210 Gebet | Gebrechliche
die äußerlichen Formen des Händeſfaltens und des Aufſhauens zum Himmel Bilder , an
denen das Kind die weſentlichen Eigenſchaften des Gebete3, die Sammlung des Gemüthes
und da3 gläubige Vertrauen ahnen lernen kann. Freilich muß hierzu in den ſpätern Jahren
dur< den Schulunterricht noch die nöthige Belehrung kommen, damit die Auffaſſung vom
. Gebete immer mehr und mehr vergeiſtigt werde. Dann iſt e8 aber auch ummngänglich nöthig,
daß das Kind eine Aeltern oder den Lehrer recht oft beten ſehe und höre; denn der Um-
gang mit Gott muß ebenſo durch Anſchauung gelernt werden, wie der Umgang mit Menſchen.
-- Da3 Vorbeten, das iſt das Beten vor und mit Anderen, 3. B. vor einer Schulclaſſe
oder einer Exrbaunngs8verſammlung (das gemeinſchaftliche Gebet zweier mit einander ſehr
vertrauten Perſonen, wie z. B. einer Mutter mit ihrem Kinde, iſt hier ausdrücelich aus-
zuſc Herzensgebet handelt, neben der nothwendigen Unbefangenheit auch noc< eine große Herr-
i die Worte fehlen, woſern das Herz uns beten heißt." Allein zu einem Vorbeten, das Andere
erbauen joll, macht die herzliche Gebet8ſtimmung allein, ſei ſie auch noch ſo wahr und innig,
noch feine8weg3 geſchidt. Hierzu kommt, daß die rechte Stimmung beim öffentlichen Auf=-
treten jehr leicht wieder verloren geht, und die größte Schwierigkeit iſt daher nicht, dem
Gebet3vortrage den Ansdruck der Wahrheit und Herzlichkeit zu geben, denn das kann ein
guter Shauſpieler auch, ſondern mit dem Borbeten auch das eigene Herzensgeſpräch mit
Gott zu verbinden. C3 ſind viele Gebete in Kirche und Schule nichts als reine Deela-
mationen. So lange der Vorbeter noc j Gott ganz allein zu fühlen, ſo lange betet er nicht, ſondern declamirt. Wer dies nicht zu-
giebt, denkt nicht hoch genug vom Gebete. Darum ſind namentlich die ohne Vorbereitung,
gleichſam au? Commando geſprochenen Gebete al8 ein Mißbrauch zu verwerfen. Es iſt weit
edler zu erflären; „I< kann jeht nicht beten!“ als jederzeit bereit zu jein, den gelernten
ſrommen Phrajen-Apparat mit Hände= und Augenerheben in Bewegung zu ſeßen. =- Hier-
nach iſt nun die Frage zu entſcheiden, ob in dex Schule ein Schüler oder der Lehrer vor-
beten jolle. Wenn es auch möglich iſt, den Zöglingen einen würdigen Vortrag anzueignen,
jo darf man ſich doch nicht in die Lage bringen, Gott dem Herrn Eiwas8 vorzuheucheln
und den Jrrthum feſtwurzeln laſſen, das Herſagen des Gebetes ſei ſchon wirklich Beten.
Ctwas Anderes iſt e8 mit dem Reeitiren, inſofern es nicht als Beten bezeichnet wird. Unter
dieſer Form und dieſem Namen mag man wohl ein Gebets8lied zur Andachtsübung von
Schülern vortragen laſſen. Möglich auch, daß dann bei dem einen oder dem anderen der
Zuhörer die Andacht ſich zum Gebete ſteigert. In Betreff der Literatur |. Schulgebet.
Gebreihſiche. Unter den Gebrechlichen verſteht man Menſchen, die mit irgend einer Ab-
normität de8 Körpers behaftet ſind. (Wenn hier und da von ſeeliſchen Gebrechen die Rede
iſt, jo meint man gemeiniglich ſittliche Verkommenheit, Sünde, Laſterhaftigkeit.) Man mat
allgemein die Wahrnehmung, daß die leiblich Gebrechlichen die geſunden Glieder der menſch-
lichen Geſellſchaft mit einem gewiſſen Mißtrauen anſehen, und daß e8 ganz beſonders ge-
jchiten Benehmens bedarf, um ihre rüchaltloje hingebende Freundſchaft zu erringen. Dies
muß auf den erſten Anbli> entſchieden Verwunderung erregen, da ja die Gebrechlichen gerade
mehr al8 Andere auf Freundſchaft und Beiſtand der Geſunden angewieſen und gleichfalls
mehr als alle Uebrigen berechtigt ſind, Zuvorfkommenheit und Dienſtbeſliſſenheit von Jenen
zu erwarten und zu fordern. Bei weiterem Nachforſchen wird man jedoch ſehr bald ent=-
decfen, daß Jolches Mißtrauen nur allzu ſehr begründet iſt in der unpaſſenden Behandlung,
welche ihnen in der menſchlichen Geſellſchaft vielfältig zu Theil wird. In zweifacher Weiſe
fönnen ſie, joſern fie überhaupt Zartgeſühl beſißen, verleßt werden, einmal durch eine, mit
indiscreter Aufdeckung ihrer Gebrechen verbundene vornehme Bemitleidung, das andere Mal
durc) ſpöttiſche Bemerkungen, die ihre Mängel zum Gegenſtande der Wißelei zu machen ſuchen.
Wer auſmerkjam beobachtet hat, wie Gebrechliche ihre Mängel mit Aufbietung aller Kunſt
vor der großen Welt zu verdecken ſuchen, der wird in dieſer Wahrnehmung den deutlichſten
Fingerzeig erblicken, wie ]honend zu Werke gegangen ſein will, wenn dieſe ohnehin Unglüc=
ſichen nicht noc< unglüclicher gemacht werden ſollen. In diejen allgemeinen Bemerkungen

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.