Beſtechung durch Thränen. == Beſtimmung des Menſchen. 334
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machen. Der Lehrer muß dieſes Mittel um jo beharrlicher in Anwendung
bringen, als er wohl weiß, wie ſchnell ſich an Beſtehungsverſuchen der Geiſt
ver Verſtel lung ausbivet. Konnte das Kind vom Lehrer Alles erlan-
zen dvurc< Thränen, jo wird es ſich im ſpäteren Leben diejes Kunſtgriſſes
gleichfalls bedienen, um das Mitleid Anderer zu jeinen Zwecken anszubeuten;
und wem anders als der Shwäce, der Beſtechlichkeit des Lehrers müßte
dieſe ſchiefe Richtung des Characters zur Laſt gelegt werden! -- |
Beſtimmung des Menſchen. Von der Frage: wozu iſt der Menſch da,
welches iſt ſeine Beſtimmung? hängt die ganze Auſgabe der Erziehung und
Bildung ab, weßhalb wir ein großes Gewicht darauf legen, genau darzu-
jellen , welches der höchſte und lezte Zwe> unſeres Dajeins und Wirtens
- jei. Dieſe Darſtellung iſt bei Verſchiedenen verſchieden ausgefallen, je nach-
- vem der Standpunkt war, au] den ſie ſich bei ihren Unterjuchungen geſteilt
- hatten. So viel ſteht indeß feſt, daß ſie der Wahrheit um ſo näher kamen,
- je mehr ſie ſich dex Offenbarung anjhlojjen. Die Einen (wie Mendels-
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- john) ſeßten die Beſtimmung des Menſchen darein, rechtſchaffen und in
- der Nechtt
zu lieben, Gutes zu wollen und das Beſte zu thun, anzubeten und wohl-
zuthun. Andere jagen, die Beſtimmung des Menſchen beſtehe darin, das
mit Freiheit zu jein, was er durch unmittelbare Schöpfung Gottes den An-
lagen und Kräften nach urſprünglich iſt. Wieder Andere drücken ſich über
unſere Frage 10 aus: der Menſch iſt zur naturgemäßen Entwicklung aller
ſeiner Kraftanlagen beſtimmt. Und ein großer Theil ſelbſt theologiſcher Schrift:
jteller hält Tugend und Glücheligkeit für die Beſtimmung des Menſchen.
Endlich gibt es auch Solche , welche das Gottähnlichwerden als unjere Be-
ſimmung bezeichnen. Man wird in diejen begrifflichen Bezeichnungen meiſt
relative Vorſtellungen finden, welche nicht befriedigen. Es iſt dabei mehr
an die Selbſtthätigkeit des Menſchen für die Erreichung ſeiner Beſtimmung,
mehr an die Wege, Mittel, Folgen und Früchte der lehtern, als an ſie
ſelbſt gedac Aufſ fönnen, in welcher es heißt: daß Gott Alles um ſeiner ſelbſt wil-
len, zu ſeiner Ehre gemacht habe (Spr. 16, 4. Jeſ. 43, 7.), und
wornac Verherrlichung Gottes (Gloria Dei) iſt. Eine höhere Beſtimmung
für den Meni gegeben haben, weil ſie weder ihm, dem Schöpfer, noc< dem Menichen als
einem dentenden und freien Weſen entſpräche. Dieſe Beſtimmung, die Ver-
herrlichung Gottes, wird unter allen Umſtänden erreicht, darum kann nur
jie die wahre jein. Ob Jemand verdammt oder ſelig werde, beides muß
zur Verherrlichung Gottes dienen. Hätte dagegen Gott die Glüdſeligkeit
zur Beſtimmung des Menjc nicht unter allen Umſtänden erreicht wird, und wobei in vielen Fällen die
Echöpferabſicht als vereitelt erſchiene, was doch nie angenommen werden
darf. CEbenjo verhält es fich mit jedem andern Zwe, den man als den
lezten und höchſten des menſchlichen Daſeins aufſtellen mag. Doch, bewei-
ſen wir unjere Aufſtellung näher. =- Alle irdiſchen Weſen, wie herrlich ſie
auch) jein mögen, ſtehen an Vollkommenheit dem Menſchen weit na<. Sie
ſind um jeiner willen da , nicht umgekehrt. Wie das Gras für das Rind
und der Hafer für das Pferd exiſtirt, jo exiſtirt die ganze Welt des Jrdi-
jhen für den Menſchen, weil er vollkommener iſt als ſie; denn durch alle
Gebiete der erſchaffenen Dinge iſt immer das Unvollkommene für das Voll-
kommene da; folglich kann der Menſch, das erhabenſte und vollkonnnſte

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