"Sitte = - ZSittenlehre 218
hinreihenden Grad von Bändigung der roheſten Begehrungen, eine Verfeinerung der Ge-
- nüſſe und eine Beziehung der Strebungen auf feſte, werthvolle Zwecke. Jm engſten Sinne
ft Sitte das Verhältniß, in welchem das8 Thun und Laſſen der Menſchen zu den mora-
liſchen Anforderungen an dieſelben ſteht. Man muß daher wohl unterſcheiden Sittigkeit
dvder Sitktſamkeit und Sittlichkeit eines Menſchen. Sittſamkeit iſt nur auf die Beobachtung
jener beiden erſten, mehr äußeren Seiien des Begriffes „Sitte“ gerichtet, Sittlichkeit um-
faßt den inneren Theil desſelben. Für den Erzieher iſt jede der beiden Aeußerungen inne-
wohnender Sitte wichtig. Sittſamkeit gilt allgemein ebenſalls al8 eine Tugend, wenngleich
ihr Werth dem der umfaſſenderen Sittlichkeit entſchieden nachſteht. E3 iſt daher eine der
wichtigſten Pflichten des Erzieher8, ſeinen Zöglingen gute Sitten einzuimpfen. Dies ge-
ſchieht theil8 durch Gewöhnung und Beiſpiel, theil3 durch Belehrung. Wenn man hier
und da dem Mädchen ein lebhaftere3 Gefühl für Sitte und Anſtand zuſchreibt, ſo liegt
dies weniger in beſonderen natürlichen Anlagen dafür, als vielmehr in der, dem weiblichen
Geſchlechte eigenen Neigung zur Receptivität, nach welcher Gewöhnung, Beiſpiel und ſonſtige
äußere Einwirkungen einen günſtigeren Boden finden als beim Knaben, wie auch in dem
Gefühle perſönlicher Schwachheit, die eine möglichſt ſchmiegſame Anlehnung an das Be-
ſehende , Sanctionirte veranlaßt. Zufolge dieſer Vorausſezungen iſt die Erziehung des
Mädchens zur Sittſamkeit leichter als die des Knaben, (Weitere38 ſiehe in dem Artikel
Anſtand, Höflichkeit.) Zur Ausbildung de8 Menſchen zur Sittlichkeit gehört freilich
weit mehr al8 zur Anerziehung eines ſittſamen Weſens. Dieſe hängt mit der allgemeinen
- Durchbildung des ganzen Menſchen und der religiöſen Erziehung insbeſondere auf's Engſte
zuſammen. Gründliche Belehrung über das ſittliche Princip , welches ſich nicht nur, wie-
wohl hier in conſequenteſter Durchführung, durch die übrigen vollkommeneren Religionen hindurchzieht , Cinimpfnng eines darauf ruhenden un-
beſiegbaren Pflichtgefühle8, auch ſittliches Gewiſſen genannt, und lebendige Vorführung, ja
man darf wohl ſagen „JInſcenirung“ der Wechſelwirkung zwiſchen ſittlichem Leben und
wahrem Wohlergehen ſind treffliche Mittel, um Sittlichkeit in den Zöglingen zu begründen.
Cinſeitige Verſtandescultur und Skepticimus, nicht minder al8 auch auf der anderen Seite
Begünſtigung einer dunkeln Gefühlsſchwärmerei und Myſtik auf dem Gebiete des religiöſen
Leben8 tragen einen Haupttheil der Schuld , wenn in einem Volke die Sittenloſigkeit und
Unſittlichfeit zunimmt.
Siitenlehre. Kant ſtellt als Grundgeſeß der Sittenlehre den Saß auſ: Handle ſo,
daß die Maxime deines Willen8 jederzeit zugleih als Princip einer allgemeinen Geſeß-
gebung gelten könne. Die Bibel enthält dieſen Gedanken in der concreten Form : Was
ihr wollt, das euch die Leute thun ſollen, das thut ihr ihnen. Eine Handlung3weiſe aber,
die ihre Motive allzeit in dem Wohle der Anderen hat, ſekt die Unterdrückung des eigenen
natürlichen Wollens einerſeit3 und die Herrſchaft der Vernunſt anderſfeit38 voraus, und es
kann ſonach die Sittenlehre auch al8 die Lehre vom vernünftigen Handeln bezeichnet werden.
Die Hauptaufgabe der Erziehung iſt aber, den Zögling dahin zu führen, daß derſelbe in
ſeinem Thun nur den Geboten der Vernunft folgt. Das Mittel dazu iſt zwar zunächſt
die Zucht und die Gewöhnung an das Entſagen und Verzichten. Da aber der Zögling
ſich der Gründe ſeines Handelns bewußt werden muß, ſo iſt mit der Zucht auch der Unter-
richt und das Nachdenken über die Gebote der Vernunft zu verbinden. Somit iſt der
Unterricht in der Sittenlehre ein weſentliches Crforderniß der Erziehung. Ueber die Be=
handlung der Sittenlehre ſiehe: Möller, „Die heiligen zehn Gebote nach dem Katechis-
mus Luther*s"; Palmer, „Moral des Chriſtenthum3“", Stuttgart ; Ernſt Sartorius,
„Die Lehre von der heiligen Liebe“, Stuttgart, 1 Thlr. 10 Sgr. -- Das Hauptziel des
Unterrichtes in der Sittenlehre iſt , in den Schülern klare Begriffe von den Geboten der
Moral (ein fittliches Denken) zu erzeugen, und die Freude am Edlen, Wahren und Guten
zu erwecken. Dabei hüte man ſich ſorgfältig vor ſpißfindiger Caſuiſtik ; denn dieſe iſt wenig
geeignet , auf den Zuhörer erbaulich einzuwirken. == In neuerer Zeit hat ſich ein Streit
darüber entſponnen, ob der Unterricht in der Religion ohne Beeinträchtigung der Volks-
erziehung auf die Sittenlehre beſchränkt werden könne oder nicht. In dieſem Streite mag
wohl zugegeben werden, daß zur Menſchenerziehung die Unterweiſung in- ſämmtlichen Lehr»

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