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(E3 wird die Lehre von den zwei Welten, vom
Meſſias, von der Seelenwanderung, von den
32 Pſaden der Erkenntnis, von der Buchſtaben-
vertauſchung, -umſtellung und -deutung und
anderes mehr behandelt. -- Eine Reihe weiterer
Schriften N.3 ſind in ſeinem Streit mit den
Kölnern entſtanden. Jm Jahre 1510 war er
neben anderen Gelehrten vom Mainzer (Erz-
biſchof auf Veranlaſſung ves Kaijers zu einem
Gutachten über die Judenbücher auſgeſordert
worden. Der Spitalmeiſter in Köln, Johannes
Pfeſſerkorn, ein getaufter Jude, hatte nämlich
von Maximilian die Erlaubnis erwirkt, die
Bücher der Juden einzuziehen, um auf dieſe
Weiſe die Keizer zum Chriſtentum zu bekehren.
Der Kaijer hatte aber bald darauf do) Bedenken
und wollte erſt Sachverſtändige hören. R. war
Durchaus fein Freund der Juden, wie aus ſeiner
Schrift „Docter johanns Reuchlins tütſch miſſive,
warumb die Juden ſo lang im ellend ſind“ (1505)
Deutlich zu erjehen iſt, aber er war doc) gerecht
genug, um eine Duldung des jüdiſchen Glaubens
zu fordern. Nur ihre Schmachbücher, d. Hh.
die den chriſtlichen Glauben herabwürdigenden
Bücher, jollten vernichtet werden. Eine Be-
fehrung der Juden dürfe nur in ſreundlicher
Weije geſchehen. Da ſich Pfſeſſerkorn durch
dieſes Gutachten angegriſſen fühlte, fo ſchrieb
er dagegen den „Handſpiegel", in dem er R.
Unfenntnis der jüdiſchen Schriften und Ge-
bräuche und unzuläſſige Begünſtigung der
Juden entgegen ſeinen eigenen ſrüheren Auſ-
ſaſſungen vorwarf. Zur Verteidigung gegen
dieje Angrifſe ließ R. noch in demjelben Jahre
1511 ſeinen „Augenſpiegel" erſcheinen, in dem
er jein Gutachten erläuterte und zum Teil ab-
milderte und in dem er 34 Unwahrheiten in
Nſeſſerkorn8 Schriſt aufdecte. Der Streit er-
griff mum weitere Kreije. Für R. traten die
Humaniſten auf den Plan, da ſie die Freiheit
der Forjchung bedroht ſahen. An die Seite
Pſeſſerforn3 traten die Kölner Dominikaner,
vor allem der Keßzermeiſter Hochſtraten, der im
Jahre 1513 den Prozeß gegen R. eröffnete und
ſchließlich auch im Jahre 1520 eine päpſtliche
Verurteilung des Augenjpiegels erreichte. In
der Öſfentlichen Meinung ſtand aber R. doch
als Sieger da, denn erſtens waren eine ganze
Zeitlang für ihn günſtige Urteile ergangen und
zweitens hatten ſeine weiteren Schriften (1513
Defensio contra calumniatores = Verteidigung
gegen die Verleumder, 1514 Clarorum virorum
epistolae = an R. gerichtete Brieſe berühmter
Männer, die für ihn eintraten, und 1519 die
Fortjezung diejer Sammlung: Mustrium viro-
rum epistolae) und die feiner Freunde großen
Eindruck gemacht. Den Hauptſchlag hatten die
Humaniſten durch die von 1515 an herau3-
gegebenen, von Hutten und Crotus Rubianus
verſaßten Dunkelmännerbrieſe (KBpistolae ob-
Reuchlin -- Reyher

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Scurorum virorum) geführt. In dieſen er-
dichteten Brieſen von Mönchen an Ortuin
Gratiu3, das Haupt der Kölner, ſchilderten die
Gegner ſich ſelbſt als „tölpiſche, genußſüchtige,
von dummer Bewunderung und ſanatiſchem
Haß beſchränkte deutſche Pfaffen" (Nanke).
3. Seine Bedeutung. Man wird R. kaum
einen Borreſormator nennen können; denn
wenn er auch das Recht der freien Forſchung
entſchieden verteidigt hat, jo wollte er ſich doch
allezeit den Glaubenölehren der Kirche unter-
werfen. Den Weg ſeines Großneſſen Melanch-
thon, dex auf feine Veranlajjung nach Witten-
berg gegangen war, hat er nie gebilligt. Und
doch hat er durch ſeine Sprachſtudien, vor allem
Durch ſein Zurückgehen auf den hebräiſchen Ur-
text des Alten Teſtament8, der Reformation
einen großen Dienſt geleiſtet. R. war ein ſtiller,
emſiger Forſcher, der aber auch gern von feinen
Geiſteöſchäßen anderen mitteilte. Er hatte zwar
nur in ſeiner Jugend und in ſeinen lekten
Lebensjahren Gelegenheit zu öffentlicher Lehr-
tätigkeit, und doch hat er auch in der Zwiſchen-
zeit immer wieder wiſſensdurſtige Jünglinge
unentgeltlich unterrichtet. Er erſtrebte dabei
nicht nur eine Erweiterung der Kenntniſſe,
ſondern aud) eine ſittliche Reinigung und Ver-
edlung des Menſchen. Das zeigt ſich ganz be-
jonders in ſeinem Urteil über die Theologen.
Die Theologie ſei nicht leicht, jo betont er, denn
der menſchliche Geiſt könne ſie ſich nicht an-
eignen, wenn ihm nicht der göttliche innewohne.
Dieſe Erleuchtung müſſe aber auch darin zum
Ausdruck kommen, daß die Theologen nicht un-
wiſſenſchaftlich ſchwäßen und ſich nicht mit
Laſtern beſlec>en, ſondern ſich mit Tugenden
j den berühmten Gelehrten, der die Grundſteine
zu den hebräiſchen und griechiſchen Studien in
Deutſchland legte, ſondern auch den ſittenreinen
Menjchen, der von wahrer Humanität und zarter
Jnnerlichfeit beſeelt war.
Literatur. Ludwig Geiger: IJ. N. Sein Leben
und ſeine Werke (1871). = Derſelbe: J. N.3 Brieſ-
wechſel (1875). = Hug»v Holſtein: IJ. N.8 Komödien.
Ein Beitrag zur Geſchichte des lateiniſchen Schuldramas
(1888). -- Derſelbe: N.3 Gedichte, in der Zeitſchrift für
Literaturgeſchichte und vergleichende Renaiſſancelitera-
tur, N. F. 111, 1890. -- Zeitſchrift für Geſchichte des
Oberrheins, N. F. 37, 3 (1922), Feſtſchrift der Stadt
Pforzheim zum 400. Tode3tage IJ. N1.8; darin: Jakob
Wille:IJ.N. ; Johannes Fi>er: Da3 Bildnis R.3; Karl
Schottenloher: IJ. N. und das humaniſtiſche Buch»
weſen; Wilhelm Brambach: R.3 Vibliothek; Joſeph
Schledt: NR. und Johann von Lamberg, Allwohn.
Reue |. Sünde.
Reyher, Andrea3. 1. Lebensgang. R. wurde
1601 als Sohn eines Kauſmann5 in Heinrichs
bei Suhl im Thüringer Wald geboren. Nach Be-
ſuch der Lateinſchule ſeiner Vaterſtadt und des
Gymnaſiums zu Schleuſingen ſtudierte er von

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