830 Mutter | - Mutterſpradje
Römer in der älteſten Zeit, und es iſt daher mancherlei aus ihrer Erziehungsweiſe für
dieſen Zwe zur Nachahmung zu empfehlen,
Mutter. Zu allen Zeiten yt anerfannt worden, daß der Einfluß der Mutter auf
die Erziehung des Kinde8 ein großer und beſonders in den erſten Lebensjahren ein viel
bedeutenderer iſt als der des Bater8, S ſichtbare Fäden zwijhen Mutter und Kind gezogen. Und weil das Kind auf das Innigſte
mit der Mutter verwandt, ja ein Theil ihres Weſens iſt, ſo kann eben Niemand ein-
dringender und bleibender auf dasſelbe einwirken,. als die Mutter. Gleim ruft darum den
Müttern zu : „Was du biſt, o du, die du den heiligen Mutternamen führſt, das wird
einſt mehr oder weniger dein Kind Jein. Iſt dein inneres Weſen häßlich, roh, gemein
und ſchlecht, walten in dir unerlaubte Neigungen, heftige, zerſtörende Leidenſchaften, ſo
wird dein Kind bald dich überraſchen durch die unverkennbaren Züge deiner Jhheit. Biſt
du hingegen zart, rein, hochherzig und edel, iſt in dir Friede, Heiterkeit und Freude und
in der Seele unabläſſiges Trachten nach dem Ewigen und Göttlichen : freue dich, du wirſt
an der Schöne und Lieblichkeit deines Kindes dich erquiden! Wahrlich, das ausgeſpro-
Wichtigkeit, daß, wenn es recht lebendig gefühlt und begriſſen würde, jede Mutter zittern
und zagen müßte vor der Verantwortlichkeit, die fie hat, Menſchenbildnerin zu ſein.“ Die
Geſchichte beſtätigt das Geſagte. Viele bedeutende Männer verdankten die Erweckung ihres
Genies und ihre ſittliche Bildung dem Einfluſſe ver erſten mütterlichen Erziehung. Aus
der Römerzeit herüber glänzen die Namen: Cornelia, die Mutter der beiden Graccen,
Aurelia und Cäjar, Atia und Anguſtus8, und aus dem und Cryſoſtomus, Nonna und Gregor von Nazianz, Monika und Auguſtus. Aus der
neueren Zeit ſei nur erinnert an Goethe, der der Mutter die ſchöpferiſche Phantaſie ver-
dankte, an Schiller, der nie den Eindruck vergeſſen hat, den die Erzählungen jeiner tieſ-
empfindenden Mutter in ſeinem Herzen zurückgelaſſen hatte, an Hegel, deſſen Mutter zwar
eine Bäuerin war, aber doch alles Mögliche that, um ihrem geliebten Sohne eine beſſere
als gewöhnliche Erziehung zu geben, an Jame3 Watt, der von ſeiner Mutter ſejen lernie,
an Kant, Blumenbach, Steffen8 , Jean Paul u. |. w. So ſehr auch die Mutterliebe in-
ſtinktartig meiſt das Richtige trifft, ſo birgt dieſelbe doch auch die Gefahr in ſich, in
Schwäche und allzu große Nachſicht gegenüber den Fehlern und Unarten der Kinder, wie
auch in Eitelkeit auf wirkliche oder eingebildete Vorzüge der Kinder, auszuarten (jf. Affen=-
liebe). Oftmals wird auch die Lebensſtellung der Mutter zu einem Hinderniſſe der rechten
Kindererziehung. So muß die Mutter aus niederem Stande oſt um de3 Broterwerbes
willen das Kind ſich ſelbſt oder fremden Händen überlaſſen (f. Kinderbeſ anſtalten und Kindergärten), und die Mutter der mittleren nnd höheren Stände
muß manche Stunde der Kindererziehung entziehen und auf Erfüllung ihrer Pflichten als
Gattin, Hausfrau und Freundin verwenden. Vielen Müttern ſehlt al3dann auch ein
deutliches Bewußtſein der Größe und Würde ihres Berufes und ein klare8 Erkennen des
Zweckes aller Erziehung und die nöthige Conſequenz, um ſich nicht heute mit überwal-
lendem Gefühle an den Hals des Kindes zu werfen und es unter tauſend Thränen zu
füſſen, und morgen 28 ſchroff und fremd, nach Laune und Willkür zu behandeln.
Mutterſprache. Al3 man anfing, in der Volksſchule dem Unterrichte in der Mutter-
ſprache mehr Aufmerkſamkeit zuzuwenden, als es früher durch den alleinigen Unterricht im
Leſen und Schreiben geſchehen war, verfiel mon bald in das enigegengejehte Extrem,
indem man der Bekanntſchaft mit grammatiſchen Begriſſen zu großen Werth beimaß und
auf den Schultern des Sprachſorjcher3 Becker ſtehend, die Schüler mehr zu befähigen
Juchte, über die Sprache zu denken und zu ſprechen, als in der Sprache. Der Unterricht
löſte ſich (vgl. Wurſt's „Sprachdenklehre“ und ähnliche Bücher) oft in eine Beſchäftigung
mit logiſchen Begriffen auf und hielt ſich von dem ſachlichen Inhalte der Mutterſprache
meiſt möglich fern. Wie großen Einfluß nun auch Jakob Grimm auf die deutſche Sprach-
forſ Leiſtungen noc< wenig zu Gute gekommen, wenngleich) iman bereits die Vertreter der
Grimm'ſchen Nichtung in der Volksjchule als Urſachen einer ungenügenden oder ungeſunden

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