oo Philanthropiniomus DD M2
ſtracieſten , aber univerſellſten Zweig der bildenden Kunſt. Die übrigen Zweige derſelben,
das Bauen, das plaſtiſche Bilden, der Bodenbau 2e. ſind der Privatpflege überlaſſen. Die
muſikaliſche Phantaſie wird wenigſtens durc< den Geſang und die Declamation einigermaßen
angeregt, durch die leßtere aber zugleich die dichteriſche oder poetiſche Phantaſie. Paſſende
Lectüre und deutſche Aufſäße können und ſollen die nuchſchaffende und innerhalb gewiſſer -
Grenzen auch die ſchaffende Phantaſie wecken, nähren und vervollkommnen. Das Zeigen
guter Bilder mag hinzutreten. Kleine Ausflüge in ſchöne Gegenden, in gewerbliche Etabliſſe-
ments und wo möglich Muſeen würden eine heilſame Fortbildung gewähren. (S. Aeſthe=
tiſche Bildung.)
Philanthropinismus. Das Reformation8zeitalter hatte der Schule einen neuen Impuls
gegeben, aber in und während des dreißigjährigen Krieges und nach ihm wurde vieles Gute,
was vorher erzielt worden war, verkümmert oder gar vernichtet. Zn der Familienerziehung
waltete entweder finſterer Ernſt oder überſchwängliche Milde; in der Kirche folgte dem lebens -
fräſtigen Pietizmus der völlig ſtarrgewordene ; in der Philoſophie entwickelte ſich die Frei-
geijterei zu hoher Blüthe ; in den Schulen war die humaniſtiſche Richtung in ein Extrem
gerathen, das Über der Vergangenheit die Gegenwart, über den claſſiſchen Sprachen die
Mutterſprache, über dem Drange nach Wiſſen die Ausbildung des Uriheiles vergaß. Ein
unheilvoller Mechanismus breitete ſich immer mehr und mehr aus. „Gegen dieſe Abtödtung
der lebendigen Jndividualität durc< ein verkehries Studium der Claſſiker reagirte die Er-
ziehung der Aufklärung, die wir gewöhnlich die philanthropiſche nennen" ; in ihr ſollte die
Freiheit an die Stelle des Zwanges, die Selbſtthätigkeit an die des paſſiven Lernen treten.
Montaigne, Baco, Locke, Ratich, Comenius hatten für dieſes Princip nach Kräften gewirkt;
da brachte endlich Nouſſeau*s „Emile“ dasſelbe zum Durchbruch. Er predigte „das Natur-
evangelium der Erziehung, die Abſtraction von der Geſchichte, die Negation der beſtehenden
Cultur und die Rückkehr zur Einfachheit und Unſchuld der Natur." Beſonders hervor-
zuheben iſt dabei, daß durch ihn der Grundſaß , daß der Menſch von Natur gut ſei, in
der pudagogijc durch die in dieſem Werke ausgeſprochenen Jdeen gefeſſelt, angeregt, ja begeiſtert wurden.
Sie nahmen die Nouſſeawſchen Reformideen nicht nur in ſich auf, ſondern gingen alles
Ernſtes daran, ſie auch praktiſch durchzuführen. Unter ihnen muß Baſedow als Gründer
der philanthropiſchen Schule in Deutſchland (denn dieſen Namen gab man ihr) angeſehen
werden, Bald erſtanden Anſtalten, in denen anfangs der Ultraphilanthropini8mus rein
dur wücje erkannt worden waren, ziemlich bald dieſelben eine geläuterte Geſtalt annahmen.
Unjer modernes Schulweſen ſteht zum nicht kleinen Theile auf den Schultern dieſer geläuterten
Richtung. Aus der Neihe der bedeutenderen Philanthropen heben wir hier 'nur Wolke, Campe,
Salzmann, Gutsmuth3, Rochow hervor. Alle für Erziehung ſich Intereſſirende blickten mit
großen Hoſſnungen auf das Werk dieſer Männer; Kant, Euler, Iſelin wirkten durch die
Schrift für die Sache ; jelbſt der fromme Oberlin geſtand, er trage die von Baſedow ge-
gründete Anſtalt, das Philanthropin in Deſſau, im Herzen ; Fürſten, Magiſtrate und wohl-
habenbe Perjonen unterſtühten mit beträchtlichen Summen die neuen Erziehung8unternehmungen
jo lange, bis ihre Schwächen klar an den Tag traten. Philanthropiniamus nannte man
das Syſtem , weil die Tendenz desſelben die Menſchenliebe (Philanthropie) war. Die Grund-
jüße desjelben ſind der ziemlich reichhaltigen Literatur , welche die Philantropen auf den
Markt brachten, zu entnehmen. Das Wichtigſte ſei hier in aller Kürze angedeutet : „Das
Kind iſt zum gemeinnüßigen und glüſeligen Menſchen zu bilden.“ Dazu iſt aber nöthig,
daß Körper und Geiſt gleichmäßig gebildet, alle Einſeitigkeit aufgehoben wird. Jedenfalls
iſt es ein nicht zu unterſchäßendes Verdienſt der Philantropen, daß ſie die Nothwendigkeit
der förperlichen Bildung mit aller Entſchiedenheit betonten. Sie führten eine einfache, natür-
liche Kleidung, Gymnaſtik, Baden, Excurſionen und größere Fußreiſen ein, ſorgten für Ab-
härtung des Leibes, beſonder8 auch für Unterdrückung geſchlechtlicher Sünden und bezweckten
damit ein geſundes, kräftiges, natürliches Geſchleht heraufzuziehen. Bei der Erziehung
der Seele betonten ſie ganz beſonder8 die Erziehung zur Sittlichkeit, ja ſtellten dieſelbe
Handwörterbuch f. d. Volkſſchullehrer, 2. Bd. 6

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