82 Nachſchreiven | - Hachſicht
ſtehen, wird ein guter Lehrer und Erzieher niemals, Alle ſeine Schritte ſind wohl überlegt,
er fordert nie mehr, als der Schüler unter den gegebenen Verhältniſſen zu leiſten im
Stande iſt, und er beſtimmt Nicht3, was überhaupt oder unter den obwaltenden Umſtänden
nicht zur Ausführung gelangen fönnte. Bei ihm iſt jede Anordnung wohlgeprüftes Mittel
zur Erreichung des vorgeſteckten Zieles, daher kann er, ohne den Endzwek ſeines Strebens
aus dem Auge zu verlieren oder wenigſtens zu verrücen, nicht an ſeinen Vorſchriften von
ſeiten der Kinder mäkeln und mit fich handeln laſſen. Er kann es aber auch aus dem
Grunde nicht, weil durch jedes Nachgeben ein Zweifel an der Autorität ſeiner Perſon,
an der Ueberlegenheit ſeines Geiſtes und an der Feſtigkeit ſeines Willens, ſomit ein gut
Theil der nöthigen Achtung und des nöthigen Vertrauens verloren geht. Wo aber dies
geſchieht, wo durch Schwankungen im Befehlen naturgemäß auch Shwankungen im Ge»
horchen hervortreten, da iſt bald alle gute Disciplin, diejer Hauptfackor für eine gute Ex>-
ziehung , dahin. Der Lehrer mache fich daher zur Aufgabe, ſv zu handeln, daß ex nie
nachzugeben nöthig habe, und damit ex dabei nicht grauſam und unpädagogij< verfahre,
brauche er die Vorſicht, nicht allzu viel zu beſehlen und ſeine Anordnungen wohl präcis,
aber nie als unabänderlich, vielmehr als von der Erfüllung gewiſſer Bedingungen abhängig,
hinzuſtellen. Endlich ſeien ſeine Beſtimmungen jederzeit das Neſultat der reiſlichſten Er-
wägungen. Ruhe, klarer, durch pjychologijche Beobachtungen geſchärfter Blik und Liebe
zu den Kindern ſind Grundbedingungen zur Erlangung obiger Erzieherwei8heit. Sollte
der Lehrer aber einmal, was jelbſt dem Erfahrenen, mehr aber noh dem Anſänger be=
gegnen fann, bei ſeinen Anordnungen einen Fehlgriff gethan haben , jo gebrauche er die
Klugheit, dieſelben zu corrigiren, bevor er durc< Worſtellungen der Kinder oder ihrer Ael-
fern dazu gedrängt wird, und ſollte die Angelegenheit bereits in diejes8 Stadium vorgerückt
jein, ſo ſtelle er lieber den ſelbſterfannten Irrthum al8 Grund der Zurücknahme hin, als
daß er in den Kindern den Wahn auffommen laſſe, man könne geſtellte Forderungen durch
Drängen und Feilſchen außer Wirkſamkeit ſeßen.
Nachſchreiben. Darunier verſteht man das augenblickliche wörtliche oder aus8zugs-
weiſe Niedexſhreiben eines mündlichen Vortrages. Wenn nun in höheren Schulen und
namentlich auf Univerſitäten dieſe Art der Schreibthätigkeit vielfac<) ganz am Plaße
iſt und darmn verdient geüibt zu werden, ſo iſt ſie doh aus der Volksſchule gänzlich
hinauszuweiſen, weil die Schüler derſelben nicht die geiſtige Fähigkeit beſißen, „die leiten=-
den Gedanken eines Vortrages ſchnell herauszufinden, ihre Entwickelung und Begründung
raſch aufzufaſſen und unmittelbar wiederzugeben,“ weil denſelben ferner der dazu erforder-
liche ziemlich hohe Grad von Schreibfertigkeit mangelt, und weil endlich die Aufmerkſams=
keit der Volk8ſhulſchüler dann nicht eine ſo geſpannte ſein wird, als wenn ſie wiſſen, daß
jie Nicht3 nachſchreiben dürfen und ſich nicht tröſten können mit Goethe's Wort: „Denn was
man Shwarz auf Weiß beſißt, kann man getroſt nach Hauſe tragen." Das, was hier
im Allgemeinen vom Nachſchreiben geſagt iſt, gilt in noch höherem Grade auch von dem
in früheren Jahren jo vielfach beliebten Predigtnachſchreiben (fj. d.).
Nachſicht, die zeitweilige Abminderung geſtellter Forderungen, die Moderirung ſchein-
bar gerechtfertigter Crwartungen , iſt das Kennzeichen eines geduldigen Lehrer3 und eine
Haupttugend eines guten Crziehers. Sie wird bedingt durch das Lintreten unvorherge-
ſehener hinvernder Umſtände im Leben des Zöglinges und durch die Möglichkeit irriger
Anſichten und Täuſchungen von ſeiten des Lehrer3. Der Fälle, in welchen aus dem erſieren
Grunde Nachſicht nöthig iſt, find unzählige, doch ſind einige beſonderer Erwähnung werth.
Kränklichkeit des Körpers , geiſtige Schwäche , mißliche häusliche Verhältniſſe , Eintritt ge-
wiſſer Umſturzperioden im phyſiſchen Leben des Kindes, beiſpiel3weiſe Eintritt der Pubertät,
erfordern jolche Nachſicht mit den Leiſtungen. Nie aber ſei der Lehrer nachſichtig, wenn
triftige Gründe nicht vorliegen, ſondern wenn wohl gar ſittliche Gebrechen und Charakterfehler,
Trägheit, Leichtſinn, Lüderlichkeit u. a. der Grund der getäuſchten Erwartungen ſind; denn
in dieſen Fällen würde Nachſicht den Fehler nur nähren und verſtärken. Der Träge werde
alfo 3. B. ſo lange zur. Erfüllung ſeiner Pflicht genöthigt, bis er volle Genüge geleiſtet
hat 11. 3. 5. In dieſer Weiſe unnachſichtig ſein, iſt jedoch nicht gleichbedeutend mit unnach-

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