292 Tugend WM HA
- „Män muß den Troß brechen", ſo lautete früher der Rath, den man dem Erzieher gab,
um den Troß zu heilen, und no obgleich ex etwas ganz Verkehrte8 anempfiehlt. Troß findet man nur bei ſtarken Naturen,
bei kräftig aufſtrebenden Geiſtern. Dieſe geiſtige Kraft muß der Erzieher ſchäßen und
hegen und auf die rechte Bahn lenken, keine8weges8 aber mit Gewalt zerſtören und damit
in Schwäche und Ohnmacht verwandeln. Das Vorſpiegeln des Rechten und Edeln, das
Hinwirken auf Erkenntniß des eingeſchlagenen falſchen Weges, das liebevoll ernſte Leiten
und Läutern des jugendlichen Willen8, das ſind die Mittel, durch welche der Erzieher, der
mit Weisheit und ſtrengſter Conſequenz handelt, den Troß heilt, nicht aber hartes Strafen
und tobende8 Dreinſtürmen. Es ſollte alſo heißen: „Man muß den Troß beugen, aber
nicht brechen.“ Dex ſo geheilte Troßkopf wird durchgängig ein braver, tüchtiger Charakter
werden, der gebrochene Troßkopf hingegen bleibt ein geiſtiger und ſittlicher Krüppel. (Weiteres
|. Gut8-Muth8, „Päd. Bibliothek“ Jahrgang 1800, Band 2 u. 3.)
Tugend iſt die mit Bewußtſein angenommene ſittliche Gewohnheit, oder, nach Kant,
die Stärke de8 Willen3 in Befolgung der Pflicht. Sollen die ſittlichen Gewohnheiten mit
Bewußtſein angenommen werden, und ſoll der Wille ſich mit Beharrlichkeit auf die Be-
jolgung der Pflicht richten, ſo muß der Zögling eine klare Erkenntniß der reinen Sitten-
lehre erhalten und an den edelſten Vorbildern der Tugend ſich erbauen und erfreuen lernen.
Dieſer Erziehungsarbeit hat aber die Zucht und Gewöhnung vorbereitend vorauszugehen,
denn je jünger der Zögling iſt, deſto mehr bedarf derſelbe zur Bekämpfung ſeiner ſinu-
lichen Neigungen der ſtrengen Ordnung und Regel des äußeren Geſeze8, und je ſtraffer
ex darin gehalten wurde, deſto leichter wird es ſpäter dem cigenen Willen, über die Lüſte
des natürlichen Menſchen zu herrſchen.
Türkei. Das Schulweſen ſteht im türkiſchen Reiche troß der in neueſter Zeit gemachten
gejeßgeberiſchen Anſtrengungen im Allgemeinen noch auf einer ziemlich tiefen Stufe. Neu
organiſirt wurde der öffentliche Unterricht in durchgreifender Weiſe zuerſt 1842 und dann
jpäter durch das Unterricht8geſeß von 1869. Das leßtere beſteht aus 198 Artikeln unt
theilt die Lehranſtalten in drei Kategorien ein: Niedere Elementarſchulen, höhere Elementar:
j tarjſchule beſiben und zwar bei gemiſchter Bevölkerung eine für die Mohamedaner und eint
für die übrige Bevölkerung. Der Schulbeſuch iſt obligatoriſch, jedoch nur für die Zei
von 4 Jahren, für Knaben bis zum 11. und für Mädchen bi8 zum 10. Lebensjahre
Cine höhere Elementarſchule iſt zu errichten, wenn die Stadt 500 Häuſer und mehr zählt.
Die Lehrgegenſtände der niederen Elementarſchulen ſind : Leſen, Schreiben, Rechnen, Religion
Erdbeſhreibung und Türkiſch. In der höheren Elementarſchule kommen noch dazu ; Türkiſche
perſiſche und arabiſche Sprachlehre, Buchführung, Geometrie, Geſchichte und eine Localſprache
und das Alles bei vierjährigem Curſus. Knaben und Mädchen ſind getrennt zu unter:
richten, die Mädchen von Lehrern höheren Alters, bis Lehrerinnen in ausreichender Zah
vorhanden find. Die Vorbereitungsſchulen, Mohamedanern und anderen Religion3genoſſe!
gleich zugänglich, ſollen in einem dreijährigen Curſus franzöſiſche Sprache, politiſche Deko:
nomie und Naturgeſchichte lehren. Die Noxmalſchulen (Lehrerbildungsanſtalten) werde!
neben den höheren Schulen für Kunſt und Wiſſenſchaften und der Univerſität zu Conſtan
tinopel mit zur höchſten Claſſe der Unterricht8anſtalten gezählt. Zur Aufnahme in's Semina
wird nur der Bildungs8grad erfordert, den die niederen Bildungsanſtalten gewähren. Zu
Heranbildung von Lehrerinnen ſollen ebenſo wie für den Lehrer Normalſchulen errichte
werden. Die erſte Lehrerbildungsanſtalt wurde Ende 1868 in Galata-Serai eröffnet. Di
Anſtalt iſt nach franzöſiſchem Muſter eingerichtet und e8 ſind in ihr alle Nationalitäte
und Glauben8genoſſenſchaften vertreten, ſie iſt alſo conſeſſion8108. Die oberſte Leitung de:
geſammten Schulweſens iſt in die Hände eines Unterricht3rathes gelegt, welcher ſeine
Siß in der Hauptſtadt des Reiches hat. Zur Leitung des Schulweſens in den einzelnei
Bezirken find Bezirksjchulcommiſſionen eingeſeßt.
Turnen, Ein Bli auf den heutigen Stand des Turnens erinnert unwillkürlich ai
da8 Wort Jahn'8 : „Da3 Turnen, aus kleiner Quelle entſprungen, rollt jeht als freudige
Strom durch Deutſchlands Gauen“; wie beſcheiden aber der Anfang des8ſelben war, erhell

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