288 Vermögen Vernunft
nimmt ſich vor, ein andermal mehr Muth zu faſſen, vergeblich aber überlegt er bei der
nächſten Gelegenheit zum Voraus, wie er ſich benehmen will, es fällt gewöhnlich Alles
ganz anders aus, als er ſich's gedacht hatte, und ſeine Verlegenheit wird nur um ſo größer."
Au3 obiger Schilderung ergiebt ſich deutlich, wie hinderlich die Verlegenheit werden kann.
Manche gute Meinung bleibt ungeäußert, mancher trefflihe Rath ungehört, manches Gute
ungethan bloß aus Schüchternheit. Mancher yö<ſt ehrenwerthe Menſ mancher um ſein gutes Fortkommen betrogen, manche wohlverdiente Anerkennung bleibt
verjagt, manches Lebensglück wird getrübt, wohl gar in Leid verkehrt. Ja, ſelbſt Schwer-
muth und Trübſinn, Menſchenhaß und innere Verbitterung können dieſer Shwäce folgen,
und Mancher ſchon hat ſich mit weltverachtenden Gefühlen im Herzen der Welt entzogen
und iſt zum Cinſiedler geworden aus Verlegenheit und Schüchternheit. E3 iſt daher des
Erziehers Pflicht, den Zögling vor dieſer Schwäche zu bewahren. Schüchternheit iſt eine
Frucht mangelnden Selbſtgefühles und mangelnden Vertrauens zu den Menſchen oder die
Folge gänzlicher Unbefanntſ endlich die Ausgeburt einer faljchen Anſicht über die eigene Stellung in dem Kreiſe der
menſchlichen Geſellſchaft. Man bringe daher dem Kinde ſchon frühe durch gründliche Bil-
dung ſeines Geiſtes das Mittel bei, durch welches das rechte Selbſtgefühl erreicht wird, man
gebe ihm zeitig Gelegenheit, ſeine Kräfte zu erproben , man führe e8, nachdem e8 zuvox
mit den nöthigen Berhaltungsregeln bekannt gemacht worden iſt, ſchon in der Jugend ein
in die Kreiſe der Erwachſenen und ſolcher Perſonen, die nicht zu ſeiner alltäglichen Um-
gebung gehören, man vernachläſſige bei der Erziehung auch die Aneignung leibliher Ge-
wandtheit nicht und endlich ſorge man dafür , daß das Kind bei aller Ehrerbietung und
Demuth, die es dem Alter und Hochgeſtellten gegenüber beobachten muß, nicht zum feigen
Knechte werde, der in friechender Unterwürfigkeit ſeine Menſchenwürde vergißt und ſofort
von ſklaviſcher Furcht befallen wird, wenn er ſich nicht gerade unter ſeines Gleichen be-
findet. Allzu ſtrenge Erziehung, Terrori3mus, ſowie Abſchließung von der Welt in pedantiſch
geleiteten Internaten leiſten dex Verlegenheit und Schüchternheit Vorſchub. Einmal vor-
händener Hang zu dieſer Schwäche iſt ſchwer und nur mit-Anfwand vieler Liebe und Ge-
duld durc< jahrelange, ſichere Leitung zu heilen. Oft aber verläßt den Schüchternen ſein
Vebel auch nie wieder.
Vermögen im pſychologiſchen Sinne iſt „ewiger Grund“ von Etwas, allgemeine Mög-
lichkeit zu Etwas, im Gegenſaße zur „Thätigkeit“, dem zeitlichen Grunde von Eiwas, und
zur Kraft (== Größe der Thätigkeit). Das Eine Geſammtvermögen des Geiſtes gliedert ſich
in eine reiche Mannigfaltigkeit einzelner Vermögen , zunächſt in die drei Grundvermögen :
Erkenntniß=, Gefühls=, Willen8vermögen. E3 iſt ebenſo unrichtig, nach der Weiſe der
Wolf jhen Schule die Vermögen zu perſonificiren und völlig iſolirt von einander zu be-
handeln, als mit Herbart die Mehrheit der Vermögen einfach zu leugnen, obwohl derſelbe
doch wieder auf den Grundgegenſaß der Vorſtellungen und Strebungen (alſo Exkenntniß-
- und Willensövermögen) zurü> kommt. In gewiſſer Hinſicht und bis zu einer gewiſſen
Grenze ſind die Vermögen aller Menſchen einander gleich, in anderer Hinſicht aber ſind
ſie unendlich verſchieden (vgl. Angeboren, Anlage, Talent, Genie). Wie groß das
Vermögen eines Menſchen überhaupt oder in einer beſtimmten Hinſicht ſei, läßt ſich nur aus
der Erſahrung, aus der wirklichen Leiſtung erkennen. Der Erzieher aber verzweifle an
Keinem, auch an dem Schwächſten nicht: Ginige8 kann er bei ſorgfältiger Erziehung doeh
Jeilten,
Bernunſft iſt ein Wort von ſc bezeichnet es jedenfalls das Höhere ; doch wird die Vernunft einmal auf die Erkenntniß
beſchränkt, das andere Mal auf den ganzen Geiſt (Gefühl und Wille mit) aus8gedehnt.
So redet Kant von praktiſcher Vernunft (== ſittlicher Wille, vernunftgemäßes Handeln). Als
höchjtes Erkenntnißvermögen beſchäftigt ſich die Vernunft mit den Ideen, dem Ewigen, dem
Allgemeinen, dem Unbedingten, dem Unendlichen, dem Göttlichen. Auch Gefühl und Wille
(j. d.) können auf einer entſprechend hohen Stufe, der Stufe der Vernunft (oder Ver-
nünftigkeit) ſtehen, im Gegenſaße zu den niederen Stufen der Sinnlichkeit und des Ver-
ſtandes, = Zur Vernunft im umfaſſenden Sinne (oder zur Vernünftigkeit) zu erziehen,

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