| Verſagen | | Verſebharkeit 289
iſt eine der Hanpkauſgaben der Erziehung. - Zu dieſem Zweeke muß die Sinnlichkeit de8
fleinen Kindes von Geburt an geleitet (dis8ciplinirt) werden (ſ. Begierde, Trieb). Die
berechtigten Forderungen der Sinnlichkeit ſind anzuerkennen und zu befriedigen, wenn die-
jelben nicht übermäßig und damit grundverderblich werden ſollen. Durch frühe Gewöhnung
iſt das Kind ihm ſelbſt unbewußt, inſtinctiv, auf das Vernünftige hinzuweiſen. Eine ein-
' Jeitige Richtung der Erziehung auf ven Verſtand iſt nicht nur dem Zwecke der Erziehung,
jondern auch der kindlichen Natur zuwider. Ein vorzeitig und vorwiegend verſtändiges, ein
„Mtluges* Kind macht ſtet8 den Eindru> des Unnatürlichen. Die Ausbildung des Ver-
. ſtandes hat im Dienſte der Vernunft, der höchſten Ideen vor ſich zu gehen. =“ Unter
„reiner Vernunft" verſteht man die nicht ſinnliche Erkenntniß oder das Denken, abgeſehen
von aller individuellen oder ſinnlichen (innerlichen wie äußerlichen) Erfahrung, vgl. Kant's
Kritik der reinen Vernunft. Das Ganze der reinen Vernunfterkenntniß (ſ. Wiſſenſchaft) iſt
die Philoſophie, zu welcher eigentlich die Mathematik als ein beſonderer Theil gehört. Der
Aunsdruck „reine Vernunſt“ iſt übrigens nicht ſo zu verſtehen, als ob ein Men;<, welcher
gar keine ſinnliche Erfahrung gemacht hätte, würde Philoſophie treiben können, Eine ge=
wiſſe Erfahrung muß als Anregung zum Denken vorangegangen ſein, aber das Allgemeine,
das Geſeß, das Ewige, die Idee findet ſich in der Erfahrung als ſolcher nicht, Im Ein-
zelnen muß mittel3 „ſinniger“ Betrachtung das Allgemeine, im individuellen Falle das ewige
Geſez erkannt werden. Gegenwärtig iſt das Modevorurtheil wider die Philoſophie auch
unter der Lehrerſchaft weit verbreitet. Eine gewiſſe philoſophiſche Bildung iſt dem ächten
Erzieher ganz unerläßiich. Die Orthodoxie freilich hält die menſchliche Vernunft für gänz-
lic) verderbt und zum Ergreifen des Göttlichen völlig unfähig, ja der göttlichen Offen-
barung feindlich. Das dauernde Niederhalten der widerſtrebenden Vernunft iſt das traurige
„Zdeal einer vernunftwidrigen Orthodoxie, eines ſinnenfeindlichen Pietimus. Dem gegen-
über muß die Vernunft al8 die höchſte Gotte8gabe, al8 das Organ, die ewige und zeit-
liche (oder die allgemeine und beſondere) Offenbarung aufzunehmen, betont werden. Im
Neligionöunterrichte hat die Volksſchule die trefflichſie Gelegenheit zu wahrer Vernunftbildung.
Die Lehrerſchaſt aber bedarf, um dieſer Anforderung zu genügen, philoſophiſch-pädagogiſcher
Seminare, wie ſie von Fichte dem Sohn, H. v. Leonhardi, Ahrens (Leipzig) angeregt und
zum Theil in Ausführung begriffen ſind.
Verſagen, ſ|. Gewähren und Verſagen.
Verſäumnißtabelle, |. Abſentenliſte.
Verſehbarkeit der Lehrer. Daß ein definitiv angeſtellter Lehrer mit ſeiner Einwilligung
auf eine gleich oder beſſer dotirte Stelle jederzeit verſeßt werden kann, unterliegt wohl
nirgend8 einem Zweiſel ; ob die Verſezung aber auch gegen ſeinen Willen vorgenommen
werden kann, darüber giebt e8 verſchiedene Anſichten und Beſtimmungen. Am Freieſten
können ſich hierin die preußiſchen Schulbehörden bewegen, da dieſen lediglich da3 „Intereſſe
des Dienſtes“ maßgebend iſt und ein Lehrer auch dann gegen ſeinen Willen verſeßt werden
kann , wenn er ſein Amt vorwurſs8frei verwaltet und durch ſeine Leiſtungen die Gemeinde -
und die vorgejeßzte Behörde befriedigt hat; doch wird hierbei vorausgeſeßt, daß die zu
diejer Maßregel berechtigte Aufſichtöbehörde auch zur unmittelbaren Beſehung der betreffenden
Stelle beſugt iſt. In Baden kann eine Verſezung gegen den Willen des Lehrer3 nur dann
ſtattfinden, wenn dex Sculpatron, der Sculvorſtand und der Gemeinderath darüber ge-
hört worden iſt. In Sachſen enthält das Schulgeſeh nur die Beſtimmung, daß derjenige
Lehrer, welcher die Verſehung auf eine einträglichere Stelle ohne hinreichenden Grund ab=
lehnt, feinen Anſpruch auf Dienſtalter8zulage machen kann. =- Eine Verſehung im Dis-
ciplinarwege (Strafverjehung), meiſt auf eine Stelle mit geringerem Gehalte, iſt in letzterem
Lande nur dann ſtatthaft, wenn ein Lehrer zur Verwaltung eines ihm übertragenen größeren
Dienſtes für untüchtig erklärt wird, nicht aber für die Uebernahme eines kleineren. In
Baden , Braunſchweig u. A. kann die Straſverſezung an Stelle des Beſſerung3verſuches
angewendet werden (bei Unverträglichkeit mit den Collegen, Ungehorſam, unſittlichem Leben8=
wandel), do nicht über */10 betragen. == Eine ſolche Verſezung im Disciplinarwege erſcheint vom
Handwörterbuch f. d. Volks8ſchullehrer. 2. Bd. 19

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.