Weltgeſchihte Weltkunde 313
dem rein praktiſchen Grunde , weil zu weitergehendem Geſchichtäunterrichte der Volks8ſchule
kaum die Zeit verbleibt, wenn ſie die vaterländiſche Geſchichte niht zu kurz kommen laſſen
will, wenn ſie von dieſer ein lebendiges und anſchauliches Bild geben will, deſſen einzelne
Gruppen durch ein reiches , namentlich culturgeſchichtliches Detail dem Intereſſe und. dem.
Verſtändniſſe der Schüler entgegenkommen und ſo im Stande ſind, einen Bli in das
geiſtige Leben des Volkes während der Jahrhunderte zu thun. Daß dabei eine Rüdſicht-
nahme auf außerdeutſche Völker nicht ganz ausgeſchloſſen ſein kann, verſteht ſich von ſelbſt,
weil ja das deutſche Volk ſelbſt nie eine iſolirte Steklung unter den Völkern eingenommen
hat, weil manches Capitel der deutſchen Geſchichte nur dann erſt recht verſtanden werden
kann, wenn die Einwirkungen , die fremde Nationen auf die unſere ausgeübt haben , klar
gelegt werden. So wenig eine Geſchichte der deutſchen Pädagogik z. B. Rouſſeau uner-
wähnt laſſen fann , jo wenig kann der Unterricht in deutſcher Geſchichte Columbus, Lud»
wig AIY. und andere Namen unerwähnt und ihre Bedeutung für die allgemeine Welt-
geſchichte unerörtert laſſen. Selbſtverſtändlich iſt ferner, daß eine vierclaſſige Bürgerſchule
mehr der allgemeinen Weltgeſchichte Angehöriges in den Krei38 ihre3 Geſchicht3unterrichtes
aufnehmen kann, als eine zweiclaſſige Dorſſchule. Wünſchenswerth bleibt freilich, daß auch
die alte Geſchichte in der Volksſchule nicht ganz unvertreten ſei und in der That laſſen
jich wohl etliche Stunden finden, in denen ein geſchickter Lehrer in kurzen, prägnanten
Zügen auch den Schülern einer Volksſchule eine Idee von dem Leben und Geiſte der
alten Bölker =- denn das iſt auch hier viel mehr die Hauptſache als eine Menge von
Namen und -Jahrzahlen, Kriegen und Schlachten =- beibringen kann. Wenn auc für
den weltgeſchichtlichen Unterricht, wie für ſo manchen anderen, die knapp bemeſſene Zeit ein
Hinderniß größeren Erfolges wird, ſo iſt auf ein Mittel zur Steigerung des unterrich t-
lichen Erfolges zu verweiſen, das für keinen Unterricht ſo wirkſam zu gebrauchen iſt, wie
gerade für den geſchichtlichen ; das iſt die fleißige , dur mit dem Unterrichte in Beziehung geſeßte Benußung der Schulbibliothek. Wir wüßten
außer Reiſebeſchreibungen Nicht8, wa38 ſo leicht dem Privatfleiße de8 Schüler8 =- natür-
lich unter Leitung des Lehrer8 und mit Unterſtüßung durc< deſſen Unterricht =- überlaſſen
werden könnte, als die Lectüre guter geſchichtlicher Werke , namentlich Biographien und
Monographien. Mit Hülfe dieſes Mittels muß ein Lehrer im Stande ſein, Intereſſe und
Verſtändniß für Gegenſtände der allgemeinen Weltgeſchichte in ſeinen Schülern zu wecken und
zu fördern, für Gegenſtände, denen er in ſeinem Unterrichte, durch die Zeit beſchränkt, nicht
diejenige Aujmerkſamkeit angedeihen laſſen kann, die er ihnen zu Theil werden laſſen möchte.
Weltkunde. Unter dieſem Namen faßt man in der Volksſchule die geographiſchen,
geſchichtlihen und naturkundlichen Unterricht8gegenſtände zuſammen. Ueber ihre Behand-
lung in der Schule ſind demnach die betreffenden Artikel nachzuleſen. Ueber das Verhält-
niß der Weltkunde zur Vaterlandskunde , namentlich über ihre Berechtigung dieſer gegen- -
über , aber auch über die Ausſchreitungen, die der Unterricht in der Weltkunde ſich nicht
zu Schulden kommen laſſen darf, iſt der Artikel: Nationale Bildung zu vergleichen.
Grundſaß der neueren Pädagogik iſt: Der Schüler ſoll die Welt, in der er lebt, kennen
lernen , joweit die dem Unterrichte zugemeſſene Zeit und die geiſtige Faſſungskraſt des
Schüler8 es erlaubt. E38 ſoll aber eine Kenntniß und Erkenntniß von der Anſchauung
des Kindes Fernliegendem nicht erſtrebt werden auf Koſten des Unbekanntbleibens mit dem
dem Schüler Zunächſtliegenden. Ein Blik z. B. in naturgeſchichtliche Lehrbücher auch der
neueren Zeit läßt eine Beſolgung dieſer Forderung leider noch ziemlich oft vermiſſen, wenn
auch die Zeiten jener „Kinderfreunde“ vorbei ſind, in denen wohl irgend eine naturhiſtori=
je Merkwürdigkeit eine8 fremden Erdtheiles beſchrieben war, in denen man aber anſchau-
liche Beſchreibungen deſſen, was der Schüler ſelbſt vor Augen hat, umſonſt ſuchte. Noch
immer iſt nicht allſeitig genug anerkannt, daß der Schüler keine8wegs von ſelbſt ſehen und
verſtehen lernt und daher gar wohl Etwas geſehen und doch nicht geſchen haben kann.
Daß aber das Fremde berückſichtigt wird , foweit es möglich iſt, muß ebenfalls gefordert
werden, nicht nur, weil ohne ſolche Berückſichtigung die Weltkenntniß des Schülers eine
gar zu lüdenhafte bleiben würde , ſondern auch, weil der Gegenſaß, den das Fremde oft
genug zum heimiſchen bildet, dieſes leßtere erſt in dem rechten Lichte und in der rechten

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