296 Volksſchule Volksſchulgarten
uns mit der Vorausſekung zu tröſten, „daß man dem alten Stile Sonderbarkeiten, Härten,
Ungenauigkeiten , halbe Ausdrüke , grammatiſche Rohheiten u. dergl. nachſehen müſſe, die
ungebildete Zeit habe es nun einmal nicht beſſer gekonnt, zumal die Dichter des Volkes.“
Wir nehmen Anſtoß oder leſen gleichgiltig fort, wo ungeahnte Schönheiten verborgen liegen.
Zum Glück iſt gerade für das Verſtändniß de8 Volksliedes in der neueſten Zeit außer-
ordentlich viel gethan worden. Es ſei nur erinnert an Uhland'8 treffliche Unterſuchungen
in ſeinen nachgelaſſenen Schriften (Band 3 und 4), an Hildebrand's „Hundert hiſtoriſche
Volkslieder", an Erk?s Liederhort und an Liliencron'3 vierbändige Sammlung hiſtoriſcher
BVolkslieder ; endlich an das dem Volks8ſchullehrer am Leichteſten zugängliche „Handbüchlein
für Freunde des Volksliede8“ von Vilmar , ein Muſter populärer Erklärungsweiſe. Auf
dieſes billige Buch verweiſend, dürfen wir Weiteres dem eigenen Urtheile der Lehrer über-
laſſen.
Volksſchule. Die Volksſchule iſt das unterſte Glied aller öffentlichen Unterricht3an-
falten und drückt ſchon durch ihren Namen aus, daß ſie eine Bildung gewähren will, wie
jie dem Volke, d. h. der weitaus größten Mehrzahl der Bewohner eines Staates unter
allen Verhältniſſen nöthig iſt. Sie ſteht inſofern im Gegenſaße zu den Berufsſchulen, als
ſie bei der Auswahl ihrer Gegenſtände keine Rückſicht auf den künftigen Beruf, am Wenigſten
auf einen ganz beſtimmten, nimmt, und zu den Gelehrtenſchulen, al8 ſie bei Auswahl und
Behandlungsweiſe ihre8 Stoffes nur nach elementaren Grundſäßen verfährt. Als Lehr-
objecte der Volksſchule gelten Religion, Sprache, Geſchichte, die Elemente der Mathematik
und der Naturwiſſenſchaften, Zeichnen, Singen ; höchſt wünſchen8werth, aber no< nicht all=
gemein eingeführt iſt das Turnen. Von der Höhe des Zieles, d. h. von dem Umfange
des zu verarbeitenden Stoffes hängt die Eintheilung in niedere, mittlere und höhere Volls8-
ſchule ab. Man hat in neuerer Zeit auch mehrfach die allgemeine Volksſc ſtrebende8 Jdeal hingeſtellt, d. h. die Einrichtung, daß alle Kinder eines Staates ohne
Rückſicht auf Stand, Fähigkeiten u. f. w. die Volksſchule beſuchen müſſen und erſt nach
Abjolvirung der geſeßlichen Schulzeit in eine höhere Unterricht8anſtalt eintreten dürfen.
Praktiſche Verſuche ſind jedoH damit no Volksſc Tagespreſſe werden immer mehr Stimmen laut, daß es im höchſten Grade wünſchenswerth
ſei, mit jeder Volksſchule einen Schulgarten zu verbinden. Beſonders in Oeſterreich intereſſirt
man ſich ſehr lebhaft für dieſe gewiß ſehr beachtenswerthe Idee. Einzelne Schulgemeinden
daſelbſt haben denn auch bereits mit der praktiſchen Ausführung derſelben einen Anfang
gemacht. Jn ausführlicher Weiſe hat Director Dr. Schwab ſich über den Zwe und die
Cinrichtung des Volksſchulgarten8 ausgeſpro darüber entnehmen wir Folgendes. Der Schulgarten in der Stadt und auf dem Londe
hat die Aufgabe, das in den Naturwiſſenſchaften und ſpeciell in der Naturgeſchichte ent-
haltene unterrichtende und erziehende Element zu Zwecken der allgemeinen Volksbildung zu
verwerthen. Man hat drei verſchiedene Arten des Volksſchulgartens zu unterſcheiden.
1) Der Landſchulgarten hat die Geſtalt eines in geraden Linien und möglichſt einfac ge-
haltenen Hausgartens, in welchem der Boden möglichſt für landwirthſchaftlihe Zwecke aus-
genußt wird. Seine Beſtandtheile ſind: ein landwirthſchaftliches Verſuchsfeld, ein Gemüſe-
gärten, ein Obſtgarten und eine Baumſchule. In einem großen Garten können auch
Vienenſtöke aufgeſtellt werden. Der Sommer = Turnplaß hat den ſchönſten zwe>mäßigſten
Raum neben dem Garten. 2) Der Sculgarten einer größeren Stadt wird in ſchön ge-
jI modernen Ziergarten. Die eigentlichen Objecte der Vorſchule entfallen hier : Verſuchsfeld,
Gemüſegarten , Baumſchule und Bienenſtand. Dagegen werden den Kindern zum Zwetke
des Anſchauungsunterrichtes die wichtigeren ökonomiſchen und Handelspflanzen vorgeführt,
dann alle Nubhölzer, d. h, die einheimiſchen Bäume (ca. 30) und die wichtigeren wilden
Sträucher. Mit dem Garten iſt ein geräumiger, luftiger, von Bäumen beſchatteter Spiel-,
Tummel= und Sommer-Turnplaß in organiſche Verbindung zu bringen. 3) Der Schul-
garten der fleinen Stadt hält die Mitte zwiſchen den beiden genannten Arten von Gärten,
das Grabeland (kleines Verſuchsfeld, Gemüſegärtchen, Baumſchule) kann jedoch in geraden

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