122 Rechthaberei Redeibungen
mir angethanes Unrecht," Was3 ich indeß als mein Recht empfinde, braucht nicht wirk-
liches Recht zu jein ; ich kann mich darüber auch täuſchen, Aeltern und Kinder haben wechſel=
jeitige Rechte und Pflichten, ebenſo Lehrer und Schüler. Das Rechts8gefühl erwacht beim
Kinde ſehr früh. Auch das ſonſt artige und gute Kind ſchreit vor Unwillen , wenn män
ihm ſein Spielzeug, ſein Eſſen u. ſ. w. unbefugter Weiſe wegnimmt. Die Erzieher ſind
heilig verpflichtet, das Recht8gefühl der Kinder zu ſchonen, zu berückſichtigen und weiter
auszubilden. Die ärgſte Verleßung de8 NRechts8gefühle8, welche ein Lehrer begehen kann, iſt
Lieblinge , Goldſöhnhen zu haben, denen jede Unart ſtraflos ausgeht, wohl gar noch als
Heldenthat und guter Wiß ausgelegt wird. Viel ſeltener iſt der Fall, daß ein Lehrer einen
„Prügelknaben" braucht, auf welchen er im Zweifelfalle feine Wuth entladet. Das Recht8=
gefühl eines Schülers wird namentlich verleßt, wenn er ganz unſchuldig beſtraft wird. Der
ſittliche Unwille des ungerecht Angeklagten oder ſchon Beſtraften artet nur zu leicht in Troß
aus, welcher häufig zu ſtreng beurtheilt und beſtraft wird. Das irrende Recht8gefühl werde
in der janſteſten Weiſe zurechtgewieſen und geläutert. Selten wird aber das Rechts8gefühl
einer ganzen Claſſe irren: wenn in einem beſtimmten Falle der Lehrer dasfelbe gegen ſich
hat, iſt die überwiegende Wahrſcheinlichkeit, daß der Lehrer Unrecht hat. Derſelbe unter-
juche alſo den Fall noch einmal und prüfe ſich ſelbſt auf's Gewiſſenhafteſte. =- Gelegen=
heit, das Recht8gefühl zu ſtärken und zu verfeinern, bietet der Religion8unterricht, die Ge-
j einer Geſchichte Recht hat , intereſſiren ſchon fleine Kinder lebhaft. Natürlich darf die Be=
lehrung nicht durc< das entgegengeſehte Verhalten des Lehrer3 wieder todt gemacht werden.
Rechthaberei iſt die Sucht, immer Recht haben zu wollen. Die guten Beſtandtheile
dabei find einerjeit3 das Streben nach dem Rechte und dem Rechten, andererſeit3 die Scham
vor dem Unrecht. Das Tadeln8werthe daran iſt jedoch die Unwahrhaftigkeit, die Verdrehung
der Wahrheit, nur damit der Schein entſtehe, man habe Recht gehabt. Die Rechthaberei
der Geſchwiſter wider einander iſt oft die Sorge und Noth der Aeltern. Die Schule wird
weniger davon berührt. Doch kann bis8weilen die Rechthaberei der Jugend ſich dem Lehrer
gegenüber zeigen. Schüler, welche zu Hauſe Allerlei hören und auf ihr Wiſſen eingebildet
jind, mäkeln, um ſich vor fich ſelbſt und der Claſſe ein Anſehen zu geben, an den Worten
und Ausſagen des Lehrers, Lehterer vermeide zunächſt den Verdacht, als ob er ſich darüber
ärgere, gebe bereitwillig das Falſche / was er geſagt hat, zu , aber ſchlage alle Sophiſtik
jMmonungslo8 zu Boden. Das wird fich der Schüler ſchon merken. Der falſche Weg wäre
es, jede Einwendung von vornherein abzuſchneiden, weil das den Eifer des Schülers lähmt
und jeine Einbildung noh erhöht. Daß Rechthaberei ein Fehler ſei, hat die Religion8-
und Sittenlehre auseinanderzuſeßen. =- Kleinliche Rechthaberei der Lehrer wider einander
bleibe wenigſtens den Schülern verborgen.
Rector bezeichnet an einer höheren Schule, einem Gymnaſium, einer Realſchule, einer
höheren Bürgerſchule, einer größeren Stadtſchule den Vorſtand und erſten Lehrer de3 Colle=
giums, Es iſt ein Titel, für den auch „Director“ auftritt. „Rector“ iſt der mehr claſ=
fiſche, „Director“ der moderne Aus8druck, we8halb namentlich die Gymnaſien für die Spike
des Collegium8 den Namen „Rector“ feſthalten. Gleichwohl findet man im Gegenſaße dazu
im Preußiſchen Staate officiell den Gebrauch umgekehrt und die Spiße des Gymnaſial» vnd
Realſchul-Coſlegiums als „Director“, die des Volksſchul-Collegiums al8 „Rector“ bezeichnet.
Recitiren. Man verſteht darunter gewöhnlich nur das Aufſagen auswendig gelernter
Gedichte (geiſtlicher und weltlicher) und der VBibelſprüche. Es ſollte jedoch auch das Auf-
jagen auswendig gelernter Proſaſtücke in der Volksſchule fleißiger getrieben werden. Vgl.
darüber: „Auffäße“" und „NRedeübungen". Ueber die Art und Weiſe des „Recitirens“
vol. „Deelamation.“
Redeübungen. Daß die Schüler der deutſchen Volksſchule zu wenig reden lernen,
ihre Gedanken oft nicht in gehöriger Folge und fließend ausſprechen können, iſt ein ebenſo
vſt erhobener als gerechtfertigter Vorwurf. Es8 bedarf, dieſem Uebelſtande abzuhelfen,
durchaus nicht der Anſehung beſonderer Stunden im Lection8plane, etwa unter der Bezeich-
nung; „Uebungen im mündlichen Vortrage." Wohl aber bieten ſich ſonſt der Gelegen=-
heiten genug, einen zuſammenhängenden, fließenden Vortrag in gewiſſem Grade auch dem

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