224 Gemeindeſchule | Gemeingeiſt und Gemeinſiun'/
jede Unterricht8disciplin vielmehr nach ihrem Werthe für einegallſeitige umd harmoniſche
Ausbidung des ganzen Menſchen bemrtheilen, ſo würde man gar bald von einer einſeitigen
Vorbildung ſür'8 Leben ſortſchreiten zu einer allſeitigen Verklärung des Lebens, und das
iſt die wichtigere Aufgabe der Schule, Beherzigen8werthe3 ſagt darüber Albert Nichter in
einem Aufjaße :: „Ueber Fortbildungsſchulen" (Cornelia, Band 14, Heft 3 u. 4).
Gemeindeſchule, |. Communalſchule. |
Gemeingeiſt und Gemeinſinn nennt man das bewußte Streben nach Gemeinſchaft
und die freiwillige Thätigkeit für dieſelbe, um das Wohl des Ganzen zu erhöhen, Uebel
aber gemeinſam nach Kräften zu beſeitigen und abzuwenden. Der Begriff Gemeinſinn drückt
mehr die Neigung für die Gemeinſchaft aus, während Gemeingeiſt vorwiegend die auf klarer
Erkenntniß beruhende Wirkſamkeit für das Allgemeine bezeichnet. Gemeingeiſt und Gemein-
jinn ſind erforderlich im häuslichen, bürgerlichen und religiöſen Leben. Daher denn auch
der Menjc<, da8 Bedürfniß fühlend, einen mächtigen Trieb für das Zuſammenleben und
Zuſammenwirken beſißt. „Vieles kann der Menſc< entbehren, nur den Menſchen nicht.“
Gleichwohl fommt oft auch das gerade Gegentheil von Gemeingeiſt vor, nämlich Selbſt-
genügjamkeit, Abſchließung8ſucht, eigennüßige Setbſtbeſchränktheit (Egoi8mus). Dieſe Miß-
bildungen am Menſchen ſind Erzeugniſſe faljcher Erziehung. Dem Egoi8mus entgegen iſt
num Anfgabe der Erziehung, in den Kindern den Gemeinſinn zu wecken und zu pflegen,
um dadurc< auf das ſpätere Leben vorzubereiten. In jeder Gemeinſchaft, wenn ſie von
Dauer ſein ſoll, muß es Gleichberechtigte und meiſtens auch Uebergeordnete geben. Den
Geboten der Uebergeordneten und den Geſehen, die ſich die Gemeinſchaft ſelbſt gegeben hat,
muß jeder Einzelne gehorchen, wenn das Ganze beſtehen ſoll. Die erſte und wichtigſte
Pflegeſtätte des Gemeinſinne8 iſt die Familie, und die Vorſtufe des Gemeinſinnes iſt der
Familienſinn. Der Familienſinn wird entwickelt: 1) indem das Kind die hingebende Sorge
und Treue der Aeltern für da8 Wohl der ganzen Familie ſieht und an ſich ſelbſt empfindet;
2) indem es angehalten wird, gehorſam und dienſtbereit für das Ganze auf die Befehle
der Aeltern zu achten; 3) indem es auch von den Geſchwiſtern manchen Beweis von Liebe
empfängt und hinwiederum denſelben gleiche thätige Liebe zu erweiſen hat. Conſequent hat
die häusliche Erziehung dem Ungehorſam, der Liebloſigkeit, Zaukſucht, dem Eigenſinn und
ECgoismus entgegenzuwirken. Alle Parteilichkeit hat die Aelternerziehung ſorgfältig zu ver-
meiden ; denn dadurch würde der Gemeinſinn bei Bevorzugten und Zurückgeſehten zugleich
geſchädigt, Das Kind darf nicht dur< übertriebene Zärtlichkeit und Fürſorge dazu veran-
laßt werden, daß es ſich über ſeinen Werth erhebt, Andere aber unter ihren Werth herab-
jeht; es darf auch nicht Liebloſigkeit und Kälte erfahren, weil e3 dadurch wohl genöthigt
wäre, jür ſich ſelbſt zu ſorgen, aber auch Niemandem in Liebe beiſtehen würde. Bei Ver-
hütung der Selbſtſucht muß man darauf achten, daß man damit nicht zu weit gehe, was
geſchehen würde, wollte man bei den Kindern das Streben nach eigenem Beſikße und die
Freude an demſelben bekämpfen. Denn das Haus ſoll auf das Leben vorbereiten; Communis8-
mus im Staate aber iſt eine unpraktiſche und gemeingefährliche Theorie. Neben dem Aeltern-
hauje iſt vor Allem auch der Kindergarten geeignet, Gemeinſinn zu wecken; ex iſt naments-
lich nothwendig für jolche Kinder, denen Geſchwiſter fehlen. Auch die Schule ſoll den Gemein-
ſinn und Gemeingeiſt pflegen. Die Schule iſt in ihren Verhältniſſen der Familie ähnlich ;
doh ijt der Kreis ein erweiterter, we8halb die eigenthümlichen Berechtigungen de3 Einzelnen
weniger al8 im Aelternhauſe berückſichtigt werden können ; auch ruht der Gemeingeiſt nicht
mehr auf der ſicheren Grundlage der Aeltern= und Geſchwiſterliebe. Die Schule wirkt für
den Gemeingeiſt, wenn die Kinder angehalten werden, ſich in Liebe zu vertragen, fich gegen-
jeitig zu achten, einander zu helfen, zuſammen zu arbeiten, ſich gemeinſchaftlich) zu freuen,
für einander Theilnahme zu bezeugen. Auch durch den Unterricht ſoll der Gemeinſinn ge-
wett und gepflegt werden, z. B. im Geſchicht3=, Religion8=, naturwiſſenſchaftlichen Unter-
richte u. j. w. Wenn aber Aeltern, Lehrer und Erzieher in beſter Weiſe zum Gemeinſinn
erziehen wollen, jo müſſen ſie nicht nur Parteilichkeit, Zwieſpalt und Egoi8mus8 in der Exr-
ziehung vermeiden, ſondern ſie müſſen auch ſelbſt lebendige Muſterbeiſpiele im uneigennüßigen
Wirken, frei von aller Liebloſigkeit , Unverträglichkeit und particulariſtiſcher Gefinnung ſein.
Ueber den Gemeingeiſt der Lehrer ſ. Conferenzen und Lehrercollegium.

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