Mutterſprache - „Nächgeben 32
Volksentwickelung bezeichnet hat. (Frie, „Pädagogiſche Feldzüge. “) Und doch wird eine
geſunde, den Principien der neueren Pädagogik ebenſo ſehr wie den Bedürfniſſen. des
"Volkes entſprechende Weiterentwickelung des Unterrichtes in der Mutterſprache nur auf
dem Grunde der Reſultate ver Forſchungen Grimm's und ſeiner Nachſolger erfolgen
fönne, womit noch keine8wegs geſagt iſt, daß Alle3, was Grimm und ſeine Nachfolger
gelehrt haben, in die Volksſchute gehöre. Am Beſten wird die Nothwendigkeit, daß auch
in der Volksſchule die Ergebniſſe der hiſtoriſchen Sprachforſ dürfen, erfannt aus der Auſgabe, die dem Unterrichte in der Mutterſprache zugewieſen
werden muß. Es8 beſchränkt ſich aber dieſe Aufgabe nicht darauſ, daß der Schüler eine
zu praktiſcher Verwendung befähigende Kenntniß ſeiner Mutterſprache erlange, ſondern der
Schüler ſoll zu ſeiner Mutterſprache und den in ihr niedergelegten Geiſte3erzeugniſſen in
ein Verhältniß treten , bei dem auch ſein Gemüth betheiligt iſt. Wenn der Unterricht in
der Mutterſprache ein ſolches Verhältniß nicht erzeugt hat, ſo ſehlt ein weſentlicher Theil
des von ihm zu erwartenden Erfolges. Gerade auf dieſen Theil aber kommt ſehr viel an,
und wenn er geſichert iſt, jo iſt auch das im ſpäteren Leben erfolgende Fortlernen ge
ſichert; dann erſt iſt der Unterricht zum Leben in eine Beziehung getreten, die eine gegen=-
ſeitige Einflußnahme beider auf einander möglich macht. Um jolchen Erfolg des Unter-
richtes in der Mutterſprache zu ſichern, iſt von neueren Schriftſtellern, am CEingehendſten
von Albert Richter, eine größere Berückſihtigung der Etymologie und der heimathlichen
Mundart im Unterichte anempfohlen worden und es unterliegt keinem Zweiſel, daß dieſer
Vorſchlag zwekentſprechend iſt. Nur fehlt es behufs der Ausführung des8ſelben an ent=
ſprechend eingerichteten Lehrbüchern und an entſprechend vorgebildeten Lehrern. Auf dieſen
Gebieten werden vor allen Dingen die Fortſchritte erfolgen müſſen. Dann werden auch
die jeht ſo häufig erörterten Fragen, wie viel Grammatik in der Volksſchule zu treiben
oder ob ſie ganz zu beſeitigen ſei, ob der Analyſe oder Syntheſe beim Sprachunterrichte
der Vorzug gebühre u. |. w. auf ihren wahren Werth zurückgeführt werden. Man wird
ſich in der Beantwortung ſolcher Fragen von jedem Extrem gleich weit entfernt halten
und auch hier die Mittelſtraße als die richtigſte und heilſamſte anerkennen, man wird die
Bekanntſchaſt mit dem Jnhalte der Sprache für ebenſo nöthig erachten , wie die Kenntniß
der Formen, in denen dieſer Jnhalt erſcheint, ja man wird dieſen Formen ein erhöhtes
Zntereſſe des Schülers zuwenden können, wenn man ſie nicht als etwa8 Willfürliches und
Zufälliges, ſondern al8 etwas Nothwendiges und Berechtigtes erſchemen läßt. Cin rechtes
Verſtändniß ſeiner Mutterſprac<ße und ein gemüthliches Intereſſe an derſelben kann man
bei einem Schüler namentlich auch nur dann vorausſeßen, wenn ihm nicht die Meinung
beigebracht worden iſt, daß ſeine eigentlichſte Mutterſprache, ſeine heimathliche Mundart, etwas
Falſche3 und Unberechtigtes ſei, das dem Nichtigen der Schriſtſprac wenn der do< ſonſt überall anerkannte Grundſaß der Anſchaulichkeit des Unterrichtes in
dem deutſchen Sprachunterrichte irgend eine Bedeutung haben ſoll, ſo kann es nur die
ſein, daß auch die Volksſchule, ſo weit e8 ihr möglich auf die Ctymologie eingehend, den
ſinnlichen Hintergrund aufzeigt, den alle Worte und Reden3arten der Sprache haben.
Eine folc zwei Schriften geeignet, auf die wir hier verweiſen müſſen, und die das hier Geſagte
mit reichen Beiſpielen belegen ; Albert Richter, „Der Unterricht in der Mutterſprache“,
Leipzig 1872, und Prof. Hildebrand, „Ueber den deutſchen Sprachunterricht“, Leipzig
1867. Als Lehrbücher möchten vorzugs8weiſe zu empfehlen ſein : Paniß, „Leitſaden für den
grammatiſchen Unterricht“, und Engelien, „Sc Lehrer3 : „Engeliens Grammatik der neuhochdeutſchen Sprache.“ Bezüglich der Uebungen
in der Mutterſprache ſind die betreffenden Artikel (Aufſaß , Dietiren , Leſen, Leſebuch,
Screiben, Recitiren, Declamation, Orthographie, Mundart 2e.) zu vergleichen. |
R.
Nachgeben» Nachgeben im eigentlichſten Sinne des Wortes, d. h. von ſeinen For-
derungen und Beſtimmungen auf Drängen der Kinder entweder ganz oder zum Theil ab-

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