ladi Sweifel | m 341
- Zweifel. Der Zweifel ift ein Zuſtand, in welchem man zwiſchen mehreren möglichen
Annahmen oder: Entſchließungen unentſchieden hin-= und herſchwankt, weil entgegengeſehte
oder unzureichende. Gründe es. zu keinem ſicheren Urtheile und zu keiner feſten Entſcheidung
kommen Taſſen. Als Gegentheil von Zweifel tritt auf die Ueberzeugung als Reſultat ver-
nunftgemäßer Forſchung und: der Glaube al8 Noſyltat freier und williger, aber nicht aus
eigener Crfenntniß entiprungener Annahme, Weil der Zweifel das Vorhandenſein einer
mannigfaltigeren Erfahrung oder eines höheren Grades von- Ausbildung der menſchlichen
Denk= und Urtheilskraſt vorausſekt, als das Kindesalter gewöhnlich zu bieten pflegt, jo hat
der Crzieher der zarteſten Jugend auch ſelten Gelegenheit, in der Ausübung ſeines Berufes
und an ſeinen Zöglingen direct Erfahrungen über den Zweifel und ſeine Wirkungen zu
jammeln. Kinder ſind bekanntlich faſt aunsnahms8lo 8geneigt, gläubig das anzunehmen und
ohne Prüfung das für wahr zu halten, was Lehrer und Erzieher ansſprechen, und ſelbſt
ältere Zöglinge ſchwören noch oft genug blindling8 auf des Meiſter83 Wort. Kinderglaube
und treuer, rükhaltloſer Glaube werden de8halb immer als identiſche Begriffe behandelt.
G3 könnte daher ſcheinen, als ob das Capitel vom Zweifel für den erſilen Jugendführer
feinen beſonderen Werth, vor Allem aber keine praktiſche Bedeutung habe. Allein , man
laſſe fich von dieſem Scheine nicht täuſchen. Es iſt Erfahrungs8ſache, daß wenn auch nicht
In der frühen Kindheit, jo doch ſpäter in eines jeden Menſchen Leben eine Periode eintritt,
welche in Folge des Erwachen8 des kritiſchen Verſtande8 und der gleichzeitigen Erweiterung
ves ganzen menſchlichen Horizontes, eine Menge von neuen Gedanken erwet und An-
ſchauungen zum Bewußtſein und zur gegenſeitigen Vergleichung gelangen läßt, welche in
ihrer Geſammtheit Geiſt und Herz in eine Bewegung verſeßen, die dem alten Hergebrachten
und lange ruhig Geduldeten, wohl auch pietätvoll Verehrten den Untergang drohen. Dies
iſt die Periode des Zweifels. Sie tritt meiſt ſchon im Jüngling8= und Jungſrauenalter
ein, richtet ſich bezüglich ihres Anfanges , ihrer Dauer und der Heftigkeit ihrer Wirkung
jehr nach dem Grade der Entwickelung des ganzen Individuums, ſowie auch nach der
eigenthümlichen natürlichen Beanlagung, ſo daß die Zweifelperiode beiſpiel8weiſe im Mannes-
leben eine größere Bedeutung hat als in dem de8 Weibe3. Wenn hierdurch nachgewieſen
iſt, welchen allgemeinen Einfluß der Zweifel auf das innere Leben jede3 Menſchen ausübt,
und wenn weiter anerkannt. iſt, daß die Erziehung auch ſchon in der früheſten Lebensperiode
auf alle Vorkommniſſe Rückſicht zu nehmen hat, welche das Menſchenleben, wenn auch
vielleicht erſt in ſeinen ſpäteren Stadien berühren, jo iſt damit gleichzeitig geſagt, daß es
auch für den Erzieher der Kinder nicht gleichgiltig ſein darf, was die Pädagogik über da3
Capitel vom Zweifel ausſpricht, Zunächſt iſt wohl zu beachten, daß das Zweifeln an und
für fich, wenn- es nicht in Zweifelſucht ausartet, durchaus nicht3 Verwerfliches in ſich hat.
Haben doh bekanntlich viele der alten Philoſophen in ihren Syſtemen die Skepſis offenbar
empfohlen und giebt e8 doh kein naturgemäßeres und ſicheres Mittel , zu einem klaren
Verſtändmiſſe und zu einer feſten Ueberzeugung, zu einer entſchiedenen Handlungsweije zu
kommen, als den Zweifel! Und iſt doch auch dies Erfahrungsſaß : Wer nie gezweifelt hat,
hat auch nie recht geglaubt! Dennoch gehört die Zweiſelperiode zu den gefährlichſten im
Menſ hat nun die Erziehung zu thun, damit dieſe Geſahr gemindert werde? Sie ſoll den Zög-
ling nicht vor allem Zweifel überhaupt bewahren wollen , denn das kann ſie nicht; aber
ſie ſoll ihn ſo leiten, daß er geſchikt und gerüſtet iſt, um durch die auſtürmenden Zweifel
nicht in Verzweiflung gedrängt zu werden, ſondern nach Veſiegung derſelben zu einer ge-
läuterten Anſchauung, zu Ueberzeugung und Glauben zu gelangen. Dazu führen als Mittel
eine gründlicße Verſtandes= und eine geſunde Herzensbildung. Alle Zweifel werden vom
kritiſchen Verſtande angeregt und können auch nur auf dem Verſtande8= und Vermunftwege
beleuchtet und bekämpft werden. Zur Anregung von Zweifeln iſt ein geringerer Grad von
Berſtand nöthig als zur Abwehr und zur Bildung einer richtigen Ueberzeugung. Fehlt
dem Menjc tauchen, aber keine Löſung finden, und der Zweifel wird ihn zu Grunde richten. Hieraus
regeln ſich folgende Winke: Jeder Unterricht8gegenſtand, deſſen Objecte je einmal Gegen-
ſiand des Zweifels werden könnien, vor allem der Unterricht in der Religion, muß zunächſt

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