82 Philanthropiniomus | - Yhlegina-
ſogar über die intellectuelle, Da ſie von dem von Rouſſeau mit aller Entſchiedenheit aus8-
geſprochenen Saße ausgingen, daß dex Menſch von Natur gut ſei, jo forderten ſie, daß
die Erziehung an dem erſten Leben3tage des Kindes anfangen müſſe. Es genügte ihnen
Großziehung (Angewöhnung) des Guten, Fernhalten und Verhüten des Böſen, Aufmunterung
und Belohmmg, während ſie von dex Strafe nur wenig wiſſen wollten, wie auch Belehrung
über die Sittenlehre. Was den Unterricht betraf, ſo waren ſie auf möglichſte Erleichterung
und Veranſchaulichung bedacht, damit die Kinder nur mit Luſt und Liebe lernten, Die Realien
traten in den Vordergrund, auch der Anthropologie ward ihr Necht enſgeräumt. Im Religions=
unterrichte nahmen ſie nicht Rückſicht auf kirhliche und conſfeſſionelle Unterſchiede, ſondern
lehrten „die natürliche Religion.“ Jm Sprachunterrichte behielt man das Latein bei, weil
die romaniſchen Sprachen aus ihm hervorgegangen und die Terminologie unſerer Wiſſen-
ſchaften, Künſte und des Rechtes in ihm wurzelt, verband mit Erlernung de8 Wortes die
Anſchanung, lehrte zuerſt ſprechen, dann leſen, zuleßt die Grammatik. Im mathematiſchen
Unterrichte war man auf möglichſte Anſchaulichkeit bedacht, und brachte mand)" vortreſſ-
liches Hülſsmittel zu Tage. Ueberall betonle man die Naturgemößheit und, wo es möge=
lich war, die Bildung der Sinne. Das muß man an den Philanthropen anerkennen, daß
fie für Ausführung ihrer Jdeen begeiſtert waren und daß ſie das Beſte wollten, Leider
geriethen ſie in mannigfache Verirrungen. Sie verſprachen Ungeheures, was ſie nicht zu
halten vermochten ; das Beſtreben , den Unterricht ſo leicht al38 möglich zu machen, artete
vft in kindiſches, Männern unwürdiges Weſen aus (3. B. Anwendung von VPfeſſerkuchen-
buchſtaben im Clementarlejeunterrichte); die Belehrungen über die Fortpflanzung des Menſchen
erfülſen uns mit Entſeßen ; der Religion8unterricht hatte alle Wärme verloren ; Vielwiſſerei
führte zur Zerſtreutheit., Dies und manche3 Andere noch mußte Gegner dieſer Reform er-
wecken, die Freunde des Syſtemes erſchreen und enttäuſchen. Der Philanthropini8mus ver-
mochte fich in Folge deſſen in ſeiner urſprünglichen Geſtalt nicht zu halten, hat aber, das
darf dur eſſe für die Schule, Verbeſſerung der Methodik , Verbannung der Unnatur, Begünſtigung
der förperlichen Crziehung, Belebung der pädagogiſchen Literatur, Begründnng der Jugend-
literatur , Verbannung der unvernünjtigen Härte z. B. gehören hierher. Auf den Volks-
Ihulunterricht hatte der Philanthropini8mu3 wenig Einfluß geübt; für ihn iſt Peſtalozzi
der Mieſormator geworden.
Phlegma. Bhlegma, von Beneke al8 Mangel an Reizempfänglichkeit und Lebendig-
feit erflärt, iſt nach alter Annahme eines der vier Temperamente und > Allgemeinen durch die Schwerfälligkeit, mit welcher e8 die einmal vorhandene Gemüths-
verfaſſung wechſelt. C8 iſt ſchwer und langſam zu bewegen ; einmal in Bewegung geſeßt,
harrt es ohne einen verſtärkenden, inneren JImpul8 in der Bewegung aus. Der Pfleg-
matiker neigt jich zur Ruhe, läßt die Dinge an ſich kommen, iſt ein Freund und Anhänger
des Gewohnten und Hergebrachten, liebt behaglichen Genuß, iſt pünktlich in ſeinen Geſchäften,
wenn ſie keine außergewöhnlichen Anſorderungen an ihn ſtellen, frei von poetiſchen JIllu-
ſionen und leidenſchaftlichen Auſregungen , daher beſonnen, umſichtig, praktiſch, zuverläſſig,
friedfertig, läßt Anderen gewähren, wenn ſie ihn nicht ſtören und verliert nicht leicht das
innere Gleichgewicht. Auch im Kinde3alter bemerkt man ſchon hier und da ein ſolches Phlegma.
An langjamer, träger Bewegung, die nicht aus Kraftloſigkeit, ſondern vielmehr aus Hang
zum Bequemen, den Sinnen Behaglichen, entſpringt, läßt ſich ſein Vorhandenſein erkennen,
Cin derartiges phlegmatiſche8 Kind ſtrengt fich, ſelbſt bei außerordentlichen Anlagen, ſelten
und nur dann an, wenn die ihm vorgezeichnete Aufgabe genau mit ſeiner Neigung über=-
einſtimmt, beim Nichtgeſingen geiſtiger Thätigkeit ermüdet e8 ſchnell und verzagt gar leicht
an ſeiner Kraſt. Dabei iſt e8 nur ſchwer auſzurütteln ; denn iſt das Phlegma in hohem
Grade vorhanden, ſo artet es gern in Gleichgiltigkeit gegen fremdes Urtheil, Lob oder
Tadel aus und geht jeinen Weg ſort, unbekümmert um den Eindru>, den es auf andere
Perſonen macht. Iſt ein Kind ſeinem Temperamente ſo weit verfallen, jo ſpricht man von
einem Temperaments8fehler desjelben, den der Erzieher zum Zwecke der Beſeitigung ſtreng
im?3 Auge zu faſſen hat. Leicht iſt e8 keine8wegs , denſelben zu befämpfen , mag er nun
herrühren von einem Mangel der angeborenen Anlagen, oder mag er von früheſter Kind-

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