3 iſt wohl begreiflich, daß unſer
Geſchlecht, nachdem es die unheimliche Macht
der Wirtſchaft ſchmerzhaft erfahren mußte, die
Kinder ganz zu ſchützen ſucht vor wirtſchaftlichen
Jiöten, und daß man heute immer wieder das
gleiche Recht aller Kinder auf leibliche und gei-
ſtige Förderung -- unabhängig von der mate-
riellen Lage der Eltern =- verkündet. Das
kommt auch in der Weimarer Verfaſſung zum
Ausdruck, der gerade in dieſem Punkte kaum
irgend jemand ernſtlich widerſpricht. Und doch:
man müßte Recht und Pflicht der Eltern auf die
Erziehung verneinen und die Kinder in öffent-
lichen Anſtalten erziehen, wenn man ſie be-
wahren wollte vor der Berührung mit wirtſchaft-
licher Sorge und Not. Dabei erfahren wir dann,
daß man ſaſt immer mehr ſchadet als hilft,
wenn man die Verbundenheit zwiſchen Eltern
und Kindern zerreißt. Wenn die freie Bahn
für den Tüchtigen, alſo der ſoziale Aufſtieg, nur
erfauft werden kann durch eine Löſung des
Kindes vom Eliernhauſe, wird er ſehr teuer be-
zahlt. (E8 iſt ſehr ſelten, daß die ſo erworbene
„höhere“ Bildung, >der ſv erlangte „höhere“
Beruf einen Gewinn bringen, der das Opfer
bezahlt macht. Der Gewinn iſt fragwürdig
jowohl auf das „auſſteigende“ Individuum als
auf die Geſellſchaft geſehen, in der eine ſv raſche
Umjchichtung erfolgt, daß Kinder ihren Eltern
entfremden. (E38 gibt ſchlechterdings nicht8, was
dem Kinde -- ganz beſonder8 dem Mädchen --
die Zugehörigkeit zu Vater und Mutter erſeßen
könnte. Die Kinder werden daher notwendig
teilnehmen an dem wirtſchaftlichen Schickſal
ihrer Eltern. Dennoch ſoll uns alle die Lage der
Kinder in wirtſchaftlich bedrängten Cltern-
häujern beunruhigen. Armut und Entbehrung
brauchen einem Kinde nicht zu ſchaden, aber
Bitterkeit, Hoffnungsloſigkeit und Verzweiflung
vergiſten die Lebensluſt des Kindes. Und wie-
viele Kinder atmen dieſe Luft heute täglich! Das
jollte uns Erzieher antreiben zu nie ermüdendem
Bemühen um die Ordnung der Wirtſchaft. Unt
weiter müſſen alle, die ſich für die Jugend ver-
antwortlich wiſſen, mit größeſtem Ernſt mitzu-
wirken ſuchen an einer ſinnvollen Verteilunc
von Kinderbeihilfen, Erziehungs8geldern unr
Sculgelderlaſſen.
2. Wirtſchaftöunierricht. Man iſt ſich heutc
einig, daß unſere Juagend Belehrung über die

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.